Darum gehts
- Wegen des politischen Klimas in den USA hat sich Milena Moser zunächst zurückgezogen
- Inzwischen geht sie in San Francisco aber regelmässig an Demonstrationen
- Dieses Gefühl der Gemeinschaft ist zu ihrer neuen Komfortzone geworden
Ungewöhnliche Zeiten führen zu ungewohntem Verhalten. So hab ich im letzten Monat hier in den USA an mehr Demonstrationen teilgenommen als in meinem ganzen Leben zuvor. Ich bin keine Aktivistin, würde mich nicht einmal als politisch engagiert bezeichnen, obwohl ich bestimmt ein stark ausgebildetes Gerechtigkeitsempfinden habe. Aber eben auch Angst vor Massenansammlungen. Im letzten Jahr ist die Angst vor Repressionen dazugekommen. Ich habe keine Angst um mich, aber umso mehr um meinen Mann.
Der, im Gegensatz zu mir, das alles schon einmal erlebt hat. Der weiss, was es heisst, nicht auf das Gesetz vertrauen zu können. Seine hart erkämpften Rechte zu verlieren. Der seine eigene stille Art hat, damit umzugehen, sich zu schützen. Zu überleben.
Mich hingegen, mich hat dieser Umschwung unvorbereitet getroffen. Nichts in meinem bisherigen, doch eher behüteten Leben hat mich auf diese Situation vorbereitet. Also habe ich auch keine Strategien dafür. Ich bin sozusagen erstarrt, habe mich zurückgezogen, auf Victor konzentriert und darauf, ihn zu schützen. Nicht, dass er mich darum gebeten hätte! Er kann sehr viel besser auf sich aufpassen als irgendjemand sonst, als ich.
Irgendwann hat sich das nicht mehr richtig angefühlt. Dieses Kopfeinziehen. Und so geh ich an Demos. In den letzten Wochen fanden die beinahe täglich statt. Manche waren klein, auf die Schnelle organisiert, spontan und chaotisch. Andere waren riesig, sie überfluteten den Park und die Strassen und den Platz vor der City Hall. An manchen wurde mehr Musik gespielt, an anderen mehr Reden gehalten. Eine Kundgebung neulich, die von verschiedenen Studentenorganisationen aufgezogen wurde, war voller tanzender junger Menschen, die eine fast sichtbare, leuchtende Hoffnung versprühten.
Sie werden uns alle retten, dachte ich und schämte mich im selben Moment. Ich erinnerte mich an ein Mittagessen mit einem meiner Gottebuben, der damals schon ein Teenager war und wehmütig in seinen Eistee seufzte: «Ich wär ja eigentlich ein Typ, der gern schöne Autos hat. Aber das habt ihr uns ja gründlich vermasselt!» Er meinte meine Generation. Und er hatte recht. Ich konnte ihm nichts anderes antworten als ein lahmes «tut mir leid».
Tut mir leid, dachte ich auch, als ich den jungen Demonstranten zuschaute, die Arm in Arm die Strasse entlang tanzten. Tut mir leid, dass ihr vor einem derartigen Scherbenhaufen steht. Aber auch: Danke für die Hoffnung, die ihr mir macht!
«In San Francisco zu demonstrieren, ist reiner Selbstzweck», sagt ein Bekannter. «Hier denken doch sowieso alle das Gleiche.» Das stimmt allerdings nicht mehr. Die Techies haben die Hippies abgelöst, die Stadt hat sich von einem Hort der Andersdenkenden zum Spielplatz der Superreichen entwickelt. Aber ich weiss trotzdem, was der Mann sagen will: Der grösste und vor allem unmittelbarste Effekt des Demonstrierens ist nicht die konkrete gesellschaftliche Veränderung, sondern dass wir uns alle besser fühlen. Weil wir spüren, dass wir nicht allein sind. Dazu gibt es unterdessen sogar Studien.
Und so ist es auch für mich: Es tut mir gut, mich in der Masse aufzulösen, mich mit ihr zu verbünden. Und gleichzeitig die Einzelnen wahrzunehmen, die in diesem Moment zu «meiner Truppe» gehören, obwohl wir uns gar nicht kennen. Das kleine Mädchen auf den Schultern seines Vaters, das mir mit ernster Miene eine glitzernde Plastikkette zum Umhängen reicht. Die jungen Männer, die auf das Strassenschild hochgeklettert sind und sich jetzt offensichtlich fragen, wie sie wieder runterkommen.
Das ist meine neue Komfortzone. Aber ganz ehrlich, ich hoffe, dass sie sich bald wieder auflösen wird, dass ich sie nicht mehr brauchen werde.
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