Heikler Nordkorea-Entscheid
Für diese Taktik opfert Selenski seine Kriegsgefangenen

Das Schicksal von zwei nordkoreanischen Kriegsgefangenen könnte den Krieg in der Ukraine beeinflussen. Selenski steht vor einem der schwierigsten Dilemmata seit Kriegsbeginn.
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Kim Jong Un wäre gar nicht erfreut über die Auslieferung seiner Soldaten an den Erzfeind.
Foto: AFP

Darum gehts

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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Das Schicksal meinte es gut mit Soldat Ri (27) und seinem namenlosen Kameraden. Die beiden sind bis heute die einzigen der mehr als 14'000 Nordkoreaner in Putins Diensten, die von der Ukraine gefangen genommen worden sind. Mehr als 7000 ihrer Kameraden starben im Krieg. Viele sollen Suizid begangen haben – wie es ihnen im Training eingetrichtert wurde –, um dem Feind nicht lebend in die Hände zu fallen.

Ri und seinem Kollegen winkt nun das Beste, was einem Nordkoreaner wohl passieren kann: die Ausreise nach Südkorea. Heute Dienstag verhandeln die Aussenminister der Ukraine und Südkoreas in Seoul über ihr Schicksal. Seoul würde die beiden gerne aufnehmen – und stellt Präsident Wolodimir Selenski (48) damit vor ein Dilemma.

Der Hintergrund: Kurz nach ihrer Gefangennahme hielten Ri und sein Kollege in einem Brief fest, dass sie sich vor der Rückkehr in Kim Jong Uns (42) Regime fürchten. Ihnen drohe Folter, glauben auch Nordkorea-Experten. Wer sich im Krieg lebend fangen lässt, gilt in Nordkorea als Verräter.

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Der nordkoreanische Kriegsgefangene Ri und sein Kollege sitzen seit Oktober in der Ukraine fest.
Foto: Telegram Zelenskiy / Official

Südkorea hingegen hält in seiner Verfassung fest, dass alle Bewohner der koreanischen Halbinsel, also auch die knapp 27 Millionen Nordkoreaner, Teil der koreanischen Nation sind. Das sehen auch Ri und sein Kampfkollege so: «Wir empfinden die Südkoreaner als unsere Eltern und Brüder. Wir möchten nach Südkorea gehen», schreiben sie.

Sogar Selenski tun die Nordkoreaner leid

Seoul würde die beiden auch deshalb willkommen heissen, weil sie wertvolle Informationen über Nordkoreas Militär besitzen könnten. Für Kim Jong Un wäre der Gedanke an zwei Landsmänner, die freiwillig zum südlichen Nachbarn überlaufen, eine Schmach.

Wladimir Putin (73) weiss das. Er will seinem Kriegsbuddy Kim die Demütigung ersparen – auch weil er weiter auf nordkoreanische Soldaten und Munitionscontainer hofft. Deshalb drängt Russland darauf, die beiden Nordkoreaner im Rahmen eines Gefangenenaustauschs an Moskau zu überstellen. Von dort ginge ihre Reise wohl direkt weiter nach Pjöngjang.

Die Genfer Konvention verbietet jedoch die Auslieferung von Kriegsgefangenen an Staaten, in denen ihnen Folter droht. Selenski weiss das. Und er hat sich mehrfach fast bemitleidend über die nordkoreanischen Kämpfer geäussert. «Es ist schwierig für uns, sie zu fangen, weil ihre eigenen Leute sie zuvor exekutieren. Die Russen schicken sie mit minimalster Ausrüstung auf Selbstmordmissionen», sagte er schon im Dezember 2024.

Mit einer Überstellung nach Südkorea könnte Selenski dem Partner in Seoul entgegenkommen – und vielleicht sogar dessen Bereitschaft erhöhen, doch noch direkt Waffen an Kiew zu liefern. Bisher hat Südkorea das nicht getan. Gleichzeitig gäbe Selenski wertvolles «Tauschmaterial» aus der Hand: Für Ri und seinen Kameraden würde Putin ukrainische Kriegsgefangene freilassen. Zuletzt kamen bei solchen Deals sogar wieder Kämpfer der in der Ukraine verehrten Asow-Brigade frei, die Mariupol verteidigt und teils mehr als vier Jahre in russischer Gefangenschaft ausgeharrt hatten.

Das grosse Dilemma

Selenski steht damit vor einem moralischen Dilemma: Soll er die Nordkoreaner nach Seoul ausreisen lassen, sie vor Kim schützen und Südkorea politisch entgegenkommen? Oder soll er sie Putin übergeben und damit ukrainische Gefangene heimholen?

Aus strategischer Sicht ist die Antwort relativ klar: Ziel der Ukraine ist es, einen Keil zwischen Kim und Putin zu treiben. Wenn der wichtigste Schlachtfeld-Partner der Russen bei der nächsten Kreml-Bitte um mehr Soldaten ins Zögern kommt, ist das gut für Kiew. Mit der Auslieferung der beiden Nordkoreaner an Südkorea könnte Selenski genau das erreichen.

Dass deswegen ukrainische Kriegsgefangene in Putins Kerkern schmoren müssen, die Selenski gegen die beiden Nordkoreaner hätte eintauschen können: Das ist das schmerzhafte Kalkül, das der Kriegspräsident in Kiew wohl oder übel aushalten muss.


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