Holt sich Ukraine die Krim zurück?
Diese Truppe könnte auf der Halbinsel die Wende bringen

Die Situation für die russischen Besatzer auf der Halbinsel spitzt sich seit Tagen dramatisch zu. Neben Selenskis Drohnenjägern sind es vor allem die Agenten der geheimnisumwitterten Atesh-Partisanengruppe, die die ukrainischen Krim-Träume wieder aufleben lassen.
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Auf der russisch besetzten Halbinsel Krim geht langsam, aber sicher das Benzin aus.
Foto: IMAGO/SNA

Darum gehts

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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Zwölf Jahre lang blieb die Rückkehr an die traumhaften Strände der Krim ein heisser Sommertraum der Ukrainer. Jetzt aber scheint das Undenkbare plötzlich wieder möglich. Seit Wochen verwandelt die ukrainische Armee die seit 2014 besetzte Halbinsel im Schwarzen Meer täglich aufs Neue in eine tödliche Falle für die russischen Besatzer. Wie lange Wladimir Putins (73) Schergen das noch aushalten, bevor sie zusammenpacken: unklar.

«Die Krim ist jetzt effektiv unter ukrainischer Belagerung», urteilt der Militärhistoriker Torsten Heinrich in seiner jüngsten Lagebeurteilung. Für die Krim-Sorgen des Kreml sind nicht nur die ukrainischen Drohnenschwärme verantwortlich, sondern auch eine geheimnisumwitterte Untergrundorganisation, die jetzt zum alles entscheidenden Schlag ansetzen könnte.

Die Situation auf der Halbinsel hat sich innert Kürze zugespitzt. Benzin gibts nur noch fürs Militär, der Strom wird mehrere Stunden pro Tag abgeschaltet. Davon betroffen sind – mitten im 30-Grad-Sommer – auch die Wasserpumpen in Zehntausenden Häusern. Zuletzt musste die Verwaltung der besetzten Krim gar die traditionellen Sommercamps für russische (und zwangs-russifizierte ukrainische) Kinder absagen.

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Kein Most mehr für Moskaus Schergen.
Foto: AP Photo/undefined

Hinter der Notlage steckt wochenlange ukrainische Präzisionsarbeit. Wolodimir Selenkis (48) Truppen haben wichtige Zufahrtsstrassen zerstört, den Krim-Hafen der Stadt Kertsch in Flammen gesetzt und die Drohnen-Jagdsaison auf russische Transportfahrzeuge eröffnet. Videos belegen, dass die Russen ihre Lastwagen inzwischen fast nur noch von bewaffneten Soldaten begleitet auf die Strasse lassen. Die Verkehrsdienst-Soldaten fehlen zwangsläufig anderswo und schaffen neue Schwachstellen in den russischen Linien.

Eier-Sabotagetrick und andere Atesh-Taktiken

Statt wie einst würzige Barbecue-Schwaden ziehen derzeit vielerorts schwarze Rauchwolken über die Strände der Krim. Schiffe brennen, Benzindepots stehen in Flammen, unter russischen Militär-Bloggern geht die Angst um. «Rybar», mit mehr als 1,5 Millionen Telegram-Followern einer der einflussreichsten russischen Militäranalysten, befürchtet gar eine baldige Landung ukrainischer Sondereinheiten auf dem Fast-Eiland.

Dabei wissen die Russen genau: Pro-ukrainische Spezialkräfte sind auf der Krim längst eingetroffen. Und zwar in Form der Partisanengruppe Atesh (was so viel heisst wie Feuer). Das Ziel des rund 2000 Agenten umfassenden Geheimbunds ist die Befreiung der Halbinsel von den russischen Besatzern.

Seit September 2022 machen die Atesh-Agenten den Russen auf der Krim das Leben schwer – wohl noch nie so hartnäckig wie jetzt. Sie legen Feuer in Soldatenbaracken, leiten GPS-Daten russischer Stellungen an die ukrainische Armee weiter und schulen widerstandswillige Soldaten darin, die russischen Militäraktionen zu sabotieren. Mindestens 4000 russische Armeeangehörige haben den Atesh-Online-Kurs laut Angaben der Gruppierung bereits absolviert. Ein praktischer Atesh-Tipp: Füllt rohe Eier in die Dieseltanks der Fahrzeuge. Stillstand: garantiert.

Selenski selbst hat sich am Wochenende bei den Atesh-Partisanen für ihre wichtige Rolle in der anhaltenden Krim-Kampagne bedankt. Atesh seinerseits hat seine Rekrutierungsbemühungen mit neuen Flyer-Aktionen erhöht. Nebst einfachen «Macht mit!»-Nachrichten verraten einem die auf den Flugblättern abgebildeten QR-Codes zuweilen auch, wie man Molotowcocktails baut. Nützliche Tipps für den heissen Widerstandssommer gegen die russischen Besatzer.

Auf ihrer Homepage riefen die Atesh-Partisanen alle Zivilisten auf der Krim am Sonntag dazu auf, die Halbinsel zu verlassen, solange das noch gehe. «Die Situation hier wird sich erst bessern, wenn die Russen die Halbinsel nicht länger als Sprungbrett für Angriffe auf freie ukrainische Gebiete nutzen», schreibt Atesh.

Experte hält Rückeroberung der Krim für möglich

Die grosse Stunde der Partisanen könnte nun unmittelbar bevorstehen. Der Grund: Praktisch alle Kraftstoffdepots der Krim sind zerschossen. Um ihren Militärapparat vor Ort weiter aufrechterhalten zu können, müssen die Russen jeden Tropfen Benzin auf dem Land- oder Wasserweg herbeischaffen. Vor allem die Transportfahrzeuge und Züge sind ideale Ziele für die Partisanen, wie ein erfolgreicher Atesh-Angriff auf einen Öltransport-Zug bei Sankt Petersburg vergangene Woche zeigte.

Manche Experten glauben inzwischen sogar daran, dass die Ukrainer mit Unterstützung der Atesh-Partisanen die Krim tatsächlich dereinst befreien könnten. Ben Hodges (68) etwa, der einstige Kommandant der US-Streitkräfte in Europa, sagte der ukrainischen «Pravda», dass die Ukraine die Halbinsel für die Russen unbrauchbar machen und in einen russischen Abzug bewirken könnte.

Während das Leben der russischen Besatzer auf der Krim also mehr und mehr zum Albtraum wird, haben die Ukrainer seit langem erstmals wieder guten Grund, ihren Krim-Sommertraum zu träumen.


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