Darum gehts
Ein russischer Drohnenangriff auf ein Kraftwerk in Polen. Bewaffnete Soldaten, die angeblich versehentlich die Grenze überschreiten. Oder ein Militärhelikopter, der wegen eines Navigationsfehlers plötzlich auf Nato-Gebiet landet. Noch sind das rein hypothetische Szenarien. Doch genau solche Möglichkeiten spielen Geheimdienste in mehreren europäischen Ländern, allen voran Polen, derzeit durch, wenn es um die Frage geht: Wie nervt uns Wladimir Putin (73) als Nächstes?
Ihre Sorge: Russland könnte versuchen, die Nato mit einer begrenzten Provokation zu testen. Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich. Schliesslich steckt Russland seit Jahren in einem zermürbenden Krieg gegen die Ukraine. Warum also sollte Putin ausgerechnet jetzt eine zweite Front gegen die Nato riskieren?
Russland sucht nach einem neuen Hebel
Polen ist mit seiner Sorge nicht allein. Auch Lettlands Geheimdienst meldet Hinweise auf mögliche russische Provokationen. Die Niederlande warnen vor einem begrenzten militärischen Konflikt mit Russland, deutsche Militärs sprechen von gemeinsamen Nato-Erkenntnissen über eine wachsende Bedrohung an der Ostflanke.
Für Russland-Experte Ulrich Schmid sind die Warnungen nicht zu ignorieren. «Der Bericht des polnischen Geheimdienstes bestätigt bisherige aggressive Praktiken Russlands», sagt er zu Blick. Bereits im vergangenen Jahr seien russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen, um die Reaktionsfähigkeit der Nato zu testen.
Warum aber gerade jetzt? Weil der Kreml selbst zunehmend unter Druck gerät. «Putin steckt in einem Dilemma», sagt Schmid. «Er müsste in der Ukraine eigentlich eskalieren, um seine Kriegsziele zu erreichen – kann das aber nicht.»
Eine neue Mobilmachung oder gar eine offizielle Kriegserklärung an die Ukraine würde Putins Erzählung von der «militärischen Spezialoperation» endgültig zerstören. «Das wäre das Eingeständnis, dass Russland eben keine militärische Supermacht mit der zweitstärksten Armee der Welt ist», sagt Schmid.
Putins Ziel ist nicht Polen
Darum hat der Kreml es neben dem Konflikt in der Ukraine gleichzeitig auch auf die Nato abgesehen. Zumindest indirekt. «Putin identifiziert gezielt Schwachstellen seiner Gegner», sagt Schmid. Russland verfolge seit Jahren eine Doppelstrategie: Einerseits wolle Moskau Nato und EU auseinanderdividieren, andererseits westliche Gesellschaften durch Propaganda, Desinformation und Sabotage spalten. «Putin greift gerne militärisch ein, ohne einen offenen Krieg zu deklarieren.» Genau dieses Muster habe sich bereits 2008 in Georgien und 2014 auf der Krim gezeigt.
Auch der österreichische Politikwissenschaftler Gerhard Mangott hält die aktuellen Warnungen für ernstzunehmend. Sabotage, Cyberangriffe, Desinformation und Geheimdienstoperationen würden weiter zunehmen. Einen direkten militärischen Angriff auf ein Nato-Land hält er dagegen «solange der Krieg in der Ukraine andauert» für wenig wahrscheinlich.
Nach einem Ende des Ukraine-Kriegs könne sich das jedoch ändern. «Russland könnte dann solche Nadelstiche setzen», sagt Mangott. Als Beispiel nennt er die estnische Grenzstadt Narva mit ihrer grossen russischsprachigen Bevölkerung. Tauchten dort plötzlich bewaffnete «grüne Männchen» auf – wie einst auf der Krim –, müsste die Nato entscheiden, ob sie den Bündnisfall ausruft oder nicht.
Ein Test für Artikel 5
Genau darin sieht Mangott das eigentliche Kalkül des Kremls. «Das auszutesten, könnte ein russisches Anliegen sein.» Denn Artikel 5 gilt zwar als Herzstück der Nato. Er verpflichtet die Mitgliedstaaten jedoch nicht automatisch zu einem militärischen Gegenschlag. Jedes Land entscheidet selbst, wie es einem angegriffenen Bündnispartner hilft.
Fände die Nato keine gemeinsame Antwort, wäre das aus russischer Sicht ein strategischer Erfolg. «Dann wäre die Schutzwirkung und Glaubwürdigkeit der Nato dahin», sagt Mangott. Russland hoffe darauf, «dass das Vertrauen der Mitgliedstaaten in diese Bündnisgarantie erodiert» und die Allianz in eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise gerät.
Mangott sieht darin sogar einen zentralen Grund für die aktuellen Warnungen. «Innerhalb des Bündnisses werden inzwischen sehr offen Zweifel geäussert, ob die Schutzgarantie nach Artikel 5 im Ernstfall tatsächlich noch gilt», sagt er. Genau diese Unsicherheit könnte Russland eines Tages ausnutzen.
Die eigentliche Warnung
Beide Experten warnen dennoch vor Alarmismus. Weder Schmid noch Mangott rechnen damit, dass Russland während des laufenden Ukraine-Kriegs einen offenen Angriff auf einen Nato-Staat wagt. Dafür sind zu viele Truppen in der Ukraine gebunden. Aber sollte es Moskau gelingen, die Nato dazu zu bringen, über ihre eigene Beistandsgarantie zu streiten, hätte Putin vielleicht genau das erreicht, was er seit Jahren versucht: den Westen nicht militärisch zu besiegen – sondern politisch zu spalten.