Darum gehts
- Milena Moser blickt hoffnungsvoll auf das neue Jahr
- Es soll besser oder zumindest sanfter als das letzte Jahr werden
- Sich selbst nimmt sie vor, immer das Beste anzunehmen
Ich weiss nicht, wie oft ich in den letzten Wochen des vergangenen Jahres gehört – oder wie oft ich selbst gedacht – habe: «Ich kann es nicht erwarten! Das muss ein Ende haben. Das Jahr war jetzt lang genug!»
Und dann gleich: «Das nächste Jahr muss besser werden. Es kann ja nur besser werden.»
So viel Hoffnung! So grosse Ansprüche.
Letzte Woche klingelte es an der Tür. Ich kannte die junge Familie nicht, die vor mir stand, und Victor war nicht wirklich in der Lage, Besuch zu empfangen. So standen wir eine Weile herum, bis ich sie schliesslich doch hereinbat. Der kleine Junge, er war vielleicht sieben oder acht, hielt eine Zeichnung in der Hand, die er Victor schenken wollte. Sie zeigte eine Gruppe von Musikern unter einer Palme, jedes Instrument erstaunlich genau wiedergegeben.
«Henry spielt Geige, Flöte und Klavier», sagte der Vater stolz. Ich war beeindruckt.
Ausserdem lernte der Junge Deutsch, was in Amerika nicht gerade oft gebraucht und auch nicht an vielen Schulen unterrichtet wird, aber vielleicht gerade deshalb. Ach, und im Sport war er auch hervorragend, Baseball oder Basketball, das verwechsle ich immer. Ich lächelte und nickte und machte die entsprechenden bewundernden Geräusche.
Henry sprach wenige Worte Deutsch mit mir («Wie geht es Ihnen?»), rezitierte ein Gedicht, zog eine Sportmedaille unter seinem Pullover hervor und bat dann artig um ein Glas Wasser. Sie blieben nicht lange, sie waren schliesslich gekommen, um Victor zu sehen. Ich blieb mit einem unangenehmen Gefühl zurück, und nicht nur, weil ich in der Schweiz aufgewachsen bin, wo Angeben verpönt ist. Henry hatte auf mich auch eher gequält als eingebildet gewirkt.
«Der Junge ist sein Stiefsohn», erklärte Victor später das Verhalten seines Freundes. «Er will wohl einfach zeigen, wie stolz er auf ihn ist, wie lieb er ihn hat.»
«Hm.» Bei mir war das anders angekommen, aber eine der wichtigsten Lektionen, die ich von Victor gelernt habe, ist diese: Warum nicht einfach das Beste annehmen?
Warum nicht das Beste annehmen, dachte ich auch ein paar Tage später, als eine Freundin in meinem Beisein mit ihrer Enkelin telefonierte. Die Kamera war an, das Mädchen in diesem schwer zu schätzenden Alter zwischen Kindheit und ... dem Rest des Lebens. Im Bemühen um Diskretion ging ich ein paar Schritte weiter und hörte trotzdem noch einen halben Satz, der mit «... und natürlich war ich wieder die Beste!» endete. Auch das berührte mich seltsam, denn auch das hatte nicht angeberisch geklungen, sondern eher ein wenig gehetzt. Fühlte sie sich unter Druck? Dachte sie, sie müsse die Beste sein, um geliebt zu werden? Oder freute sie sich einfach über ein gewonnenes Schachturnier, wie meine Freundin mir erklärte?
Vielleicht waren es diese Beobachtungen, und die damit verbundenen Gefühle, die plötzlich ein komplett irrationales Mitgefühl für das junge neue Jahr in mir weckten. Wie viel Hoffnung hatten wir auf es draufgehäuft! Eine um die andere, wie Wolldecken, unter denen es bestimmt kaum mehr atmen konnte. Ich kannte dieses Gefühl: Bei so vielen Erwartungen hat man gar keine echte Chance mehr. Und das, was man wirklich zu bieten hat, wird auch gar nicht mehr wahrgenommen.
Warum nicht einfach das Beste annehmen? Wie immer das Beste aussehen mag.
«Du musst nichts beweisen, liebes neues Jahr», flüsterte ich. «Ich will eigentlich nur eines von dir: Sei sanft zu uns.»