Milena Moser erklärt das mit der Liebe
Neuer Blick auf den Valentinstag

Selbst eine unverbesserliche alte Romantikerin wie ich spürt es: Wir müssen die Liebe neu definieren.
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Milena Moser findet, die romantische Liebe mit Blumen und Pralinés ist nur ein Aspekt der Liebe – nicht genug, um uns zu erfüllen.
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Darum gehts

  • Eine Diskussion über Liebe zeigt: Sie ist mehr als Romantik
  • Valentinstag erzeugt Druck, Liebe findet sich jedoch in vielen Formen
  • Buchklub einig: Liebe ist die Antwort und wird uns retten
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Milena MoserSchriftstellerin

Vor Jahren lud ich die Mutter eines Schulkollegen meines älteren Sohnes zum Essen ein. Sie war eine alleinerziehende Pflegefachfrau, deren Schicht um vier Uhr morgens begann, deshalb assen wir früh. Mitten am Nachmittag eigentlich. Damals verbrachte ich noch nicht so viel Zeit in Krankenhäusern und Notaufnahmen wie jetzt, aber ich hatte eine Ahnung davon, wie anstrengend ihr Leben sein musste. Und sei es nur aus Fernsehserien.

Sie schaute sich in meiner Küche um: «Oh, schau dir diese Blumen an», sagte sie etwas wehmütig. «Was für schöne Blumen!» Und später, als ich mangels Dessert eine Schachtel Schweizer Schokolade hervorholte: «Pralinés! Mädchen, Blumen UND Pralinés! Du hast wirklich alles, du hast solches Glück!»

Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen: Es war kurz nach dem Valentinstag, und sie glaubte, dass die Blumen und die Pralinés der sichtbare, stolz zur Schau gestellte Beweis dafür waren, dass ich geliebt wurde. Das war damals gar nicht der Fall, jedenfalls nicht im romantischen Sinn. Doch als ich ihr sagte, dass ich mir beides selbst gekauft hatte, machte sie das nur noch trauriger. Sie wollte an die Liebe glauben, an die traditionelle romantische Liebe, die sich mit Blumen und Pralinés ausdrückt.

Daran ist nichts verkehrt. Es ist nur ... nicht genug.

Der Valentinstag erzeugt unnötigen Druck, wie alle anderen Feiertage auch. Der Mutter- und der Vatertag, Weihnachten, Neujahr, selbst Geburtstage können alte Wunden wieder bluten lassen, uns Verluste bewusst machen, den ganz eigenen Schmerz des Ausgeschlossenseins hervorrufen oder verstärken.

Meine Freundin, die Königin der Gastgeberinnen, hat sich deshalb etwas anderes ausgedacht. Sie ist, wie einige meiner Freundinnen, glücklich unverpaart. Aber ein sogenanntes «Galentine's», ein Liebesfest für die Freundinnen, ist ihr auch zu eng gedacht: «Da könnte ich ja dich und Victor nicht einladen!» Am Ende sind wir eine bunt gemischte Gruppe, es gibt keine Herzchendekorationen, und doch reden wir über die Liebe.

«In unserem Buchklub kam es kürzlich fast zum Streit deswegen», erzählt meine Freundin. Das Buch, dessen Titel ich vergessen habe, warf die Frage auf, ob die Liebe wirklich die Antwort sei. Ob sie uns retten würde.

«Interessanterweise waren diejenigen, die in festen Beziehungen leben, weniger davon überzeugt als die anderen», erzählt sie. «Es wurde echt heftig, das kommt bei uns nur selten vor.»

Die Frage wird in die Runde geworfen. Kann die Liebe uns retten?

«Kommt drauf an, was du mit Liebe meinst», sagt mein Tischnachbar, und ich nicke. Darüber denke ich oft nach. Gerade als unverbrüchliche alte Romantikerin, denke ich, die Liebe ist so viel mehr. Die romantische Variante ist nur ein Aspekt der Liebe, ein wichtiger, ein zentraler, aber eben doch nur einer von vielen. Die Liebe lebt in Freundschaften, sie lebt in Familien, wenn wir Glück haben. Sie lebt in unserer Strasse.

Was Victor für seine Katzen empfindet, ist Liebe. Was die beiden kleinen Jungen empfinden, die Hand in Hand vom Kindergarten nach Hause gehen, ist Liebe. Wie die Menschen in Minnesota ihre Nachbarn beschützen, für sie eintreten, ihnen Essen bringen, wenn sie sich nicht mehr aus dem Haus trauen, das ist Liebe.

Die Liebe ist so viel grösser, als wir ihr zugestehen. Zu diesem Schluss kam auch der Buchklub meiner Freundin: «Erst als wir den Begriff der Liebe erweiterten, waren wir uns einig: Die Liebe ist tatsächlich die Antwort.»

Auf alles. Und sie wird uns retten.

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