Darum gehts
- Eine Gruppe erzählt vom Gefühl des Andersseins und biografischen Bruchlinien
- Gemeinsames Essen betont Zugehörigkeit trotz familiärer Entfremdung und gesellschaftlicher Normen
- Der Begriff «logische Familie» beschreibt neue Bindungen jenseits biologischer Verwandtschaft
«Ich war einfach immer das komische Schaf», sagt eine jüngere Freundin, und alle lachen, alle wissen, was sie meint: nicht das schwarze Schaf, nicht ein dramatisches Problem. Von der eigenen Familie nicht verstossen, nicht verurteilt, aber doch immer irgendwie ein bisschen daneben.
«Ich auch», nicken denn auch ausnahmslos alle. Wir sind eine bunt gemischte Runde, die an diesem Abend um den Küchentisch einer Freundin sitzt. Alle Altersgruppen und Lebenssituationen sind vertreten. Und doch stellen wir im Verlauf des Gesprächs heraus, dass uns etwas verbindet: Wir haben nie ganz nahtlos, mühelos in die Familie gepasst, in die wir hineingeboren wurden. Und zwar egal, in welchem Jahrzehnt das war und wie sich diese Familie zusammensetzte.
«Ich war immer der Bünzli», sagt zum Beispiel Daph. «Die einzige unter meinen Schwestern, die null künstlerische Ambitionen hat. Sehr zur Enttäuschung meiner Mutter.» Daph wollte immer eine Familie gründen und kochen. Beides hat sie mit einzigartiger Hingabe geschafft, doch auch wenn sie ihr letztes Restaurant mit Gewinn verkauft hat, würde sie sich nicht als erfolgreich bezeichnen. Weil sie das in den Augen ihrer Familie nicht ist.
«Wann hört das auf?», fragt sie. «Wann ist es uns egal, was die denken?»
Darauf weiss niemand eine Antwort, dafür haben wir alle Anekdoten zu erzählen: Jim zum Beispiel hat nach dem Militärdienst studiert, statt der Armee treu zu bleiben, wie seine Brüder es getan haben, und vor ihnen der Vater. Jetzt ist er einer der jüngsten festangestellten Professoren an einer angesehenen Universität, doch diese Tatsache wird in seiner Familie höchstens in entschuldigendem Flüsterton erwähnt, als sei es ihnen peinlich.
«Ist es vermutlich auch.»
Ist es ein Zufall, dass wir nun alle um denselben Tisch sitzen und Spaghetti essen? Ich glaube es nicht. Ich glaube, wir haben uns gegenseitig erkannt, bevor wir die Einzelheiten kannten. Wir haben eine Verwandtschaft gespürt, genau dieses Gefühl des Dazugehörens, des Angenommenseins, das uns gefehlt hat.
«Wir sind halt Schwäne», sagt jemand, und ich brauche einen Moment, um mich zu erinnern: Die Geschichte vom hässlichen Entlein, genau. Es musste auch erst grösser werden, um zu erkennen, dass es in Wirklichkeit ein Schwan war.
Mit den hoheitsvollen, eleganten und manchmal bissigen Schwänen mag sich allerdings niemand am Tisch identifizieren, und so bleiben wir bei den komischen Schafen.
«Sollen wir einen Klub gründen?», fragt jemand, doch auch das ist nicht ganz stimmig.
Wir sind eine Familie.
Armistead Maupin, der Autor der wunderbaren Stadtgeschichten, hat den Begriff der «logischen Familie» geprägt – im Unterschied zur bio-logischen. Die Wahlfamilie war immer ein zentrales Thema dieser Stadt, diesem historischen Anziehungspunkt für Andersdenkende und Anderslebende. In San Francisco blühte jahrzehntelang die LGBTQ-Gemeinde, die Kunstszene, der politische Widerstand. «Da wohnen nur Spinner», hiess es gern im Rest des puritanisch geprägten Landes. Und die Stadt akzeptierte dieses Urteil nicht nur, sie war stolz darauf.
Heute ist das allerdings nicht mehr so. Der beinahe unanständige Reichtum der «Techies» ist wie ein Tsunami durch die Stadt gefegt und hat diese Kultur der Grosszügigkeit weitgehend weggespült.
Doch hier an diesem Küchentisch existiert sie noch. Und ich weiss, dass diese Küchentische überall auf der Welt stehen, dass es diese Oasen gibt, diese sicheren Orte, an denen wir komischen Schafe und seltsamen Entlein zusammensitzen und dazugehören. Wir finden einander.