Abkommen statt Scheindebatten
«Kritik an Spanien ist absurd» – Migrationsforscher zu Ceuta

Ceuta schockt Europa. Aber ist es auch der Startschuss für eine neue Migrationswelle? Experte Gerald Knaus sagt Nein. Und warnt zugleich vor der politischen Sprengkraft der Bilder. Entscheidend sei nicht Spanien, sondern Marokko und Europas fehlende Antwort.
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Innert kürzester Zeit kamen Tausende Migranten nach Ceuta.
Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Ceuta: Tausende stürmen spanische Exklave, viele kehren aber nach Marokko zurück
  • Migrationsforscher Gerald Knaus: Kein neuer Trend, sondern ein aussergewöhnlicher Vorfall
  • Zahlen irregulärer Migration rückläufig
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Angela RosserJournalistin News

Die Bilder aus Ceuta gehen um die Welt. Tausende Menschen stürmten die Exklave Spaniens, Dutzende starben auf dem Weg und die meisten sind bereits wieder zurück in Marokko. Als Sündenbock muss für viele europäische Regierungsvertreterinnen- und Vertreter Spanien herhalten. Giorgia Meloni brachte etwa den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum ins Spiel.

Warum das komplett absurd sei, was beim Thema der irregulären Migration vergessen werde und welche Schritte die EU-Staaten als nächstes in Angriff nehmen müssten, erklärt der österreichische Migrationsforscher Gerald Knaus (56) im Gespräch mit Blick.

Blick: Herr Knaus, ist das, was in Ceuta passiert ist, der Startschuss für etwas Grösseres — also für einen neuen Migrationstrend nach Europa?
Gerald Knaus: Nein, das ist nichts Strukturelles. Und nicht mit 2015 vergleichbar, als Millionen Menschen aus Syrien flüchteten. Wir haben es in Ceuta mit einem aussergewöhnlichen Ereignis zu tun, nicht mit einer neuen grossen Migrationsbewegung. Die Zahlen irregulärer Migration sind insgesamt seit Jahren rückläufig.

Warum wirkt das dann so dramatisch?
Weil Bilder stärker wirken als Statistiken. In kurzer Zeit kamen sehr viele Menschen nach Ceuta, viele schwimmend. Das erzeugt ein Gefühl von sichtbarem Kontrollverlust — und genau das löst in ganz Europa Angst aus.

Sie sagen also: Das Problem ist weniger die Zahl als die Wirkung?
Genau. Solche Ereignisse sind irregulär und dramatisch, und sie entfalten eine politische Wirkung, die weit grösser ist als ihr statistisches Gewicht. Deshalb geraten selbst Länder wie Finnland oder Dänemark in Unruhe.

Warum ist Ceuta kein Beweis für eine neue Flüchtlingswelle?
Weil die Lage 2021, und erst recht 2015, ganz anders war. Damals gab es grosse, länger anhaltende Fluchtbewegungen, etwa von Syrern über die Türkei. Ceuta war hingegen ein kurzfristiger, aussergewöhnlicher Vorfall.

Wer sind die Menschen, die dort angekommen sind?
Vor allem Menschen aus der Region, insbesondere Marokkaner. Das ist keine klassische Fluchtbewegung im Sinne politisch Verfolgter. Viele haben kaum Aussicht auf Asyl und gehen deshalb wieder zurück. Was viele ja bereits getan haben.

Warum gehen sie zurück?
Weil der Weg am Ende oft sinnlos ist, wenn klar wird, dass er nicht zum Ziel führt. Genau deshalb müsste Europa ein System haben, das diese Sinnlosigkeit sofort deutlich macht.

Wenn es solche Instrumente gibt, warum werden sie dann nicht eingesetzt?
Weil Europa bisher keine ausreichend tragfähigen Abkommen mit sicheren Drittstaaten hatte. Seit diesem Jahr aber wären diese in der EU rechtlich möglich. Die entscheidende Frage ist: Warum werden sie nicht verhandelt?

Wo liegt aus Ihrer Sicht der Schlüssel?
Jetzt in Marokko. Wenn Marokko die Kontrolle lockert, entsteht sofort Druck auf Ceuta. Aber darüber hinaus braucht die EU funktionierende Abkommen auch mit anderen Drittstaaten, sonst bleibt sie verwundbar.

Ist Spanien also gar nicht das Problem?
Nein. Die Kritik an Spanien ist absurd. Nach Spanien kamen 2025 und 2026 weniger irreguläre Migranten als in andere Mittelmeer-Staaten. Das Land wird zu Unrecht zum Sündenbock gemacht. Kämen morgen 10'000 Menschen nach Lampedusa, wäre Italien in der gleichen Lage.

Warum wird Spanien trotzdem von so vielen kritisiert?
Diese Art Ereignis irregulärer Migration erzeugt dramatische Bilder und Furcht. Auch Regierungen in Finnland und Dänemark sind beunruhigt. Und vergessen, dass hier an einem Tag in einer Stadt so viel irreguläre Migration erfolgte wie in den vergangenen sechs Monaten im ganzen Mittelmeer. Die EU hat aber heute keine Strategie, um solche Situationen zu unterbinden. Das gilt auch für Italien, Zypern, Griechenland.

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Welche Gefahr sehen Sie politisch?
Dass aus einem Einzelfall eine Scheindebatte über Schengen wird. Wenn man an den falschen Stellschrauben dreht, löst man das Problem nicht, und dann passiert es wieder.

Was muss jetzt geschehen?
Die EU braucht eine echte Antwort. Abkommen, Rücknahmefähigkeit und klare Regeln. Nur dann entsteht das Signal, dass der gefährliche Weg nach Europa nicht funktioniert. Wir müssen jetzt die richtigen Antworten geben und keine Scheindebatten über das Schengen-System führen. Das ist Theaterpolitik. Wenn das so bleibt, wird sich das woanders wiederholen. 

Was bedeutet das für die Schweiz?
Auch die Schweiz hat ein Interesse daran, dass Schengen funktioniert und keine Kontrollverluste entstehen. Solche Bilder erzeugen Angst weit über Spanien hinaus. Deshalb müssen sich alle europäischen Staaten an einer gemeinsamen Lösung beteiligen. Das muss ein heilsamer Schock sein und eine echte Wende bei der Migration einleiten.

Gerald Knaus – Migrationsforscher und Analyst

Gerald Knaus ist ein österreichischer Migrationsforscher und politischer Analyst. Er ist 1970 geboren, Mitgründer und leitender Kopf von European Stability Initiative (ESI) und wird oft als einer der einflussreichsten Stimmen in der europäischen Migrationsdebatte wahrgenommen.

Knaus ist vor allem bekannt für seine Arbeit zu Migrationsabkommen, EU-Aussengrenzen und politisch umsetzbaren Lösungen zwischen Europa und Drittstaaten.

Gerald Knaus ist ein österreichischer Migrationsforscher und politischer Analyst. Er ist 1970 geboren, Mitgründer und leitender Kopf von European Stability Initiative (ESI) und wird oft als einer der einflussreichsten Stimmen in der europäischen Migrationsdebatte wahrgenommen.

Knaus ist vor allem bekannt für seine Arbeit zu Migrationsabkommen, EU-Aussengrenzen und politisch umsetzbaren Lösungen zwischen Europa und Drittstaaten.

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