Darum gehts
- Michel Rolland beriet als Önologe über hundert Weingüter in 13 Ländern
- Seine Reisefreudigkeit brachte ihm den Spitznamen Flying Winemaker ein
- Rolland war bekannt für kraftvolle, weiche Rotweine.
«Es gibt keinen Michel-Rolland-Stil», rechtfertigte sich der Önologe vor vier Jahren in einem Podcast der Serie «Les 4 saisons du vin» der französischen Publikation «Sud-Ouest» und wehrte sich so gegen die beliebteste rhetorische Waffe seiner Kritiker.
Was er allerdings nicht mochte, waren herbe, harsche Rotweine mit unreifen Tanninen – dagegen arbeitete er an, mit ausgeklügelten Cuvées und modernster Kellertechnik. Spätestens seit Michel Rolland ist Gewölbekeller-Fass-Kerzen-Romantik kein Synonym mehr für Weinkeller, wie sie vornehmlich Weintouristen von früher kannten.
Zugängliche Stilistik
Rollands Weine sind kräftig, weich und früh zugänglich. Das gefiel Puristen weniger, kam aber bei den Weintrinkern rund um den Globus gut an und sorgte auch regelmässig für hohe Bewertungen von Weinkritiker Robert Parker. Letztendlich sorgte Rolland für volle Kassen bei den Produzenten, die seine Arbeit in Anspruch nahmen.
Michel Rolland wuchs am rechten Ufer der Dordogne auf. Bekannt ist die «Rive droite» für die Herkunftsbezeichnungen Pomerol, Saint-Émilion sowie Fronsac. Château Le Bon Pasteur in Pomerol war das Gut seiner Familie. 2013 verkaufte er es, blieb aber bis zuletzt im Lead bei der Weinmache. Rolland studierte in Bordeaux Önologie. Dort lernte er seine Frau Dany kennen. Das Paar gründete 1973 ein Weinlabor in Libourne.
Önologe in 13 Ländern
14 Jahre später betreute der Önologe im kalifornischen Sonoma seinen ersten Kunden ausserhalb der Weinregion Bordeaux. Es sollten so berühmte Namen folgen wie Ornellaia in der Toskana. Dort war Rolland von Anfang an mit dabei, prägte über zwanzig Jahrgänge und sorgte für den Durchbruch der Supertoskaner in den 1990er-Jahren.
Sein Portfolio wuchs auf über 100 Weingüter in 13 Ländern an. Rolland jettete von Ernte zu Ernte. War in Europa die Lese vorbei und der Wein stabil im Keller, ging es auf die Südhalbkugel nach Lateinamerika oder Australien. Das brachte dem geschäftstüchtigen Önologen den Übernamen Flying Winemaker ein. Selbst in Indien beriet Rolland ein Weingut.
Herzensprojekt in Lateinamerika
Ende der 1990er-Jahre, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, initiierte er im argentinischen Uco-Valley gemeinsam mit sieben Investoren das Megaprojekt «Clos de los Siete» mit einer Rebfläche von 850 Hektar und sieben Weingütern, die ihre Weine zu einer Cuvée vereinten.
Dort freute er sich am 11. März in einem Instagram-Post noch über die Merlot-Qualität zu Beginn der Lese: «Kein Wunder, dass er auf unseren argentinischen Weinen von Mariflor in 1100 Metern Höhe seine ganze Sinnlichkeit entfaltet, ohne dabei an Würze einzubüssen!»
Vergärung in Barriques und Stilwandel
Rolland war ein Revolutionär. Er führte Techniken ein, die bei Traditionalisten zu Schweissausbrüchen führten. Blick-Redaktor Alain Kunz erinnert sich: «Unter anderem begann Michel, den Wein teilweise in Barriques zu vergären. Und um zu veranschaulichen, was in diesem Barrique abgeht, liess er auf Château Le Bon Pasteur einen Fassboden aus Holz durch einen aus Plexiglas ersetzen. Beim ersten Mal habe ich sicher dreissig Fotos von diesem Barrique gemacht, derart faszinierend war das.»
Obwohl Michel Rolland das Familien-Château Le Bon Pasteur in Pomerol 2013 an chinesische Investoren verkauft hat, blieb er bis zum Schluss verantwortlich für die Weinmache. Hier die Notiz zum exzellenten Jahrgang 2024:
- Le Bon Pasteur 2024: Tiefe, aber sehr zurückhaltende Nase, leicht floral, dicht, Kräuterwürze; Schmelz, easy, smarte, aber präsente Tannine, minime Adstringenz, lebhaft, rechte Mundfülle, geht in jeden Winkel, nun sehr druckvoll, lang. 95/100 (45.40 Franken, arvi.ch)
Schauen wir auch gleich ins Weingut Monteverro rein, das es unter anderem dank Michel Rolland zu Respekt und Ansehen in einer schwierigen, weil sehr heissen Region, der Maremma in der Toskana, gebracht hat. Hier die neuen Jahrgänge:
- Vermentino 2024: 91/100 (15.30 statt 17.– Franken)
- Chardonnay 2024 (Fassprobe): Verhaltene Nase, zart Feuerstein, ein Hauch Exotik; Schmelz, Understatement, leichtfüssig, total elegant, Druck, leichte Bittermandeln, nussig, minim Butter, Mundfülle, etwas Kräuter, ätherisch, frisches, enorm langes Finish. 96/100 (67.50 Franken*)
- Verruzzo 2022 (40% Merlot, 25 % CF, 25 % CS, 10 % Syrah): Frisch-fruchtige, beschwingte Nase, rechte Power, dunkle Früchte, Würze; Schmelz, total süffig, Tannine, Spannung, hat sehr viel, stimmig, rechte Mundfülle, ätherisch, kräuterig, Medizinaltouch, die würzigen Rebsorten dominieren, also Syrah und CF, wunderschönes Finish. 92/100 – ein echtes Preis-Leistungs-Monster (18.90 Franken)
- Tinata 2024 (Fassprobe, 70 % Syrah, 30 % Grenache): Laktisch, frisch, rechte Frucht, verhalten, mineralisch; Schmelz, Himbeeren, total rund, ausgewogen, samten, wunderbare Tannine, ätherisch, zart, Lustwein ohne Ende, langes Finish. 96/100 (67.50 Franken*)
- Terra di Monteverro 2024 (Fassprobe): 92–93/100 (31.80 Franken*)
- Monteverro 2024 (Fassprobe, CS, CF, Merlot, Petit Verdot): Ausladende, pfeffrige, dunkelfruchtige Nase, eukalyptisch, tief, frisch, Power; Schmelz, präzis, smarte Tannine, die den Wein aber durchaus dominieren, ätherisch, Mundfülle, total harmonisch, elegant, lang, geil. 96/100 – Jahrgang 2019: 97–98/100! (112.50 Franken*)
(Die Weine gibts bei gerstl.ch. *Subskriptionspreise)
Obwohl Michel Rolland das Familien-Château Le Bon Pasteur in Pomerol 2013 an chinesische Investoren verkauft hat, blieb er bis zum Schluss verantwortlich für die Weinmache. Hier die Notiz zum exzellenten Jahrgang 2024:
- Le Bon Pasteur 2024: Tiefe, aber sehr zurückhaltende Nase, leicht floral, dicht, Kräuterwürze; Schmelz, easy, smarte, aber präsente Tannine, minime Adstringenz, lebhaft, rechte Mundfülle, geht in jeden Winkel, nun sehr druckvoll, lang. 95/100 (45.40 Franken, arvi.ch)
Schauen wir auch gleich ins Weingut Monteverro rein, das es unter anderem dank Michel Rolland zu Respekt und Ansehen in einer schwierigen, weil sehr heissen Region, der Maremma in der Toskana, gebracht hat. Hier die neuen Jahrgänge:
- Vermentino 2024: 91/100 (15.30 statt 17.– Franken)
- Chardonnay 2024 (Fassprobe): Verhaltene Nase, zart Feuerstein, ein Hauch Exotik; Schmelz, Understatement, leichtfüssig, total elegant, Druck, leichte Bittermandeln, nussig, minim Butter, Mundfülle, etwas Kräuter, ätherisch, frisches, enorm langes Finish. 96/100 (67.50 Franken*)
- Verruzzo 2022 (40% Merlot, 25 % CF, 25 % CS, 10 % Syrah): Frisch-fruchtige, beschwingte Nase, rechte Power, dunkle Früchte, Würze; Schmelz, total süffig, Tannine, Spannung, hat sehr viel, stimmig, rechte Mundfülle, ätherisch, kräuterig, Medizinaltouch, die würzigen Rebsorten dominieren, also Syrah und CF, wunderschönes Finish. 92/100 – ein echtes Preis-Leistungs-Monster (18.90 Franken)
- Tinata 2024 (Fassprobe, 70 % Syrah, 30 % Grenache): Laktisch, frisch, rechte Frucht, verhalten, mineralisch; Schmelz, Himbeeren, total rund, ausgewogen, samten, wunderbare Tannine, ätherisch, zart, Lustwein ohne Ende, langes Finish. 96/100 (67.50 Franken*)
- Terra di Monteverro 2024 (Fassprobe): 92–93/100 (31.80 Franken*)
- Monteverro 2024 (Fassprobe, CS, CF, Merlot, Petit Verdot): Ausladende, pfeffrige, dunkelfruchtige Nase, eukalyptisch, tief, frisch, Power; Schmelz, präzis, smarte Tannine, die den Wein aber durchaus dominieren, ätherisch, Mundfülle, total harmonisch, elegant, lang, geil. 96/100 – Jahrgang 2019: 97–98/100! (112.50 Franken*)
(Die Weine gibts bei gerstl.ch. *Subskriptionspreise)
Das Duo Parker/Rolland setzte neue Massstäbe für vollmundige, samtene, üppige Weine. Fortan wurden alle Betriebe, die den Franzosen als Berater einstellten, ebenso in die Schublade dieses Weinstils gesteckt. Dabei änderte sich der Parker-Stil in den letzten Jahren. Auch er, der Grossmeister der Üppigkeit und Konzentration, begann mehr auf Eleganz und Schlankheit zu setzen. Doch aus der Schublade kam er nie ganz raus.
Das Beispiel Monteverro
Das zeigte sich exemplarisch im Fall von Monteverro. Das Weingut in der südlichen Maremma ist der 2003 wahr gewordene Traum des deutschen Gartencenter-Unternehmers Georg Weber. Sein Credo: Alles so perfekt machen wie möglich. Und mit Michel Rolland sollte auch der perfekte Berater zur Seite stehen. Anfänglich wurde Monteverro deshalb als Retortenbaby belächelt, dem keine Chancen eingeräumt wurden, in einer sehr heissen Region ganz grosse Weine zu machen. Und dann war da auch noch Rolland mit im Spiel ...
Doch Weber, sein junger französischer Weinmacher Matthieu Taunay und Rolland machten das Unmögliche möglich. Die Weine, zu Beginn sehr muskulös daherkommend, speckten im Laufe der Zeit ab und wurden immer eleganter, immer feinziselierter, immer präziser, sodass sie mittlerweile regelmässig 96 Parker-Punkte oder auch mal drei Gläser von Gambero Rosso einheimsen. Rolland begleitete das Gut bis zum Schluss. Weber zu Blick: «Michel Rolland war zuletzt im Juni 2025 auf Monteverro und hat mit uns die Jahrgänge 2024 und 2025 des Gutsweins Monteverro geblendet. Wenn er beim Blending war, war er glücklich. Ein grosser Verlust!»
Michel Rolland starb in der Nacht auf den 21. März an einem Herzinfarkt. Er wurde 78 Jahre alt.