Der Mut zur Offenheit
Das Ende des Small Talks

Auf manche Begleiterscheinungen des Älterwerdens war ich vorbereitet. Andere überraschen mich. Wie diese.
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Milena Moser beschreibt das Älterwerden wie eine Achterbahnfahrt, da sie diese weder kontrollieren noch vorhersehen kann.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Älterwerden bringt unerwartete Perspektiven, wie tiefere Gespräche und ehrliche Verbindungen
  • Small Talk fällt schwerer, doch echte Begegnungen gewinnen an Bedeutung
  • Eine Taxifahrt offenbarte: Nicht immer perfekt sein ist völlig okay
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Milena MoserSchriftstellerin

Älterwerden ist so viel mehr als Falten und knackende Gelenke. Darauf war ich vorbereitet. Die äusserlichen Veränderungen sind die, über die wir am ehesten reden. Doch die machen, wenigstens in meiner Erfahrung, den kleinsten und unbedeutendsten Teil dieser Lebensphase aus.

Das Älterwerden ist aufregend, aber so, wie eine Achterbahnfahrt aufregend ist. Ich kann es weder vorhersehen noch kontrollieren, und genau das empfinde ich als unglaublich befreiend. Wenn auch nicht immer angenehm.

Denn vieles von dem, was ich ein halbes Leben lang geübt und ausgeführt habe, ohne überhaupt darüber nachzudenken, einfach, weil es von mir erwartet wurde – das kann ich plötzlich nicht mehr. Small Talk zum Beispiel.

Geschichten sind mein Leben

Das war allerdings noch nie meine grösste Stärke. Gerade weil ich gerne Menschen kennenlerne, weil ich mich für sie interessiere, für ihre Geschichten, ihre Gedanken. Ich bin ja nicht umsonst Schriftstellerin. Geschichten sind mein Leben. Gerade deshalb frustriert es mich, an der Oberfläche entlangzugleiten. Ich will tiefer tauchen, ich will eine Verbindung spüren. Ich will, dass etwas passiert, wenn wir miteinander reden.

Das ist natürlich viel verlangt. Zu viel? Neulich habe ich ein Tagebuch wiedergefunden, das ich mit Anfang zwanzig geführt habe. Und da stand es, immer wieder: Ich hab zu viel geredet, ich sag immer das Falsche, kein Wunder, finden mich die anderen komisch.

Aus reinem Selbsterhaltungstrieb trainierte ich, das Richtige zu sagen, nämlich das, was von mir erwartet wurde. Ich lernte, dass Beziehungen Zeit brauchen, um sich zu entwickeln, dass ich nicht immer gleich mit der Tür ins Haus fallen kann.

Eine Frage der Höflichkeit

Jetzt aber fühlt es sich manchmal an, als hätte ich nicht mal mehr eine Tür. Ich bin sperrangelweit offen, auch wenn ich es gar nicht sein will. Wie neulich bei einem Essen unter Frauen, von denen ich die meisten nicht kannte. Ich war unbestimmt traurig, als ich ankam, aber früher hätte ich diese Stimmung mit dem Mantel an der Garderobe abgelegt, ich hätte gelächelt. Das ist eine Frage der Höflichkeit, das verstehe ich auch heute noch, ich kann es nur nicht mehr automatisch leisten.

Das Gespräch sprang von einem Thema zum anderen, ich konnte kaum folgen, bis mich jemand auf meine bevorstehende Reise in die Schweiz ansprach. Und statt nun von der Schönheit meines Landes zu schwärmen, wie es von mir erwartet wurde, überschwemmte ich die Runde mit meinen Zweifeln und meiner Zerrissenheit, bis schliesslich eine der Frauen leicht verzweifelt fragte: «Können wir nicht einfach über etwas Schönes reden?»

Noch so gern, dachte ich. Ich weiss nur nicht mehr, wie das geht. Den Rest des Abends war ich still, zu der Traurigkeit, die ich mitgebracht hatte, gesellte sich nun die alte Verunsicherung: Ich sag immer das Falsche, kein Wunder, finden die mich komisch ...

Ich verabschiedete mich, so früh ich konnte, doch dann bot eine der Frauen an, ein Taxi mit mir zu teilen. Kaum sassen wir auf dem Rücksitz, als sie laut aufseufzte: «Mann, war das anstrengend», rief sie und griff nach meiner Hand. «Das fandest du aber auch, ja?» Und dann redeten wir die ganze Fahrt lang und noch, als das Taxi vor meiner Haustür anhielt.

Das ist der Unterschied zu früher, dachte ich, als ich endlich ausstieg. Das ist das Schöne am Ältersein. Ich bin nicht die Einzige, die das Falsche sagt. Und nicht alle finden das komisch. Manche feiern es sogar.

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