Darum gehts
Frau Matwitschuk, am Dienstag jährt sich der Überfall Russlands auf die Ukraine zum vierten Mal. Wie sieht Ihr persönlicher Alltag in Kiew aus, wenn bei klirrender Kälte Strom und Heizung ausfallen?
Oleksandra Matwitschuk: Nichts ist planbar, nicht einmal die nächsten Stunden. Der ständige Mangel an Strom, Wasser, Heizung und Licht versetzt enorm viele Menschen in einen reinen Überlebensmodus. Auf ganz einfache Fragen gibt es keine Antworten.
Zum Beispiel?
Mütter wissen beispielsweise nicht, wie sie die Milch für ihre Neugeborenen wärmen sollen.
Mit Ihrer Organisation Center for Civil Liberties dokumentieren Sie russische Kriegsverbrechen. Zählen die Angriffe auf die Energieversorgung dazu?
Das sind ganz eindeutig Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Schrillt in Kiew ein Luftalarm, weigern Sie sich, in den Schutzraum zu gehen. Wieso tun Sie das?
Ich möchte nicht im Luftschutzkeller leben. Wenn ich meine Arbeit erledigen will, kann ich nicht dreimal pro Nacht in den Schutzraum rennen. Ich propagiere dieses Verhalten nicht, ich versuche nur zu erklären, wie schwer es ist, so zu leben.
Sie sagten einmal: Nur indem Sie dem Schutzraum fernbleiben, könnten Sie die Kontrolle über Ihr Leben behalten.
Wenn man nicht schläft, die ganze Nacht im Luftschutzkeller verbringt und am nächsten Tag arbeiten muss, dann muss man eine Entscheidung treffen.
Das haben Sie getan. Haben Sie nie Angst?
Russland greift seit vier Jahren gezielt Wohnhäuser, Schulen, Kirchen, Museen und Krankenhäuser an. Wir alle wissen abends nicht, ob wir am nächsten Morgen noch aufwachen werden. Wenn man sich nicht daran gewöhnt, kann man nicht weiterleben. Das ist die neue Normalität für Millionen Menschen in der Ukraine.
Olexandra Matwitschuk (42) ist eine ukrainische Menschenrechtsaktivistin. Sie leitet das Center for Civil Liberties. Ihre Organisation dokumentiert russische Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen und erhielt dafür 2022 den Friedensnobelpreis. Laut Matwitschuk wurden seit des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 weit über 100'000 solcher Verbrechen dokumentiert. Matwitschuk lebt und arbeitet in Kiew.
Olexandra Matwitschuk (42) ist eine ukrainische Menschenrechtsaktivistin. Sie leitet das Center for Civil Liberties. Ihre Organisation dokumentiert russische Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen und erhielt dafür 2022 den Friedensnobelpreis. Laut Matwitschuk wurden seit des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 weit über 100'000 solcher Verbrechen dokumentiert. Matwitschuk lebt und arbeitet in Kiew.
Die Ukraine und Russland führen wieder Gespräche über einen möglichen Frieden, zuletzt in Genf. Wie blicken Sie darauf?
Das wird zu nichts führen. Die zentrale Frage bleibt unbeantwortet: Welche Sicherheitsgarantien kann US-Präsident Donald Trump oder irgendjemand sonst geben, damit Putin versteht, dass er die Ukraine nicht vollständig besetzen kann? Ohne eine Antwort darauf, wie man Putin stoppt, werden wir endlose Friedensverhandlungen sehen.
Trump erhöht den Druck und fordert ein Kriegsende bis Juni.
Selbst wenn ein Dokument unterzeichnet würde, wäre es nur eine Pause. So war es nach dem Minsker Abkommen von 2015. Wir erinnern uns alle, wie Putin diese Jahre des sogenannten Friedens genutzt hat: Russland hat den Waffenstillstand fast täglich verletzt, die besetzten Gebiete – die Krim und andere Regionen – in militärische Basen verwandelt, die Wirtschaft auf neue Sanktionen vorbereitet, Artilleriemunition produziert, Ukrainer zwangsrekrutiert, Truppen aufgestockt und ausgebildet – und dann die Grossinvasion gestartet.
In Europa wächst die Kriegsmüdigkeit. Viele sehnen ein Ende des Kriegs herbei, selbst wenn das schmerzhafte Kompromisse für die Ukraine bedeutet. Können Sie das nachvollziehen?
Viele Europäer akzeptieren die Realität immer noch nicht. Wahrscheinlich, weil es für sie bedrohlich ist zu begreifen, dass Putin diesen Krieg nicht begonnen hat, um ein weiteres Stück ukrainischen Landes zu besetzen.
Sondern?
Er will die gesamte Ukraine besetzen – und dann weitergehen. Er sieht die Ukraine als Brücke nach Europa. Seine Logik ist historisch. Er denkt an sein Vermächtnis. Und viele Menschen in Europa wollen immer noch nicht verstehen, dass sie nur deshalb sicher sind, weil die Ukrainer weiterkämpfen.
Ist das also das grundlegende Missverständnis in Westeuropa, selbst im Jahr 2026?
Es ist sehr menschlich, eine gefährliche Realität zu verdrängen.
Wie meinen Sie das?
Ich kann das verstehen. Es ist beängstigend zu erkennen, dass die Jahrzehnte der Freiheit seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion vorbei sind. Dass die Weltordnung auf Grundlage der Uno-Charta und des Völkerrechts vor unseren Augen zerfällt. Die heutigen Generationen in Europa mussten nie für Freiheit kämpfen. Und dann bricht dieses Weltbild zusammen. Da ist es natürlich, dass Menschen diese Realität so lange wie möglich verdrängen.
Frustriert Sie das?
Ich mache niemandem Vorwürfe. Vielen in der Ukraine ging es nicht anders.
Auch in der Ukraine selbst wurde der Krieg lange verdrängt?
Anfangs, ja. Der Krieg war auf die Krim und den Donbass begrenzt. Viele im Westen des Landes versuchten das zu verdrängen. 2022 wurde allen klar: Es gibt keinen sicheren Ort mehr. Russische Raketen erreichen jeden Winkel.
Was lernen wir daraus?
Wir sind Erwachsene. Wir sind keine Kinder, die Realität verdrängen. Wir sind keine Geiseln der Geschichte, wir sind Teil dieses historischen Prozesses. Wir müssen nicht zuschauen, sondern handeln, auch die zivilen Kräfte. Das ist meine wichtigste Lehre.
Was gibt der ukrainischen Zivilbevölkerung, die seit vier Jahren terrorisiert wird, die Kraft, weiterzumachen?
Drei Dinge. Erstens: Für Ukrainer ist Freiheit nicht nur Selbstbestimmung, sondern Überleben. Drei Jahrhunderte lang waren wir Teil des Russischen Reichs, eine Kolonie. Sprache und Kultur wurden verboten, Menschen verfolgt. Dass wir heute noch existieren, verdanken wir der Hartnäckigkeit früherer Generationen. Zweitens: Wir warten nicht auf Retter. Anders als viele europäische Gesellschaften konnten wir uns nie auf stabile Institutionen verlassen. Deshalb übernehmen Menschen Verantwortung.
Und drittens?
Wir haben keine Alternative. In den besetzten Gebieten werden Menschen, die sich nicht unterwerfen, systematisch ausgelöscht. Sprache und Kultur werden verboten, Kinder deportiert, Männer zwangsrekrutiert. Wenn Russland die Ukraine besetzt, hören wir als Nation auf zu existieren.
Die Aussichten, ihr Land zurückzugewinnen, sind für die Ukrainer aktuell schlecht. Die USA drängen auf Gebietsabtretungen an Russland.
Es geht nicht um ukrainische Territorien. Das ist eine gefährliche Vereinfachung. Es geht um die Weltordnung. Wenn ein Staat mit Atomwaffen die Uno-Charta brechen und Grenzen gewaltsam verschieben darf, ermutigt das andere. Wenn Putin die Krim aus «Sicherheitsgründen» behalten darf, warum Trump dann nicht auch Grönland?
Dennoch scheint die Befreiung aller besetzten Gebiete nicht realistisch.
Wir sind nicht naiv. Wir wissen, dass wir derzeit nicht die militärischen Mittel haben, alle Gebiete zu befreien. Aber das bedeutet nicht, dass wir eine illegale Besatzung legitimieren. Das wäre ein Bruch der ukrainischen Verfassung und des Völkerrechts.
Werden bei den Verhandlungen über Territorien die betroffenen Menschen vergessen?
Absolut. Politiker reden über Land wie über leere Flächen. Aber dort leben Millionen Menschen ohne Schutz. Ich verstehe nicht, warum in Friedensgesprächen die menschliche Dimension verloren gegangen ist. Das erste Jahr der zweiten Präsidentschaft von Trump war das bisher tödlichste für die ukrainische Zivilbevölkerung.
Sie haben mit Hunderten Menschen gesprochen, die russische Gefangenschaft überlebt haben. Was erzählen sie Ihnen?
Sie berichten von Folter, Verschleppung, Vergewaltigung, Verstümmelung. Tausende Zivilisten werden illegal festgehalten. Ich kann Ihnen die Geschichte meiner Kollegin Viktoria Roschtschyna erzählen.
Die ukrainische Journalistin hat in russisch besetzten Gebieten recherchiert.
Sie war eine so mutige Frau. Viktoria wurde entführt, gefoltert, nach Russland verschleppt und getötet. Ihr Körper wurde sechs Monate nicht zurückgegeben. Als er zurückkam, fehlten mehrere Organe: die Augen, Teile des Gehirns, der Kehlkopf. Darüber spricht die Welt kaum.
Glauben die Russen, dass sie unantastbar sind, dass sie ungestraft Verbrechen begehen können?
Sie wurden in den letzten Jahrzehnten für ihre Verbrechen nie bestraft, weder in Tschetschenien, Georgien, Syrien noch anderswo. Und die neue US-Regierung ignoriert die menschliche Dimension völlig, das gibt Russland freie Hand.
Trump wollte in seinem 28-Punkte-Friedensplan Putin und weiteren Kriegsverbrechern vollständige Amnestie gewähren.
Gerechtigkeit ist offenbar kein Wert dieser US-Regierung. Deshalb braucht es den Internationalen Strafgerichtshof, ein Sondertribunal. Die Verbrechen müssen genau dokumentiert und die Täter benannt werden, daran arbeiten wir mit zahlreichen lokalen Organisationen. Irgendwann, wenn auch nicht heute, werden die Verbrecher zur Rechenschaft gezogen.
Was bedeutet für Sie Gerechtigkeit?
Für die Opfer dieses Kriegs bedeutet sie Unterschiedliches. Einige wollen die Täter klar benannt wissen, andere fordern Entschädigung für ihre Verluste. Viele sehen Gerechtigkeit darin, endlich die Wahrheit zu erfahren, was mit ihren Liebsten passiert ist. Und wieder andere wollen in ihrem Leid und ihrem Widerstand gesehen und gehört werden.
Sie sind Juristin, definieren Gerechtigkeit aber nicht rechtsstaatlich.
Gerechtigkeit ergibt sich nicht allein aus Strafrecht. Viele Politiker beziehen Gerechtigkeit nur auf die Vergangenheit und die Zukunft. Sie verstehen nicht, dass Gerechtigkeit die Gegenwart verändern kann.
Wie das?
Die Russen tun in diesem Krieg, was sie wollen, weil sie keine Angst haben, zur Verantwortung gezogen zu werden. Indem wir die Kriegsverbrechen akribisch dokumentieren, machen wir nicht nur die Taten, sondern auch die Täter sichtbar. Wenn Russen dadurch anfangen, an ihrer Unantastbarkeit zu zweifeln, schrecken sie eher vor Brutalität zurück.
Also doch eine strafrechtliche Herangehensweise.
Auch, ja. Mit rechtlichen Schritten können wir viele Tausend Menschenleben retten.
Die Schweiz hat 2026 den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Was kann sie tun?
Nicht viel. Die OSZE ist als zwischenstaatliche Organisation eingeschränkt. Aber sie kann die menschliche Dimension priorisieren und Allianzen bilden.
Und die Schweiz?
Länder wie die Schweiz sollten noch konsequenter Untersuchungen zur Umgehung von Sanktionen anstossen und aufklären, wie es möglich ist, dass Komponenten aus ihren Produktionen immer noch in russischen Drohnen und Raketen verwendet werden, die täglich Ukrainer töten.
Was bedeutet Hoffnung für Sie?
Auf Ukrainisch heisst Hoffnung «nadiya». Darin enthalten ist «diya», was Handlung bedeutet. Hoffnung ist nicht die Zuversicht, dass alles gut werden wird, sondern das tiefe Verständnis dafür, dass all unsere Bemühungen eine grosse Bedeutung haben.
Haben Sie in all den Jahren Krieg nie Ihre Hoffnung verloren?
Krieg bedeutet Schmerz, Verluste, Tod. Auch ich habe viele Menschen verloren, die ich geliebt habe. Es ist ganz natürlich, unterschiedliche emotionale Zustände zu erleben.
Aber?
Ich habe eine Freundin, eine ukrainische Schriftstellerin, die zu mir sagte: Wenn wir niedergeschlagen sind, sind wir nicht entmutigt. Wir befinden uns in emotionalen Schützengräben. Wir ziehen uns zurück, um uns neu zu formieren. Und dann nehmen wir unseren Kampf erneut auf.