Darum gehts
Kremlchef Wladimir Putin (73) treibt die Nato in die Enge. Seine Drohnen tauchen im Luftraum von Bündnisstaaten auf, seine Schiffe kreuzen nahe kritischer Infrastruktur, Sabotage und Cyberangriffe nehmen zu. Noch ist keiner dieser Vorfälle der grosse Angriff, vor dem die Geheimdienste seit Kriegsausbruch in der Ukraine warnen.
Aber die Zeichen verdichten sich: Der Kreml könnte schon bald einen Schritt weitergehen. Besonders ein Szenario lässt die Alarmglocken in Europas Hauptstädten läuten.
Die Warnsignale häufen sich
Am Wochenende schlagen US-Geheimdienste Alarm: Putin könnte ab Herbst versuchen, Nato-Gebiet anzugreifen. Besonders gefährdet seien Polen und die baltischen Staaten. Die möglichen Szenarien reichen von Cyberattacken bis zu einem begrenzten Eindringen auf Bündnisgebiet.
Fast gleichzeitig explodiert am Samstag eine Drohne an der Grenze zwischen den Nato-Staaten Bulgarien und Rumänien. Woher sie kam, ist unklar. Nur wenige Tage zuvor wird auf dem Flughafen Leipzig eine Drohne mit militärischem Sprengstoff entdeckt. Nach amerikanischer Einschätzung ist sie einem russischen Geheimdienst zuzuordnen.
DCX STORY: doc8731qmcwa7arp3rc9tr [Angriffe Putin auf Nato?]
Auch auf dem Meer wächst die Nervosität. Allein im Juli verbrachte die britische Marine laut «The Guardian» 21 Tage damit, russische Schiffe in den Gewässern rund um Grossbritannien zu überwachen. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Aktivität um 25 Prozent. Das russische Spezialschiff Yantar wiederum wurde bereits nahe wichtiger Unterseekabel vor Schottland beobachtet.
Laut einer aktuellen Analyse der Carnegie Endowment haben sich russische Sabotageoperationen in Europa 2024 gegenüber den Vorjahren vervierfacht. Die erhöhte Aktivität setzte sich demnach 2025 und 2026 fort. Das bedeutet nicht, dass russische Truppen morgen ins Baltikum einmarschieren. Auch die amerikanischen Dienste halten einen begrenzten territorialen Angriff derzeit für wenig wahrscheinlich.
Leipzig zeigt, wie wenig es braucht
Putin müsste gar keinen offenen Krieg beginnen. Es reicht, Europa glauben zu lassen, dass er es jederzeit könnte. Für den Kreml könnte schon ein begrenzter Angriff einen grossen politischen Gewinn bringen.
Putin schürt Angst in der Bevölkerung, setzt Regierungen unter Druck und sät Zweifel zwischen den Nato-Partnern. Sein eigentliches Ziel ist dabei nicht, ein Stück Europa zu erobern, sondern zu beweisen, dass das Bündnis im entscheidenden Moment uneinig ist. Genau darauf zielen laut den US-Geheimdienstberichten mögliche russische Szenarien ab: die Entschlossenheit der Nato testen und das Bündnis spalten.
Bislang gingen die USA davon aus, dass der Kreml eine direkte Provokation der Nato vermeiden würde, solange Russland noch Krieg gegen die Ukraine führt. Diese Einschätzung hat sich geändert, wie CNN unter Berufung auf US-Geheimdienstberichte schreibt.
Jetzt entscheidet Europas Reaktionszeit
Sicherheitsexperten warnen vor einem Szenario mit sogenannten «kleinen grünen Männern»: nicht gekennzeichneten Kämpfern, lokalen Helfern oder russischen Agenten, die ein kleines Gebiet destabilisieren oder sogar besetzen. Moskau könnte jede Beteiligung bestreiten. Die Nato müsste unter Zeitdruck entscheiden, ob tatsächlich ein Angriff stattgefunden hat – und wie weit sie deshalb gehen will.
Experten empfehlen laut «Bild» deshalb gemeinsame Mechanismen, mit denen Geheimdienste schneller Informationen austauschen und Angriffe zuordnen können. Gleichzeitig müssten mögliche Konsequenzen schon vorher feststehen: Sanktionen, Ausweisungen russischer Agenten, Cyber-Gegenmassnahmen oder zusätzliche Truppen an der Ostflanke.
Und die Nato muss genau jene Situationen üben, bei denen nicht sofort klar ist, ob der Bündnisfall greift. Denn Abschreckung funktioniert nur, wenn Putin vorher weiss, was ein Angriff kostet. Sein Kalkül könnte sein, Europas rote Linie so lange auszutesten, bis das Bündnis ins Zögern gerät. Die Aufgabe der Nato ist deshalb, ihm genau diese Hoffnung zu nehmen.