Milena Moser fragt nach Glück
Noch einmal zum Thema Erschöpfung

Einfach, weil ich zu keinem anderen Thema so viele Zuschriften bekomme.
Kommentieren
1/6
Erschöpfung kennt kein Alter und keinen klaren Grund. Milena Moser beschreibt, wie sich dieses Gefühl durch alle Lebensphasen zieht – leise, dauerhaft, zermürbend.
Foto: Getty Images

Darum gehts

  • Milena Moser schreibt über Erschöpfung und Streben nach einfachem Glück
  • Eine Therapeutin nennt Erschöpfung in der heutigen Zeit unvermeidbar
  • Selbstreflexion führt zu Erkenntnis: Glück ist ein Moment, kein Zustand
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
Selfie 2.jpg
Milena MoserSchriftstellerin

Seit ich über die Erschöpfung der Vierzigjährigen und dann in meiner eigenen Altersgruppe geschrieben habe, haben sich unzählige Erschöpfte in allen unterschiedlichen Lebensphasen und Situationen bei mir gemeldet, angefangen bei einer 13-Jährigen, die nicht nur unter Prüfungsstress leidet, sondern auch unter der Angst, ihre Eltern zu enttäuschen. Das gibt mir zu denken. Wenn ich all die Zuschriften und Kommentare ernst nehme, und das tue ich, muss ich zum Schluss kommen, dass wir alle erschöpft sind. Nudelfertig, ausgelaugt, überfordert.

Ich schreibe «muss», denn ich will diesen Schluss nicht akzeptieren. Etwas in mir wehrt sich dagegen: mein unbändiger Wunsch, glücklich zu sein. Durchaus auch im Dienst an anderen, aber nicht nur, nicht bis zur Erschöpfung, nicht bis zur Selbstaufgabe. Es kann doch nicht sein, dass wir alle auf dem Zahnfleisch gehen! Das kann doch nicht der Sinn unseres irdischen Daseins sein?

Victor erinnert mich an ein Gebet, mit dem im vorkolumbianischen Mexiko die neugeborenen Kinder begrüsst wurden. «Ach, nun bist du hier auf die Erde geschickt worden, wo man ermüdet, wo man leidet ...»

Ich fand das immer äusserst befremdlich. Es gibt doch keine grössere Freude als die Geburt eines Kindes?

«Nicht für die alten Tolteken», sagt Victor. Aber er selbst ist ja ein moderner Tolteke, der das Leben in vollen Zügen geniesst, auch wenn es ihn nicht gerade sanft behandelt. Von ihm habe ich gelernt, meinen Blick für das Schöne zu schärfen, die kleinen, banalen Momente des Glücks zu erkennen und zu schätzen, gerade an schwarzen Tagen. Glück ist kein Zustand, Glück ist ein Moment.

Und doch ertappe ich mich dabei, wie ich meine spontane Antwort auf die Frage, wie es mir geht, oft relativiere. «Gut! Mir geht es gut», sage ich erst, und meist stimmt das auch. Das ist nicht selbstverständlich, war nicht immer so. Und trotzdem fühle ich mich manchmal verpflichtet, gleich nachzuschieben, dass es natürlich auch nicht immer einfach sei und blablabla.

Als ob sich das nicht von selbst verstünde! Kein Leben ist immer einfach.

Aber, eine zugegeben ketzerische Frage: Wäre das nicht schön? Wäre das nicht wunderbar? Wäre das nicht ein erstrebenswertes Ziel, ein schönes, einfaches, glückliches Leben zu leben?

«Du kannst nicht in der heutigen Zeit leben und nicht erschöpft sein, verunsichert, traurig», sagt eine befreundete Therapeutin. Kein Wunder, bei all den fürchterlichen Nachrichten, die uns jeden Tag überfluten, sodass wir nie auch nur ansatzweise dazu kommen, diese Schreckensnachrichten zu verarbeiten. Kein Wunder sind wir erschöpft: Nicht nur unser eigenes Leben, unsere Verantwortlichkeiten schlauchen uns, es ist die ganze Welt. Und unsere Hilflosigkeit angesichts all des Leidens überall. Wie sollen wir da glücklich sein? Ist das nicht ein vermessener Anspruch?

«Eines Tages wird diese Sorgenfalte zwischen deinen Brauen verschwinden», sagte eine Freundin vor Jahren zu mir. Mein jüngerer Sohn, damals ein Teenager, verdrehte die Augen. «Ja, wenn du den Sinn des Lebens verstanden hast», spottete er. Damals kritisierte er mich ständig, und ich reagierte wohl etwas gereizt: «Was ist denn der Sinn des Lebens?»

«Dass du nur eines hast.»

Da war ich still.

«Wenn du dir ständig Sorgen machst, ist das, wie wenn du Ketchup über ein Stück Kuchen schüttest», erklärte er. Wohlgemerkt, er liebte Ketchup, aber ich verstand trotzdem, was er meinte. Unterdessen habe ich noch viel mehr Falten als damals, aber es sind mehr Lachfalten dazugekommen.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen