Darum gehts
- Milena Moser hat kürzlich nach längerer Zeit eine Freundin wiedergetroffen
- Diese erzählt von einer grossen Veränderung in ihrer Beziehung zu ihrem Mann
- Das regt Moser an, auch über ihr eigenes Leben nachzudenken
Das Lokal war voll, sie sass auf der anderen Seite eines langen Tisches, ich konnte sie nur schwer verstehen. Wir hatten uns auch eine ganze Weile nicht gesehen. Ich musste einiges verpasst haben.
Hatte sie gerade gesagt, sie habe ihren Mann in Florida besucht? War er in die Ferien gefahren?
Ich gestikulierte mit den Händen, legte sie mir hinter die Ohren, zog fragend die Augenbrauen hoch. Sie lachte, stand auf und kam um den Tisch herum zu mir.
«Steh mal auf», sagte sie zu meinem Nachbarn. «Das wird etwas länger dauern.» Er zuckte nur mit den Schultern, stand auf und ging zu ihrem frei gewordenen Platz hinüber.
Sie setzte sich. «Also», sagte sie, und unterdessen war ich schon sehr gespannt. Es stellte sich heraus, dass ihr Mann vor zwei Monaten nach Florida gezogen war, ausgerechnet Florida. Aber er hatte dort nicht nur eine interessante Stelle angeboten bekommen, sondern konnte auch das Haus seiner Schwester übernehmen. «Mit Swimmingpool und allem!» Sie schien sich für ihn zu freuen. Hatte selbst aber überhaupt keine Absicht, ihm zu folgen. Sie lebt hier ihren Traum, leitet ein kleines Museum mit Leib und Seele und ganzem Herzen.
Ihre gemeinsame Tochter, das immerhin hab ich mitgenommen, hatte ausserdem letztes Jahr ihr Studium begonnen, an einem kleinen College irgendwo zwischen Kalifornien und Florida. Leeres-Nest-Syndrom, dachte ich, und noch ein paar andere Klischees purzelten in meinem Kopf durcheinander, Midlifekrise war eines davon, und dann platzte ich, ohne zu überlegen, mit der Frage hinaus: «Oh, wow, dann habt ihr euch also getrennt?»
Sie antwortete nicht gleich. Eine gewisse Müdigkeit breitete sich in ihrem Gesicht aus, nicht wegen ihrer veränderten Umstände, sondern wegen meiner Frage. Sie musste sie gefühlte tausend Mal gehört und tausend Mal beantwortet haben.
«Nein, haben wir nicht. Wir wissen noch nicht genau, was das für unsere Beziehung bedeutet», sagte sie, und es klang einstudiert.
«Aber ... aber ...» Ich verstummte. Es erstaunte mich selbst, wie viel mir an einer eindeutigen Antwort lag. Wie gross mein Bedürfnis nach klaren Verhältnissen offenbar war.
Denn, wenn ich ehrlich war, hörte ich in den letzten Monaten oder sagen wir, seit etwa einem Jahr, auch dauernd solche Fragen, die ich nur mit «Keine Ahnung!» beantworten konnte. Fragen wie «Was macht ihr denn jetzt?», «Bleibt ihr wirklich?» «Kommst du jetzt zurück?».
«Ich weiss es doch auch nicht.»
Ich mag diese Ungewissheit nicht. Sie fühlt sich nicht gut an. Ich wüsste schon gern, wie mein Leben weitergehen soll. Auch wenn mir intellektuell klar ist, dass solche Gewissheiten auch nie in Stein gemeisselt sind.
Meine Freundin schien das aber nicht weiter zu belasten. Sie naschte ein paar Pommes frites von meinem Teller, die langen Haare fielen ihr ins Gesicht, sie wirkte entspannt und gelassen.
«Mach dir nichts draus», wehrte sie meine halbherzige Entschuldigung ab. «Du bist nicht die Einzige, die Mühe hat damit. Frag nur meine Mutter!» Sie lachte und strich sich die Haare zurück. «Ich finds zwar anstrengend, aber eben auch wahnsinnig spannend. Wir lernen uns grad ganz neu kennen, mein Mann und ich ...»
Während ich versuchte, auf die nächste Gewissheit zu springen wie auf eine rettende Eisscholle auf hoher See, schien meine Freundin in diesem Dazwischen Freiheit zu finden. Ich bewunderte sie dafür. Beneidete sie vielleicht auch ein bisschen. «Finger weg von meinen Fritten», sagte ich und zog den Teller weg.
Sie lachte.