Nervös vor Abflug
Warum Reisen oft nervenaufreibend ist

Zwei- oder dreimal im Jahr besuche ich die Schweiz. Ich bin das Reisen also gewohnt. Sollte man denken.
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Zwei Wochen vor Abreise überfällt Milena Moser Panik – obwohl sie seit fast elf Jahren zwischen zwei Kontinenten pendelt.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Autorin beschreibt Nervosität vor Reisen seit über elf Jahren
  • Diagnose ADHS mit Mitte vierzig brachte Erleichterung und Erklärung
  • Strategien: Listen, frühes Ankommen, Glas Bubbly am Flughafen
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Milena MoserSchriftstellerin

Es beginnt etwa zwei Wochen vor Abflug: Plötzlich werde ich nervös. Ich bin sicher, dass Victor in meiner Abwesenheit etwas zustossen wird, dass irgendeine höhere Gewalt meine Abreise oder auch die Wiedereinreise verhindert, dass es sowieso absolut der falsche Zeitpunkt ist, um zu verreisen.

Ich frage mich, ob das eine gesunde Intuition ist, auf die ich hören sollte, eine Reaktion auf die veränderten Zustände hier - oder schlicht eine Alterserscheinung.

Zum Glück habe ich Freundinnen mit gutem Erinnerungsvermögen: «So ist es doch jedes Mal», sagt Theresa. «Monatelang freust du dich und dann, zwei Wochen vor Abflug, schiebst du Panik. Jedes Mal. Das nehm ich schon gar nicht mehr ernst.»

Leben auf zwei Kontinenten

Na, vielen Dank. Nein, im Ernst, vielen Dank! Es tut gut, immer wieder mal daran erinnert zu werden, dass die momentane Empfindung keine absolute Wahrheit ist. Wie es auf einem Kühlschrankmagneten heisst: Glaube nicht alles, was du denkst.

Seit fast elf Jahren lebe ich wieder auf zwei Kontinenten. Ich bin mir diese Reise also gewohnt, es ist ja immer dieselbe Strecke, ich fliege von einem Zuhause zum anderen, ich weiss, was mich erwartet. Und, im Gegensatz zu früher, bin ich unterdessen auch recht routiniert und gut organisiert. Warum bin ich dann so nervös?

Das war nicht immer so: Als junge Frau reiste ich vergleichsweise unbekümmert, vor allem, wenn ich bedenke, wie chaotisch ich damals unterwegs war. Regelmässig musste ich auf halbem Weg umkehren, weil ich den Pass oder das Ticket zu Hause vergessen hatte. Einmal stieg ich am Flughafen aus dem Taxi, liess aber meine Handtasche auf dem Rücksitz liegen, was vor der Einführung des Handys zu einer fast filmreifen Verfolgungsjagd führte: «Folgen Sie diesem Taxi!»

Reisen mit ADHS

Ein andermal nahm ich die S-Bahn nach Kloten Dorf statt an den Flughafen. Überhaupt stieg ich regelmässig in den falschen Zug, Basel statt Baden, das ging noch. Amsterdam statt Zürich war schon dramatischer. Zum Glück hielt dieser Zug nach hundert Metern noch einmal an, sodass ich mit Hilfe mitfühlender Mitreisender aus dem Zug klettern und zu Fuss über die Schienen zurück zum Bahnhof gehen konnte, wo der richtige Zug noch nicht abgefahren war.

Damals fand ich das wohl mühsam und oft auch peinlich, aber irgendwie gehörte es einfach zu meinem Leben. Wie anstrengend dieses Leben war! Wie nervenaufreibend! Das lag einerseits daran, dass ich lange zu eitel war, um eine Brille zu tragen. Und andererseits, dass ADHS bei erwachsenen Frauen damals noch kein Thema war. Als ich mit Mitte, Ende vierzig endlich diagnostiziert wurde, war das eine grosse Erleichterung. Endlich hatte ich eine Erklärung dafür, dass ich die einfachsten Dinge nicht auf die Reihe kriegte. Wie zum Beispiel, die Wohnung zu verlassen, ohne fünfmal zurückrennen zu müssen.

Viel zu früh am Flughafen

Über die Jahre habe ich gute Strategien entwickelt, damit umzugehen. Ich weiss, was ich brauche, um halbwegs gelassen den Alltag zu bestehen und auch eine Reise anzutreten: Ich gestehe mir mehr Zeit zu, lege säuberliche Listen an, die ich mit einer gewissen Befriedigung abhake: Pass eingepackt, check.

Der Nervosität tut das keinen Abbruch. Doch sobald ich (immer viel zu früh) am Flughafen ankomme, legt sie sich auch wieder. Ich gönne mir ein Glas Bubbly und eine Tüte Chips. Und da mein Abreisetag meist mit der Abgabe dieser Kolumne zusammenfällt, setze ich mich irgendwo an ein Fenster und beginne zu schreiben ...

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