Darum gehts
- Hunderte Kinder in Ceuta leben schutzlos und ohne Grundversorgung in Industrieruinen
- Mädchen berichten von Gewalt und Missbrauch, Polizei und Behörden greifen kaum ein
- Nur durch grosses Glück entkommen zwei Mädchen ihren Vergewaltigern in Ceuta
In einem heruntergekommenen Industriekomplex am Rand von Ceuta liegen Hunderte Kinder und Jugendliche im Schatten einer rostigen Halle auf dem Boden. Von einem Balkon des benachbarten Hochhauses wirft jemand ein paar Scheiben Brot in den Vorhof. Etwa ein Dutzend Buben stürzen sich darauf. Jene, die leer ausgehen, hocken sich wieder hin, wie hungrige Hunde.
Fliessendes Wasser, etwas Warmes zu essen, gar Seife oder ein Spielzeug: Nichts davon gibt es hier. Nicht einmal jemand, der auf die Kinder aufpasst, der sich um sie sorgt. Der Grossteil der Migranten ist wieder aus der spanischen Enklave abgezogen. Doch die allerjüngsten Opfer der Ceuta-Krise sind noch hier – und sie sind komplett auf sich allein gestellt. Das spüren nicht nur die Kinder. Das wissen auch Menschen, die ihre ausweglose Situation schamlos ausnutzen.
Am Sonntagmittag bekommt Blick den Tipp, im alten Industriegebiet an der Avenida Tarajal vorbeizuschauen. Der Reporter läuft einfach hinein, wird von niemandem kontrolliert, von niemandem gestoppt, genauso wenig wie die anderen Männer, die in den engen Durchgängen zwischen den Lagerhallen herumlungern und die Kinder beobachten.
Am Eingang des abgelegenen Areals sitzt Amir (13) mit Tränen in den Augen auf einem Mäuerchen. Aus Dummheit kam er mit all den anderen vor vier Tagen über die Grenze. «Ich will zu meiner Mutter», sagt er schluchzend. Doch er weiss nicht, wie. Er hofft darauf, dass jemand kommen und etwas zu essen bringen wird. Doch stundenlang kommt keiner.
Am Sonntag: Kein Essen
Ganz hinten im Areal vor der Halle 3 drängen sich mehrere Dutzend Mädchen und junge Frauen im staubigen Schatten. «Bis gestern haben wir da drin geschlafen», sagt Mouna (17) und zeigt auf das abgesperrte Eingangstor. «Heute Morgen kam die Polizei und hat uns rausgeworfen, einfach so. Jetzt sind wir hier.» Neben der Halle stehen drei Toi-Toi-Toiletten. Ein Polizeiauto dreht langsam eine Runde und fährt dann wieder davon.
Probleme gebe es viele, erzählt die Marokkanerin, die wegen eines Streits von zu Hause davongerannt ist und sich seit Tagen hier durchschlägt. Eine Gruppe Teenager schart sich um sie. «Vous voulez … manger avec moi?» («Willst du mit mir … essen?»), ruft ihr einer der Jungen zu. Mouna lächelt die Anmache weg. «Gewalt kommt vor. Viele hier sind verletzt», sagt sie und zeigt auf die verängstigt dreinblickenden Mädchen auf dem Boden neben sich. «Mir aber ist noch nichts passiert.»
Bis am Samstag bekamen die Kinder im Industriequartier einmal am Tag eine Essensration. «Heute aber gabs nichts», sagt Mouna. «Rien!» Eine Hilfsorganisation oder gar ein offizielles Amt, das sich der obdachlosen Kinder in Ceuta annehmen würde? Fehlanzeige. Einzig die spanische Stiftung Samu, die sich für den Schutz benachteiligter Gesellschaftsgruppen einsetzt, hat einen Freiwilligen hierhin entsandt, der in einer Halle weiter vorne im Industriegebiet einen Streit zwischen mehreren Jugendlichen zu schlichten versucht.
«Wir haben schlicht keine Ressourcen», lautet zusammengefasst die Antwort, die Blick auf Nachfrage von den lokalen Hilfsorganisationen bekommt. Das städtische Amt für Jugendschutz meldet sich gar nicht.
Marwa und Aya entkamen den Vergewaltigern nur durch Glück
Das bringt Najad (55) zur Verzweiflung. Die Lehrerin steht mit ihrer Vespa vor dem Eingang des Areals und weint. «Die Kinder hier sehen so traurig aus. Sie sehen aus wie jene in Gaza», sagt sie. Auf dem Heimweg hat sie kurz angehalten, um zu fragen, ob sie jemandem helfen könne. «Man hat sie hier einfach eingepfercht. Dabei können sie am wenigsten für das alles. Die Kinder können sich hier nicht einmal waschen», klagt Najad und schaut hinüber auf das dreckige Rinnsal, das aus dem steilen Hang neben dem Eingangstor läuft und an dem sich ein paar Buben ihre PET-Flaschen füllen.
Als vor einer Woche plötzlich Zehntausende Migranten über die Grenze kamen, filterte die Grenzwache die Kinder und Frauen aus der Masse und brachte sie hierhin. Eingesperrt sind sie nicht. Sie könnten das Gelände jederzeit verlassen. Aber wohin sollen sie gehen? Dorthin, von wo sie geflüchtet sind?
Wie schutzlos insbesondere die geflüchteten Mädchen in Ceuta sind, mussten Marwa (16) und Aya (16) in der Nacht auf Sonntag erfahren. Aus Angst vor den Marokkanern hier in Ceuta sagen die beiden jungen Marokkanerinnen, hätten sie sich nach zwei Tagen im Zentrum in einer Quartierstrasse der Stadt versteckt. Mitten in der Nacht kamen zwei Männer, zwei Marokkaner. «Anfangs waren sie nett, haben uns zu essen gegeben. Dann hat mich der eine berührt und wollte mich küssen», erzählt Marwa.
«Ich habe ihm erzählt, ich hätte hier einen grossen Bruder, der ihn finden und ihn verprügeln würde.» Doch die beiden Männer liessen nicht von den Mädchen ab. «Wir haben geschrien und laut gerufen. Dann kam ein Nachbar, und die beiden Männer rannten davon.» Der Nachbar, ein Polizist, bestätigt gegenüber Blick die Geschichte.
Marwa und Aya, beste Freundinnen seit ihrer Kindheit, wären in den Strassen von Ceuta möglicherweise vergewaltigt worden, weil sie nicht wussten, wo sie sich in Sicherheit bringen können. «Ich habe die Behörden informiert, aber die machen absolut nichts», beklagt sich Vanesa Ajenjo (38). Die Philosophie-Lehrerin wohnt in der Nachbarschaft und liess die beiden traumatisierten Mädchen nach dem Vorfall bei sich duschen.
Jetzt sitzen alle drei am Küchentisch und wissen nicht, wie weiter. «Hilfe gibt es keine. Der Staat kann doch nicht von uns Privaten verlangen, dass wir diese Katastrophe ohne Unterstützung meistern», sagt Ajenjo.
Jeder kann ins Industrieareal rein – auch mitten in der Nacht
Dass Marwas und Ayas Geschichte kaum ein Einzelfall ist und dass viele andere Mädchen und wohl auch Jungen zu Opfern von Vergewaltigern und Menschenhändlern werden, sei ja klar, glaubt Ajenjo. «Viele dieser Kinder haben nicht das Glück, dass ihnen in diesen schlimmen Momenten ein Polizist aus der Nachbarschaft zu Hilfe eilt. Du kannst dir selber ausmalen, was das heisst.»
Zur Geisterstunde macht sich Blick noch einmal auf den Weg in das abgelegene Industrieareal. Die beiden Polizisten, die vor den rostigen Eingangstoren parkiert haben, lassen mich ohne Nachfrage passieren. Auf den schummrig ausgeleuchteten Plätzen vor den alten Hallen zeigt sich das gleiche Bild wie tagsüber. Kinder und Jugendliche schlafen auf dem nackten Boden, ohne Decke. Andere schlendern in Gruppen umher.
Nahe dem Eingang steht eine Mädchengruppe dicht beisammen. Ein rauchender Mann in Shorts lauert wenige Meter neben ihnen und starrt sie an. Es ist 1.07 Uhr. Die Mädchen laufen weg, eines im pinken Pulli, die anderen in dunklen Kleidern. Sie setzen sich auf eine Mauer, ziehen die Beine an. Es ist niemand da, der ihnen Geborgenheit, geschweige denn Schutz bieten könnte. Kein Staat, keine Organisation, höchstwahrscheinlich nicht einmal ein grosser Bruder.