Darum gehts
- Schweizer Gewässer leiden unter Hitze und Trockenheit, Millionen Fische bedroht
- 89'000 Fische im Kanton Bern umgesiedelt
- Bereits 75 Prozent der einheimischen Fischarten stehen auf der roten Liste
Um Fische, Flusskrebse, Muscheln und zahlreiche wirbellose Lebewesen in den Schweizer Gewässern steht es zunehmend schlecht. Während die Wassertemperaturen in grossen Seen und Flüssen laufend die kritische 25-Grad-Marke überschreiten, versiegen immer mehr kühle Zuflüsse infolge der anhaltenden Trockenheit. Somit verlieren die Wasserbewohner ihre lebensrettenden Rückzugsräume und verenden zu Hunderttausenden.
Wie SRF berichtet, versucht man derzeit stellenweise mit Notabfischungen dem grossen Fischsterben entgegenzuwirken. Bei der Notfallmassnahme werden Fische aus einem bedrohten Gebiet mit Elektrofanggeräten möglichst schonend entnommen und in ein Ersatzhabitat umgesiedelt. Allerdings unterliegt die Massnahme strengen Auflagen. Und: Geeignete Aussetzungsstellen werden immer seltener.
Welche Fische sind am meisten bedroht?
Hitze und Trockenheit setzen vor allem Kaltwasserfischen wie Forellen, Äschen und Elritzen zu, teilt David Bittner (49) vom Schweizerischen Fischerei-Verband auf Anfrage von Blick mit. Die aktuelle Situation betreffe aber auch andere Fischarten. Bereits drei von vier einheimischen Fischarten stehen auf der Roten Liste. Das gesamte Ökosystem im und am Wasser sei betroffen.
Welche Kriterien sind für eine Notabfischung entscheidend?
Wie das Bundesamt für Umwelt (Bafu) Blick auf Anfrage mitteilt, werden Notabfischungen nur nach einer sorgfältigen Prüfung der Situation durchgeführt. Nur wenn die Tiere vom Tod bedroht sind und keine Besserung in nächster Zeit in Sicht ist, kommt eine Umsiedlung infrage – insofern sich in der Nähe ein geeignetes Ersatzgebiet finden lässt.
Wieso sind Notabfischungen so heikel?
Laut Bittner ist die Wirkung von Notabfischungen umstritten. Nur falls ein optimaler Ersatzlebensraum mit einer langfristigen Frischwasserversorgung vorhanden ist, seien die Rettungsaktionen vielversprechend. Auch bedeuten Einfangen und Umsiedeln für die Tiere einen grossen Stress.
Wie lautet die Prognose für diesen Sommer?
Für eine Besserung der Situation bräuchte es zwingend ergiebige Niederschläge. Da diese aber auch bis zum Ende dieses Monats nicht in Sicht sind, rechnet Bittner mit vielen Millionen toten Fischen. Das wäre laut ihm «die grösste Katastrophe, welche die Schweizer Fischwelt je gesehen hat».
Wo ist die Situation aktuell am dramatischsten?
Laut Bittner spitzt sich die Lage in der gesamten Schweiz dramatisch zu. Am stärksten betroffen sei klar das Mittelland, insbesondere das Emmental im Kanton Bern. Tatsächlich wurden im Kanton Bern bis jetzt auf einer Länge von 96 Kilometern 89'000 Fische umgesiedelt. Wie es von der zuständigen Stelle heisst, betrug der Aufwand für die Einsätze gut 2000 Stunden.
Wie weit helfen Notabfischungen?
Stellenweise ausgetrocknete Gewässer benötigen laut Bittner Jahre, um sich wieder zu erholen, selbst ohne weitere Hitzesommer. Das gilt auch für die darin lebenden Fischbestände. Während Notfallmassnahmen kurzfristig etwas Abhilfe verschaffen, müsse der Fokus langfristig auf dem Gewässerschutz liegen.