Darum gehts
- Milena Moser reist spontan nach Genf für Treffen mit Freundin
- Spontanes Ja-Sagen gibt ihr unerwarteten Kick und neue Erkenntnisse
- Drei Stunden Zugfahrt für Pizza, Wein und Gespräche am Genfersee
Gerade wieder in der Schweiz gelandet, versuche ich, so viele Treffen wie möglich zu vereinbaren, ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Die Zeit ist immer zu kurz, egal, wie lange ich bleibe.
«Wann hättest du denn Zeit?», schreibe ich meiner Kindergartenfreundin. Und sie: «Heute Abend.» Heute Abend? Ich muss lachen. Heute Abend, wie stellt sie sich das vor, sie lebt in Genf, immerhin drei Zugstunden von mir entfernt. Da müsste ich also gleich los, und dann auch bei ihr übernachten. Und vormittags hab ich doch immer meine Coachingtermine ...
«Ich hab Internet», unterbricht sie meine Gedanken, sie kennt mich eben. Also steige ich in den nächsten Zug, sie holt mich in Genf ab, wir essen Pizza und reden und trinken Wein und schauen über den spiegelglatten See und die Lichter auf der anderen Seite.
Auf der Rückfahrt am nächsten Tag fühle ich mich geradezu beflügelt. Dabei habe ich in meinem Leben schon grössere Abenteuer erlebt als eine dreistündige Zugfahrt. Ich hab schon mehr gewagt. Es ist nicht der Ausflug an sich, auch nicht das Zusammensein mit meiner Freundin, so sehr ich es genossen habe.
Das Ja gibt den Kick
Es ist das Jasagen selbst, das mir einen Kick gegeben hat. Dieser spontane Sprung über die imaginären Hürden, die mein innerer Kleingeist fast automatisch aufbaut, das geht doch nicht, das ist zu aufwendig, und überhaupt.
Diese Erkenntnis überrascht mich: Seit Jahren versuche ich, das Neinsagen zu lernen. Das fällt mir so schwer wie den meisten Frauen, die ich kenne, und auch einigen Männern. Denn wir sagen aus den falschen Gründen Ja, nicht aus Übermut, sondern aus Pflichtbewusstsein. Weil es von uns erwartet wird oder wir das wenigstens glauben. Wir sagen Ja, weil wir meinen, wir müssen. Bis wir irgendwann total erschöpft sind von den unzähligen kleinen und grossen Gefallen, die wir uns gegenseitig im Kreis herum tun.
Nein ist ein ganzer Satz!
Und dann schenkt uns jemand einen Selbsthilferatgeber oder einen Kühlschrankmagneten, auf dem «Nein ist ein ganzer Satz!» steht, und wir versuchen es, wir üben und trainieren es: «Nein, sorry, da kann ich nicht. Nein, das geht nicht. Nein. Nein. Nein.»
Es fühlt sich gut an. Und die Welt hört nicht auf, sich zu drehen, das Umfeld bricht nicht zusammen. Doch jetzt stelle ich fest, dass bei mir eine unerwünschte Nebenwirkung aufgetreten ist: Ich habe ganz vergessen, wie gut es sich anfühlt, Ja zu sagen. Ich habe vergessen, dass es nicht nur das Ja der Verpflichtung gibt, sondern auch ein Ja des Unverhofften, ein Ja der Möglichkeit.
Und vielleicht ist mein Nein in manchen Bereichen genauso automatisch geworden wie früher mein Ja. Das erinnert mich an ein Buch, das ich vor Jahren einmal gelesen habe. Ein britischer Journalist, vielleicht war es auch ein Amerikaner, sagte ein Jahr lang Ja zu allem, was ihm zugetragen wurde, selbst zu den nigerianischen Prinzen, die ihm ihr Vermögen vermachen wollten. Das führte zu allen möglichen, zum Teil fantastischen Abenteuern. Trotzdem habe ich das Buch damals nicht zu Ende gelesen. Die Vorstellung verstörte mich mehr, als dass sie mich inspirierte.
Heute sehe ich das etwas klarer: Es ist der Automatismus, das sture Befolgen einer Regel, das mir widerstrebt. Stattdessen nehme ich mir vor, dann Ja zu sagen, wenn ich diesen kleinen Kick verspüre, diese innere Weite, dieses «Warum nicht?», das jedem Abenteuer vorausgeht. Auch wenn es nur eine Zugfahrt ist.