Darum gehts
- Rechtsradikale und Neonazis sorgen in Ceuta seit Samstag für Unruhen
- Nur 55 Polizisten standen 50'000 Migranten gegenüber, Sicherheitslage kritisch
- Spanien-Wahlen 2027: Sánchez' Position durch Ceuta-Krise stark geschwächt
Die Flüchtlinge gehen, die Rechtsradikalen kommen: Auf die «Attacke» der 50'000 Migranten vergangene Woche (so beschrieb es der sozialdemokratische Regierungschef Pedro Sanchez (54) folgt in der spanischen Exklave Ceuta jetzt der Überfall der Rechtsradikalen.
Die rund 20 Vertreter der Neonazi-Gruppe Núcleo Nacional, die am Samstagnachmittag mit der Fähre in Ceuta ankamen, mussten schon am Hafen rechtsum kehrtmachen, weil die Polizei sie – angefeuert von lautstark demonstrierenden Ceuta-Bewohnern – gleich wieder nach Hause schickte. Begründung: Ungehorsam. Keine Einreiseprobleme hatte Spaniens prominentester Rechtspolitiker, der seinen Auftritt auf dem «Afrika-Platz» am Sonntagmittag für eine eindringliche Warnung nutzte.
«Man muss sie sofort rauswerfen! Alle! Mit allen Mitteln. Und wenn die Regierung es nicht tut, müssen es die Spanier allein tun.» Das erklärte Santiago Abascal (50), Chef der rechten Vox-Partei, vor einer Handvoll Anhänger. Er dankte den Einwohnern, die ihren Flecken Land «vor den Invasoren verteidigt» hätten.
Abascal spricht vom «Krieg, den Marokko gegen Spanien führt» und lobte die 22 europäischen Regierungen, die sich diese Woche in Brüssel treffen wollen, um über den zukünftigen Umgang mit dem Migrations-Sorgenkind Spanien zu beraten.
Von der «Jungen Tat» nach Ceuta
Dass die spanische Regierung Warnungen der Geheimdienste vor dem Ansturm der Migranten offenbar ignoriert hat und den gut 50'000 Ankömmlingen anfänglich gerade mal 55 Polizisten und Grenzwächter entgegenstellte, erscheint tatsächlich fahrlässig. Nicht zuletzt, weil das von marokkanischem Staatsgebiet umschlossene Ceuta nicht zum ersten (und wohl auch nicht zum letzten) Mal mit einem Massenansturm von Migranten zu rechnen hat.
«Schau dir an, was die Ausländer hier anrichten», rief ein Aufräumer am mit Schuhen und zerrissenen Schwimmringen überhäuften Strand dem (ausländischen) Blick-Reporter zu. Mit seiner ablehnenden Haltung ist er nicht allein. Mehrere Bewohner von Ceuta, die nicht mit Namen hinstehen wollen, bestätigen Blick, dass sie sich tagelang in ihren Häusern verbarrikadiert und Angst gelitten hätten.
Hinstehen tut dafür Toni Estevez (24), Social-Media-Star und sowas wie der Vorzeigebub der spanischen Rechtsradikalen. Eben noch war er in der Schweiz als Gast der «Jungen Tat». Nach seinem Box- und Wanderausflug in die Alpen steht er nun auf der Plaza de Africa am Stadtrand von Ceuta und moniert: «Spanien hat seine Grenzen nicht im Griff. Wir sind Europas Einfallstor für Migranten. Diese Invasion betrifft nicht nur uns hier, sie betrifft den ganzen Kontinent.»
Entscheidet Ceuta die Spanien-Wahl?
Darüber kann Vanesa Ajenjo (38) nur den Kopf schütteln. Die Lehrerin sitzt an ihrem Küchentisch, an der Wand Kinderzeichnungen, auf den Stühlen neben sich drei junge marokkanische Mädchen, die sie am Morgen auf der Strasse aufgelesen und für eine Dusche und eine warme Mahlzeit mit nach Hause genommen hat.
«Ich habe Angst vor der Radikalisierung, die uns jetzt droht – und davor, dass wir einander nicht mehr als Menschen sehen.» Sie sei stolz auf ihre Mitbürger, die die Neonazis am Samstag vertrieben hätten. Und zu Vox-Politiker Abascal: «Dem ist Ceuta doch egal. Der geht doch nur auf Stimmenfang!»
Möglich. Und verständlich. In einem Jahr stehen in Spanien Wahlen an. Der Sitz des Sozialdemokraten Sanchez wackelt. Nach der Causa Ceuta noch deutlich mehr als schon zuvor.