Extremtemperaturen – Bund soll helfen!
Schweizer Städte fordern nationalen Hitze-Aktionsplan

Glasfassaden, Steinhäuser und versiegelte Böden machen Städte zu Backöfen. Es gibt Lösungen – aber die Umsetzung harzt. Jetzt ruft der Städteverband zum nationalen Kraftakt.
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Der Sechseläutenplatz: Eine Hitzeinsel mitten in Zürich.
Foto: Keystone
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Annalena MüllerPolitredaktorin SonntagsBlick

Zu Hause bleiben, Storen schliessen, viel trinken: Die Appelle an Stadtbewohner klingen hilflos. Mit den alten Steinhäusern, neuen Glasbauten und zubetonierten Plätzen sind Städte Hitzeinseln, in denen es gut sechs Grad wärmer wird als im Umland – auch nachts.

Der Ausnahmesommer 2026 traf die Schweiz unvorbereitet. Spitäler, Altersheime und Schulen sind selten klimatisiert. Frühwarnsysteme und sogenannte «Climate Shelters» zur Abkühlung, wie es sie in Südeuropa gibt, fehlen hierzulande. Mit tödlichen Folgen: Allein im Juni starben in der Schweiz 340 Senioren mehr als erwartet. Für Juli und August dürften die Zahlen ähnlich ausfallen. Diese Bilanz veranlasste die UN-Hitzebeauftragte Eleni Myrivili letzte Woche zu öffentlicher Kritik: «Dafür gibt es keine Entschuldigung – wirklich keine», sagte sie gegenüber CH Media.

«Es gibt keine Entschuldigung»

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Tatsächlich hätte man besser vorbereitet sein können. Experten warnen schon lange vor den Folgen der Klimaerwärmung. Reto Knutti (53), Klimaforscher an der ETH Zürich, prognostiziert seit Jahren häufigere und längere Hitzewellen sowie Dürren durch fehlende Niederschläge und stärkere Bodenverdunstung. Zum aktuellen Sommer sagt er lapidar: «Willkommen in den Klimaszenarien.» Gleichzeitig mahnt er: «Wenn wir so weitermachen, sind auch noch ein paar Grad mehr drin.»

Nach den bisher fünf Hitzewellen dieses Sommers dürfte das für die meisten Städter nach Horror klingen. Basel verzeichnet bislang knapp 50 Hitzetage – zehnmal mehr als noch vor 50 Jahren. In Zürich oder Bern sieht es nicht besser aus. Internationale Medien überbieten sich seit Wochen mit Dystopien. Die «New York Times» sieht mitteleuropäische Städte vor dem Klimakollaps. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» zitiert Studien über höhere Suizidraten bei Hitze und in Schweizer Medien trenden interaktive Hitzekarten der Städte.

«Ich bin etwas überrascht, dass Medien und Gesellschaft so überrascht sind», sagt Edouard Davin (45), der an der Universität Bern zur Klimaadaption von Städten forscht. Vor seinem Büro an der Kochergasse brennt die Sonne erbarmungslos auf den Asphalt und die Granitplatten des Bundesplatzes – eine der Hitzeinseln der Bundesstadt. «Man könnte etwas dagegen tun, ohne das Rad neu zu erfinden», sagt Davin. Als kurzfristige Lösungen nennt er weisse, hitzereflektierende Fassaden und Strassenbeläge sowie Begrünungen, die Schatten spenden und die Temperatur senken.

Städte für anderes Klima gebaut

Bäume sowie begrünte Fassaden und Dächer sind zentrale Schritte der Klimaanpassung. Wie gross die Wirkung ist, hat der WWF im Juni in der Zürcher-Hitzeinsel Europaallee getestet. «Allein mit mobilen Bäumen und Rasenplatten konnte man die Temperatur um sechs Grad senken.» Das Problem: Pflanzen brauchen Wasser. Dieses fehlt bei anhaltender Hitze zunehmend – zumindest, solange unsere Städte so gebaut sind, wie sie es heute sind.

«Mitteleuropäische Städte wurden für ein anderes Klima gebaut», erklärt Kirsten Thonicke (54) vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Durch die flächendeckende Asphaltierung fliesst Regenwasser schnell ab. Was bei regelmässigem Niederschlag sinnvoll ist, wird bei Dürreperioden und plötzlichem Starkregen zum Problem: «Das Wasser kann nicht versickern, der Boden speichert es nicht und die Pflanzen verdursten.» Mehr Grün muss folglich mit Entsiegelung einhergehen. Forscher sprechen dabei von «Schwammstädten». Statt Beton braucht es Kies, Gras, versickerungsfähige Pflasterungen und Speicherbecken für Starkregen.

Als europäische Vorbilder gelten Kopenhagen und Paris. Kopenhagen ist mit über 300 umgesetzten Projekten eine Vorzeigeschwammstadt. Das dicht bebaute Paris wiederum zeigt, dass urbane Klimaanpassung ein Prozess ist, der einen langen Atem erfordert. Nach einem Negativrekord der Luftqualität im Jahr 2015 begann die Stadt, Strassen stillzulegen, Velowege auszubauen sowie Böden zu entsiegeln und zu begrünen. Heute ist die Luft besser, in der Seine kann wieder geschwommen werden und die begrünten Viertel trotzen der Hitze spürbar besser. Dennoch wird es Jahrzehnte dauern, bis die Metropole vollständig adaptiert ist, denn Klimaanpassung braucht Zeit und politischen Willen. Letzterer hat sich in Paris erst nach langem Leidensdruck der Bevölkerung durchgesetzt.

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Klimaanlagen sind (k)eine Lösung

Der Leidensdruck führt auch in Schweizer Städten zu einem Umdenken. In einem neuen Positionspapier, das Blick vorliegt, formuliert der Städteverband die aus seiner Sicht wichtigsten Massnahmen: mehr Handlungsspielraum bei Begrünung, Entsiegelung und nachhaltiger Stadtentwicklung. Städteverbandspräsident Hanspeter Hilfiker (61) sieht die Anpassung an den Klimawandel als «eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe» und fordert im Interview mit Blick einen nationalen Hitze-Aktionsplan und finanzielle Unterstützung. Beim zuständigen Bundesrat stossen die Städte mit ihrer Forderung jedoch auf taube Ohren. Just am Mittwoch lehnte Umweltminister Albert Rösti im «Echo der Zeit» nationale Massnahmen als unnötig ab. Und sprach sich stattdessen für Klimaanlagen für alle aus.

Klimaforscher reagieren auf den Ruf nach Klimaanlagen zurückhaltend: «Ohne punktuellen Einsatz von Klimaanlagen wird es langfristig nicht gehen», sagt Knutti. Davin findet «Klimaanlagen höchstens für vulnerable Personen in Krankenhäusern, Altenheimen und Schulen sinnvoll». Denn es gebe mit Fernkälte eine gute klimaverträgliche Alternative. Sie funktioniert ähnlich wie Fernwärme, aber mit kaltem Wasser. Auch die Berner Stadtplanerin Jeanette Beck (49) hält wenig von Klimaanlagen. «Wir müssen prüfen, wie und wo Kälte in der Stadt Bern effizient produziert und verteilt werden kann.» Von heute auf morgen gehe das nicht. Aber sie weiss aus Erfahrung: Um solche Grossprojekte umzusetzen, brauche es neben der Finanzierung vor allem politischen Willen. Laut Beck hat «der Hitzesommer hier definitiv zusätzlichen Schub ausgelöst».

«Klimapolitische Bankrotterklärung»

SP-Nationalrat Jon Pult (41) sagt, ein «national koordiniertes Vorgehen zwischen Gemeinden, Kantonen und Bund» sei jetzt nötig. Der alleinige Fokus auf Klimaanlagen sei eine «klimapolitische Bankrotterklärung». Grünen-Chefin Lisa Mazzone präzisiert, dass der Bund besonders in Akutsituationen schneller reagieren könne als Gemeinden. «Er kann ihnen zum Beispiel während einer Hitzewelle erlauben, den Verkehr zu reduzieren.» Aber Mazzone (38) übt auch Kritik: Städteplanerische Fails wie die Europaallee in Zürich und das Wankdorf in Bern hätten diese selbst zu verantworten.

Klimaforscher Davin schaut pessimistisch auf den politischen Herbst. «Wenn es abkühlt, wird der Druck auf die Politik abnehmen.» Ob ohne Druck die politischen Gräben in Bundesbern überwunden werden können, scheint fraglich.

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