Darum gehts
- Post will im eigenen Betrieb erst 2040 klimaneutral werden, bisher war 2030 geplant
- Die gesamte Wertschöpfungskette soll sogar erst 2050 Netto-Null erreichen
- Letztes Jahr hat bereits die UBS ihre Klimaziele um 10 Jahre verschoben
Die Schweiz schwitzt, Europa brennt. Gut möglich, dass wir gerade den neuen Rekordsommer erleben. Ausgerechnet jetzt, wo Trockenheit und Hitze das Land beherrschen, und der Bevölkerung vor Augen führen, was in den nächsten Jahren noch auf sie zukommen könnte, tritt Post-Chef Pascal Grieder (49) bei den Klimazielen auf die Bremse.
Dabei inszeniert sich die Post gerne als Klimavorreiterin. Klimaschutz ist eines ihrer sieben strategischen Ziele – und der Staatsbetrieb lässt sich das was kosten. In guter Erinnerung: der Thüringer Wald, den der gelbe Riese vor drei Jahren für 70 Millionen Euro kaufte, um die Klimabilanz aufzupolieren.
Post versteckt brisante Neuigkeit geschickt
Stolz stellt der Staatsbetrieb seinen Einsatz fürs Klima ins Schaufenster. Auf Zustellfahrzeugen, Briefkästen, in den Filialen – grüne Streifen und lustige Sprüche verkünden: Die Post macht was. Dass sie bereits 2000 E-Lieferwagen auf der Strasse hat, war ihr Anfang Juli sogar eine Mitteilung an die Presse wert. Die brisante Neuigkeit, dass sie bei den Klimazielen zwei Gänge zurückschaltet, versteckt sie geschickt am Ende der Nachricht.
Blick wollte es genau wissen: Noch Mitte März verkündete der Geschäftsbericht, in vier Jahren (2030) wolle die Post im eigenen Betrieb klimaneutral sein. Bis 2040 sollte entlang der gesamten Wertschöpfungskette Netto-Null erreicht sein. Heute klingt das plötzlich anders: Der eigene Betrieb soll neu erst in 14 Jahren klimaneutral sein. Netto-Null bis 2040 gilt nur noch für die Wertschöpfungskette «nahe am Kerngeschäft». Und die gesamte Wertschöpfungskette? Die soll bis 2050 folgen.
Waren die Ziele von 2022 zu ambitioniert? Die Post verneint: «Das Ziel war im damaligen Umfeld realistisch.» Seit 2022 hätten sich aber Markt, Technologien und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändert. So habe sich etwa der Markt für CO₂-Entnahme und -Speicherung langsamer entwickelt als erwartet.
«Klimakrise verschiebt sich nicht um zehn Jahre»
Die Post ist wirtschaftlich unter Druck, und der neue Chef gilt intern als Sparfuchs. Sparen auf Kosten des Klimaschutzes also? Sie reduziere nur die Ausgaben für die CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre und CO₂-Speicherung, beteuert die Post. Bei den Massnahmen zur CO₂-Reduktion spare sie hingegen nicht.
«Natürlich steht die Post unter wirtschaftlichem Druck», sagt die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter (53). «Aber es ist ein Denkfehler, Klimaschutz einseitig als Kostenfaktor zu sehen. Die Kosten des Nichtstuns sind viel höher.» Denn: «Die Klimakrise verschiebt sich nicht einfach um zehn Jahre.»
Suter erwartet, dass sich die Post kritischen Fragen der Politik stellen muss: Wer sich jahrelang als Vorreiterin präsentiere, könne sein ambitioniertes Klimaversprechen nicht einfach ohne klare Erklärung zurücknehmen.
Auch die Zürcher Grünen-Nationalrätin Marionna Schlatter (45) bedauert den Entscheid der Post. «Der Staat muss eine Vorbildfunktion einnehmen – das gilt auch für die Post», fordert sie. So sieht es auch das Klima- und Innovationsgesetz. Es schreibt bundesnahen Betrieben vor, ab 2040 mindestens Netto-Null-Emissionen zu erreichen.
Nationalrätin erwartet eine Erklärung
Derweil sieht sich die Post selbst als vorbildlich: «Die Post gehört beim Klimaschutz weiterhin zu den ambitioniertesten Unternehmen der Schweiz», so ein Sprecher. Der Vergleich mit anderen Staatsunternehmen zeigt: Die SBB haben ähnliche Ziele, die Swisscom ist ehrgeiziger. «Wir haben uns verpflichtet, bis 2035 entlang unserer gesamten Wertschöpfungskette Netto-Null zu erreichen», schreibt das Telekom-Unternehmen.
Keine Überraschung ist das Zurückrudern der Post für den Solothurner SVP-Nationalrat Christian Imark (44). «Die Klimaziele sind abstrakte Willensbekundungen, die mancherorts an den Realitäten scheitern werden, sowohl bei der Post, als auch in Wirtschaft und Gesellschaft.» Technologien für die CO₂-Entnahme und -Speicherung seien noch in den Kinderschuhen und derzeit nicht wettbewerbsfähig implementierbar, so Imark.
Auch UBS lässt sich bei Klimazielen mehr Zeit
Der gelbe Riese ist denn auch nicht der einzige Schweizer Konzern, der sich beim Klimaschutz mehr Zeit lässt als geplant: Letztes Jahr hat die Grossbank UBS ihr Klimaziel ebenfalls um zehn Jahre nach hinten verschoben. Netto-Null soll erst 2035 Realität werden. Davor hatte die Grossbank 2025 angestrebt.
Für Suter und Schlatter sind die Post und die UBS symptomatisch für die aktuelle Stimmung. Schlatter spricht von gesunkenen Ambitionen; Suter nennt es Gegenwind für den Klimaschutz. Einig sind sich beide: An Klimaschutz führt kein Weg vorbei, und jetzt zu handeln, ist günstiger, als die Probleme zu vertagen.