Das grosse Comeback der heimtückischen Killer
Europa bricht ein Versprechen – und vermint sich gegen Putin

Prinzessin Diana war eine Vorkämpferin für ein Verbot der Antipersonenminen. Nun scheren sich immer weniger Staaten um das Abkommen. Die eigene Produktion der heimtückischen Bomben wird wieder hochgefahren. Allerdings setzt man heute auf «intelligente» Minen.
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Minen-Offensive in Finnland: Ein Soldat demonstriert, wie die kleinen Bomben – hier Panzerminen – vergraben werden.
Foto: AFP

Darum gehts

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Guido FelderAusland-Redaktor

Es galt als humanitärer Meilenstein, als um die Jahrtausendwende über 160 Staaten dem Abkommen zu einem Antipersonenminen-Verbot beitraten. Weltweit wurden Räumungsprogramme gefördert und Millionen von Minen zerstört. Die heimtückischen Sprengfallen hatten zuvor jährlich über 25’000 Tote und Verletzte gefordert – über 80 Prozent davon Zivilisten.

Ganz Europa, inklusive der Schweiz, hatte sich in diesen politisch entspannten Zeiten verpflichtet, nie wieder Antipersonenminen einzusetzen. Doch jetzt feiert die perfide Mini-Bombe ein grosses Comeback. Polen, die baltischen Staaten und Finnland treten aus dem Abkommen aus und wollen sogar eigene Bomben herstellen. Das Comeback des perfiden Killers ist nicht mehr zu verhindern.

Dass das sogenannte Ottawa-Abkommen zustande kam, war unter anderem Prinzessin Diana (1961–1997) zu verdanken. Die damalige Frau des heutigen britischen Königs Charles III. (77) kämpfte mit grossem Engagement für ein Verbot von Antipersonenminen. Die Fotos mit ihr im Schutzanzug und zusammen mit verstümmelten Kindern gingen um die Welt. Das Abkommen wurde dann nur wenige Monate nach ihrem Unfalltod in Paris ratifiziert.

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Prinzessin Diana – hier 1997 in Angola – setzte sich für ein Verbot von Antipersonenminen ein.
Foto: Keystone

«Strategischen Nachteil» wettmachen

Doch seit Russland vor vier Jahren die Ukraine überfallen hat, wird das Abkommen zur Makulatur. Immer mehr europäische Länder pfeifen auf das Verbot und kündigen den Vertrag. Litauen, Lettland und Estland waren die Ersten, es folgten Polen und vor kurzem – unter Protest etwa von Norwegen und Amnesty International – auch Finnland. Diese Länder wollen «den strategischen Nachteil» gegenüber Russland wettmachen.

Die Ukraine hatte den Vertrag 2005 ebenfalls unterzeichnet und Unmengen von Minen vernichtet. Inzwischen befindet sich das Land ebenfalls im Kündigungsprozess. Die Grossmächte Russland, USA, Indien und China hatten das Abkommen nicht unterschrieben.

In diesen Tagen hat die finnische Regierung bekanntgegeben, dass sie ein Minenprogramm starten werde. Dazu gehören einerseits die Ausbildung der Soldaten mit den verheerenden Sprengsätzen und andererseits die Beschaffung von Minen.

Die finnische Armeeführung sagte: «Ziel ist, die ersten neuen Minen und die dazugehörende Übungsausrüstung im Laufe von 2027 einsatzbereit zu halten.» In naher Zukunft soll eine eigene Produktion gestartet werden. Auch Polen will jährlich bis zu 1,2 Millionen Minen herstellen, die zum Teil an die Ukraine geliefert werden.

Bollwerk gegen Putin: Europa baut seine Ostverteidigung aus.

Bollwerk gegen Putin

Die Minen werden Bestandteil der europäischen Ostabwehr gegen Russland und Belarus. Zu diesem «Eisernen Vorhang 2.0» gehören auch physische Barrieren, Drohnen und Langstreckenwaffen. Die «Baltic Defence Line» sichert rund 1000 Grenzkilometer von Estland, Litauen und Polen, der «East Shield» die 800 Kilometer lange polnische Grenze. Dazu kommen 1343 Grenzkilometer, die Finnland mit Russland teilt.

Das Comeback der Antipersonenminen kommt für Experten nicht überraschend. Die Mini-Bomben sind ein wirksames und sehr kostengünstiges Mittel, um den vorrückenden Gegner zu stoppen. Ralph D. Thiele, Vorsitzender der deutschen Politisch-Militärischen Gesellschaft und Präsident von Eurodefense Deutschland, sagt gegenüber Blick: «Minen geben einer Kriegspartei selbst nach einer taktischen Niederlage die Chance, den Schaden zu begrenzen.»

Noch werden in Osteuropa keine Minen vergraben. «Die Verlegung der Minen erfolgt im klassischen Gefecht eher in letzter Minute, bei deutlicher Unterlegenheit allerdings frühzeitig und akribisch geplant», sagt Thiele. Zurzeit werden aber alle Vorbereitungen getroffen, um Minen in kurzer Zeit verlegen zu können. Dazu gehört das Errichten von Minendepots an der Grenze. Bereits sind Flächen kartiert, die im Ernstfall innert kurzer Zeit vermint würden. Es gibt spezielle Verlegungssysteme, die pro Stunde Tausende Minen ausspucken können. Auch Brücken und Strassen werden für Sprengungen vorbereitet.

Die Bomben werden «intelligent»

Weil scharfe Minen nach Kriegen oft jahrelang im oder auf dem Boden liegen, werden immer wieder Zivilisten – spielende Kinder! – Opfer der kleinen Bomben. Eine Kartierung ermöglicht es, nach dem Krieg die Minenfelder zu säubern. Auch besitzen moderne Minen oft eine Zeitschaltuhr, die sie – je nach Einstellung – nach einigen Stunden bis mehreren Wochen deaktiviert oder in die Luft sprengt. Heute können zudem ganze Minenfelder per Funk ein- und ausgeschaltet werden.

Thiele glaubt nicht, dass sich das Comeback der Mini-Killer verhindern lässt. Thiele: «Nur wer entschieden alle Möglichkeiten zur Verteidigung nutzt, kann sich durchsetzen. Die Alternative ist ein hoher Blutzoll.»

Nebst dem Antipersonenminen-Abkommen gibt es auch Verträge über ein Verbot von Streumunition, Giftgas, Biowaffen und Brandwaffen. Welchen Sinn machen Abkommen überhaupt, die in Friedenszeiten geschlossen und dann doch nicht eingehalten werden? Sie hätten durchaus ihre Berechtigung, meint Thiele. Und er erklärt: «Die Abkommen reduzieren den Vorrat entsprechender Waffen und erhöhen die Hemmschwelle für deren Einsatz.»

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