Die Bilder von Ceuta verstören. Wie ist es möglich, dass etwa 50’000 mehrheitlich junge, männliche Marokkaner gleichzeitig bereitstehen, um die spanische Exklave zu überrennen? Offenbar lief ein Grossteil der Mobilisierung über Social Media. Wie konnte das ohne Mitwissen der politischen Führung geschehen? Marokkos König und die herrschende Clique kontrollieren nahezu alles, auch die Öffentlichkeit.
Das wären die drängendsten Fragen – doch haben in unseren Breitengraden eiligst Biedermänner und Beschwichtiger die Kanzel bestiegen, um dem Publikum die Denk- und Deutungsrichtung zu weisen: Es hätten ja bloss 50’000 die Grenze durchbrochen, nicht 80’000, beruhigte der deutsche Extremismusforscher Peter R. Neumann. Die Eindringlinge seien mehrheitlich bereits zurückexpediert worden, dozierten andere. Überdies gehöre Ceuta ja gar nicht zum Schengenraum.
Also alles nur eine Fata Morgana? Man erinnert sich an die Szene aus der Filmkomödie «Die nackte Kanone», in der Polizist Frank Drebin die Schaulustigen vom Schauplatz einer gewaltigen Explosion mit den Worten zu vertreiben sucht: «Hier gibt es nichts zu sehen!»
Der «Spiegel» stellt die Sache kurzerhand auf den Kopf und mokiert sich über die «Migrationspanik» der Bevölkerung. Für das Hamburger Nachrichtenmagazin sind also nicht die Massen junger, nordafrikanischer Männer ohne Lebensperspektive und Aussicht auf Asyl das Problem, sondern die «panischen» Europäer.
König Mohammed VI. verbringt einen Grossteil des Jahres in seinem Stadtpalais im noblen 7. Arrondissement von Paris. Er rühmt sich der wachsenden marokkanischen Wirtschaft und ist stolz darauf, die Fussball-WM 2030 in sein Land geholt zu haben. Doch dem Monarchen gelingt es weder, die enorme Jugendarbeitslosigkeit zu senken, noch seinen Landsleuten mehr Mitspracherecht zu gewähren. Marokkos Generation Z nimmt lieber den Tod durch Ertrinken in Kauf, um in Südeuropa als Tomatenpflücker zu arbeiten oder in den Bahnhofsvierteln westlicher Metropolen als Kleinkriminelle zu enden, als im Maghreb zu bleiben. Das ist das Übel – nicht die Sorgen der hiesigen Bürger.