Darum gehts
- Milena Moser reflektiert über Selbstfürsorge in schwierigen Lebensphasen mit ihrem kranken Partner
- Seit elf Jahren erlebt sie vorübergehende Pflegephasen wegen der Krankheit ihres Partners
- Kleine Momente wie Gespräche und Spaziergänge helfen ihr, Kraft zu tanken
«Vergiss dich selbst nicht» ist ein Rat, der oft an Angehörige von Menschen gerichtet wird, die aus unterschiedlichen Gründen viel Zuwendung benötigen. Fürsorge, Pflege, Care-Arbeit, wie immer man das nennt, wenn wir ganz für jemand anderen da sind. Da sein müssen.
Seit elf Jahren, seit ich mich in einen «gesundheitlich herausgeforderten» Mann verliebt habe, finde ich mich auch immer wieder in dieser Rolle wieder, meist aus heiterem Himmel. Aber eben (bis jetzt) immer nur vorübergehend. Ich habe sehr viel Freiheit, die andere nicht haben, und ausserdem ein wohlmeinendes Umfeld. Das mir auch mal einen guten Rat gibt, siehe oben.
Sich selbst nicht vergessen
Das sagt sich so leicht: «Vergiss dich selbst nicht.» Sich selbst zu vergessen, ist sozusagen die Voraussetzung der Fürsorge, ist ihre Essenz. Aber unter Umständen auch ihr Ende, denn ewig halten wir das nicht durch. Ganz nebenbei: Warum ist es eigentlich so wahnsinnig ermüdend, an einem Krankenbett zu sitzen? Wo man doch faktisch gar nichts Anstrengendes tut? Vielleicht ist es die nervöse Konzentration auf den anderen, die innere Unruhe. Ich kann mich jedenfalls in solchen Phasen kaum auf ein Buch konzentrieren, lese dieselbe Seite siebenmal, bevor ich aufgebe. Ich ziehe mein Handy hervor und schaue mir endlose Aufnahmen von buddhistischen Mönchen auf einem Friedensmarsch an. Für mehr reicht es nicht. Ich bin ganz auf Victor eingestellt, und klar vergesse ich mich dabei. Wie könnte ich nicht?
Doch das zehrt an mir, das merke ich selbst. Und so versuche ich, nachdem die akute Gefahr erst einmal abgewendet ist, diesen guten Rat umzusetzen. Jeden Tag etwas für mich tun, nehme ich mir vor. Nur für mich. Nicht ganz einfach. Ich muss klein anfangen. Ich gehe zum Laden an der Ecke, kaufe frisches Gemüse, unterhalte mich mit dem Besitzer. Die Lage der Welt handeln wir ohne viele Worte ab, wir verstehen uns. Dann vergleichen wir unsere neuesten Enkelfotos miteinander, und unsere Mundwinkel ziehen sich nach oben. Die Stimmung hebt sich mit ihnen. «Solange es den Kindern gut geht», sagt er, und er muss den Satz gar nicht fertig machen.
Kitschfilm und Mezze
Am nächsten Abend bestelle ich mir ein Mezze-Plättli aus einem nahen Restaurant und esse es auf der Couch, den Laptop auf den Knien, ein Kitschfilm aus den 90er-Jahren flimmert über den Bildschirm. Ich gehe mit einer Freundin spazieren und komme an einem Baum vorbei, der mit Hunderten ehemals weissen, vom Regen verwaschenen und vom Wind zerzausten Zettelchen behangen ist. Ein «wishing tree» aus der Vorweihnachtszeit, ein Wunschbaum also. Die meisten Wünsche können wir gar nicht mehr lesen. Doch da entdecke ich den (zugegeben nicht ganz seltenen) Namen meiner Freundin: «Dass Katie Glück und Frieden findet», wünscht sich jemand. «Zufall», sagt sie. Aber das akzeptiere ich nicht, nicht in diesem Moment. «Das ist für dich gemeint», sage ich. «Da bin ich ganz sicher.»
Es sind kleine Momente, aber ich staple sie aufeinander, und der Stapel wird grösser. Diese Momente gehören mir. Und ich erlebe sie bewusst, weil ich sie mir bewusst vorgenommen habe: Was mache ich heute Schönes? Was tue ich mir Gutes? Ich habe geübt, diese Momente gegen mein notorisches schlechtes Gewissen zu verteidigen und vor meinen inneren Kritikern zu schützen. Diese Momente sind nicht selbstverständlich. Sie wecken, auch in dieser nicht so schönen Phase, Dankbarkeit in mir: Ich weiss, wie gut ich es habe.
Ich denke an die, die sich diese Momente nicht leisten können. Und möchte sie teilen. Dann ist Victor über den Berg, die Krise ist überwunden. Das ist normalerweise der Zeitpunkt, an dem ich zusammenklappe, aber diesmal nicht. Weil ich mich nicht vergessen habe.