Darum gehts
- 50'000 Migranten schwimmen nach Ceuta, 57 Tote in dieser Woche
- Schlepper verbreiten Falschinformationen über Chancen auf Einbürgerung in Spanien
- 1493 Menschen 2026 im Mittelmeer ertrunken, laut Uno-Organisation
Die «Attacke» ist vorbei, der Schock ist geblieben. Über der spanischen Exklave Ceuta im äussersten Norden Marokkos liegt eine angespannte Ruhe. Und vor dem «Ceti», der hiesigen Anlaufstelle für illegale Migranten, liegt Abdullah im Dreck. «Ich habe seit Donnerstag nichts gegessen», erzählt der Malier mit leiser Stimme. Wie Zehntausende andere ist er Mitte der Woche durch das Meer hierhin geschwommen. Er hatte Hoffnung, dass Spanien ihn aufnehmen, ihn vielleicht sogar arbeiten lassen würde.
Stattdessen lässt Spanien ihn fallen. Sein Blick ist ängstlich. Der Boden rund um ihn herum riecht nach Urin. Er fragt den Blick-Reporter nach einer Schere, um seinen Schuh aufzuschneiden. Geschwollener Fuss. «Aber ich lasse mich nicht aufhalten», flüstert Abdullah.
Rund 50'000 illegale Migranten sind diese Woche um die Grenzzäune der spanischen Exklave Ceuta herumgeschwommen. Mindestens 67 von ihnen haben die stundenlange, kraftzehrende Reise nicht überlebt. Alle anderen haben die Küstenstadt kurzzeitig in Angst und Schrecken versetzt. Selbst der ansonsten zurückhaltende spanische Regierungschef Pedro Sánchez (54) sprach angesichts der wilden Szenen bei den Grenzübergängen Tarajal und Benzu – eben – von einer «Attacke».
Ceutas lokale Bevölkerung stellte sich den Migranten in den Weg. Die Geschäfte schlossen oder liessen keine Flüchtlinge rein. In der 80'000-Einwohner-Stadt hatten am Freitag gerade mal noch zwei Restaurants offen. Alle anderen verbarrikadierten die Tore aus Angst vor denen, die da kamen.
Die gefährlichen Lügen der Schlepper
Am Samstagabend hat sich die Lage fürs Erste beruhigt, trotz der Tausenden meist jungen Männer, die noch immer hier ausharren. Geblieben sind die wirklich Verzweifelten, jene, die wissen, dass es für sie kein Zurück mehr gibt, auch wenn die Grenzen nach Marokko sperrangelweit offen stehen.
Doch die Befürchtung, dass sich das Drama jederzeit wiederholen könnte, verblasst nicht so schnell. Die Fähre, die von Algeciras auf dem spanischen Festland her im Stundentakt über die Meeresenge rauscht, ist voller spanischer Rechtsradikaler der Bewegung Núcleo Nacional. «Patria, España o Plomo» (etwa so viel wie «Vaterland, Spanien oder Kugelhagel») steht auf dem T-Shirt des einen. Über ihre Mission hier in der spanischen Exklave an Marokkos Nordküste wollen sie mit dem fremdländischen Reporter nicht reden.
Die spanische Küstenwache hat tags zuvor beim Grenzübergang Tarajal eine rund 500 Meter lange, schwimmende Sperre errichtet. Mit Bojen und Netzen will das Königreich verhindern, dass erneut Tausende von Verzweifelten oder Abenteurern durch die gefährlichen Gewässer an seine Küsten schwimmen, die Taschen leer, die Köpfe voller falscher Vorstellungen.
Schlepperbanden hatten in den vergangenen Tagen bewusst Falschinformationen über die sozialen Netzwerke verbreitet. Sie behaupteten, in Spanien kriegten alle ein Aufnahmeverfahren, Jobs gäbe es reichlich, sogar die Chance auf rasche Einbürgerung.
Was stimmt: Spaniens oberstes Gericht hat vor kurzem entschieden, dass jeder illegale Ankömmling, der über das Wasser an Ceutas Küsten gelangt, nicht einfach so wieder abgewiesen werden darf (jene, die über den Grenzzaun klettern, übrigens schon). Zudem hat Spaniens sozialdemokratische Regierung im April beschlossen, 500'000 Sans-Papiers im Land zu legalisieren, damit sie einer geregelten Arbeit nachgehen können.
Kein einziger Flüchtling schaffte es aufs europäische Festland
Davon haben die Zehntausenden Ceuta-Flüchtlinge aber nichts. Sie schaffen es nicht einmal bis aufs spanische Festland. Keinem einzigen von ihnen hat Spanien die rund einstündige Bootsreise über das Mittelmeer gestattet. Fast alle sind – enttäuscht von der gar nicht so rosigen Realität drüben im verheissenen Land – wieder zurückgekehrt nach Marokko.
Ohne politische Nebenwirkungen bleibt die krasse Episode in Ceuta – neben der anderen spanischen Exklave Melilla das einzige europäische Hoheitsgebiet mit direkter Landgrenze zu Afrika – dennoch nicht. Italiens Regierung hat das Schengen-Abkommen mit Spanien für einen Monat ausgesetzt, angeblich um zu verhindern, dass die «Flüchtlingsströme» weiter Richtung Rom kommen können.
Rechtsparteien in Deutschland, Frankreich und Finnland haben sich offiziell über Spaniens laschen Umgang mit dem Problem beklagt. Nicht ganz zu Unrecht: Madrid stellte den 50'000 Eindringlingen anfänglich gerade mal 55 Polizisten und Grenzwächter entgegen! Donald Trump (80) warnte in einer Kabinettssitzung davor, dass man auch in den USA wieder Ceuta-artige Zustände haben werde, falls die Demokraten die kommenden Wahlen gewinnen. Und selbst in der Schweiz hat die Causa Ceuta für politische Furore gesorgt. Der Thurgauer SVP-Nationalrat Pascal Schmid (49) forderte vom Bundesrat umgehend schärfere Grenzkontrollen.
Das alles beseitigt die Wurzeln des Problems nicht. Millionen von Afrikanern träumen – angeheizt von den falschen Versprechungen der Schlepper und von den beschönigten Europa-Bildern in ihren Tiktok-Bubbles – weiterhin vom Schwumm hinüber in die andere Welt oder von der «harka», der allzu oft tödlichen Überfahrt über das Mittelmeer. Die Internationale Organisation für Migration, ein Organ der Uno, beziffert die Zahl der Ertrunkenen im Mittelmeer für das laufende Jahr bereits auf 1493.
Die 67 Toten von Ceuta sind noch nicht mitgezählt.