Milena Moser über eine Definitionsfrage
Was heisst hier gut?

Was ein schlechter Mensch ist, wissen wir. Das bekommen wir täglich vorgeführt. Aber was heisst es, gut zu sein?
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Eine Bekannte von Milena Moser trug kürzlich einen solchen Button mit der Aufschrift «Be Good». Er erinnert an die Ermordung von Renée Nicole Good in den USA.

Darum gehts

  • Renée Good, Dichterin und Mutter, wurde in den USA ermordet
  • Das entfacht in Milena Mosers Kreisen die Diskussion: Was bedeutet es, ein guter Mensch zu sein?
  • Eine Bekannte von Moser engagiert sich unermüdlich für die Gemeinschaft
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Milena MoserSchriftstellerin

Sie war nicht die Einzige, die den Button trug an diesem Abend: Be Good, stand darauf. Sei gut. Aber auch: Sei wie Renée Good, die brutal ermordete Dichterin und dreifache Mutter.

Über dieses niederträchtige Verbrechen kann ich nichts sagen, was nicht schon hundertmal gesagt wurde. Darüber redeten wir an diesem Abend auch gar nicht, wir waren uns ohnehin alle einig. Aber wir redeten darüber, was es heisst, gut zu sein.

Das mag naiv klingen. Ist es vermutlich auch. Ich erinnerte mich an einen Neujahrsabend vor vielen Jahren in Zürich, an einen Raum voller Kultur- und Medienschaffender und wie die Frage nach Wünschen, Zielen und guten Vorsätzen aufkam, logisch, an Neujahr. Und wie mir dann, nach vielleicht etwas zu viel Champagner, herausrutschte: «Ich will ein guter Mensch sein.» Das Gespräch verstummte, die Blicke waren irritiert, manche spöttisch, ich bin ziemlich sicher, es wurden auch Augen verdreht. Ich rettete mich in einen Witz.

Ich schämte mich: Wie konnte ich so etwas Naives, Uncooles, Unironisches aussprechen? Hatte ich denn gar keine Distanz, keinen Scharfsinn? Wohl nicht, denn es beschäftigte mich wirklich. Gerade weil mir bewusst ist, wie weit ich von diesem Ideal entfernt bin. Und wie diffus dieses Ideal für mich ist, wie schwer es mir selbst fällt, zu definieren, was ein guter Mensch denn wäre. Kein Wunder, komme ich dem nicht näher.

Doch das ist eine andere Runde, wir sind älter, in einer weniger komfortablen Lage. Cool zu sein, ist ein Privileg. Wir sind Nachbarn in einem gebeutelten Land, die nicht zufällig um einen Tisch sitzen. Die Frage, was ein guter Mensch ist, wie wir gute Menschen sein können, ist plötzlich nicht mehr lächerlich. Sie könnte existenziell sein. Die Frage wandert um den Tisch. Gewissheiten hat niemand, die Antworten werden mit einem Fragezeichen am Ende ausgesprochen:

Jemand, der keinen Schaden anrichtet?

Andere nicht mutwillig verletzt?

Kein ungutes Gefühl im Raum zurücklässt?

Über seine eigene Nase hinausschauen kann, nicht nur seine eigenen Interessen im Auge hat, an der Gemeinschaft interessiert ist?

Das klingt doch machbar. Das sollten wir doch hinkriegen. Und doch bin ich mir nicht sicher. Niemanden mutwillig zu verletzen, okay, aber ich weiss genau, dass ich viele Menschen verletzt habe in meinem Leben. Ohne es zu wollen, aber manchmal garantiert auch ohne darüber nachzudenken. Und ist das nicht schlimmer, als eine Absicht zu verfolgen?

Wir haben grössere Probleme, schon klar.

Meine Tischnachbarin, die die Diskussion mit ihrem Button erst ausgelöst hatte, erzählte aus ihrem Leben. Sie war Ärztin, lektorierte medizinische Lehrbücher, lebte ein unauffälliges, aber zufriedenes Leben. So sah sie auch aus, sie wirkte eher unscheinbar, strahlte aber eine natürliche Selbstsicherheit aus, die erst auf den zweiten Blick erkennbar war. Sie wollte reisen, erzählte sie. Doch dann warf sie ihre Pläne über den Haufen, gründete eine Nachbarschaftsorganisation, organisierte Demos und Proteste und Aktionen. Unermüdlich, seit einem Jahr. «Tropfen auf den heissen Stein», sagte sie schulterzuckend. «Aber ich kann nicht anders.» Sie überlegte einen Moment und korrigierte sich: «Oder eher, ich kann. Ich kann das tun, andere können das nicht.»

Andere wie Victor und ich, dachte ich, aber ich sagte nichts, und das Gespräch wandte sich dann anderen Themen zu.

Um noch einmal auf Renée Good zurückzukommen: «Ich bin nicht böse auf dich.» Das waren ihre letzten Worte. Zu dem Mann, der sie mit einer Waffe bedrohte. Und dann erschoss. «Ich bin nicht böse auf dich.»

Sie war gut.

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