Angriffe auf Moskau, neue Sanktionen der EU, keine Hilfe von Trump
In die Enge getrieben wird Putin noch gefährlicher

Je schlechter Russlands Lage im Ukraine-Krieg wird, desto grösser wird ein Problem für Wladimir Putin: Er kann sich keine Schwäche leisten. Warum die Krise des Kremls den Krieg nicht entschärfen, sondern verschärfen könnte.
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Putin braucht einen Ausweg aus dem Ukraine-Krieg. Doch je schlechter seine Lage wird, desto heikler wird es für den Kremlchef, Schwäche zu zeigen.
Foto: IMAGO/Gavriil Grigorov

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Brennende Raffinerien vor den Toren Moskaus, schwarze Rauchwolken über der russischen Hauptstadt und eine Offensive, die kaum noch vorankommt: Vier Jahre nach Beginn seiner Invasion sitzt Kremlchef Wladimir Putin (73) in einer strategischen Falle. Die Front stockt. Ukrainische Drohnen schlagen tief in Russland ein. Europa hält an seinen Sanktionen fest. Und Donald Trump (80) liefert dem Kreml bislang nicht die erhofften Zugeständnisse.

Eigentlich müsste Putin nach einem Ausweg suchen. Stattdessen wächst die Gefahr, dass er nicht nach Frieden sucht, sondern militärisch nochmals eskalieren könnte.

Der Krieg kommt nach Russland

In dieser Woche wurde Russlands Verwundbarkeit so sichtbar wie noch nie seit Kriegsbeginn 2022. Ukrainische Drohnen trafen erneut Raffinerien und Infrastruktur in der Nähe Moskaus. Die Bilder waren weit mehr als ein militärischer Erfolg Kiews. Sie trafen einen zentralen Pfeiler von Putins Herrschaft: das Versprechen, die Folgen des Krieges von den Russen fernzuhalten.

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Ukrainische Drohnen treffen immer häufiger Energieanlagen tief im russischen Hinterland
Foto: AFP

Auch an der Front läuft es für Moskau längst nicht mehr nach Plan. Zwar kontrolliert Russland weiterhin rund ein Fünftel der Ukraine und meldet regelmässig Geländegewinne. Doch die Fortschritte werden kleiner, während die Verluste hoch bleiben. Selbst russische Militärexperten sprechen laut CNN inzwischen von einer Offensive, die deutlich an Schwung verloren hat. Gleichzeitig gelingt es der Ukraine zunehmend, russische Nachschubwege, Treibstofflager und militärische Infrastruktur weit hinter der Front anzugreifen.

Politisch erhielt Kiew diese Woche ebenfalls Rückenwind. Beim G7-Gipfel traf Wolodimir Selenski (48) US-Präsident Donald Trump. Parallel verlängerte die EU ihre Russland-Sanktionen erstmals gleich um zwölf Monate – ein deutliches Signal, dass Europa nicht mit einem baldigen Ende des Krieges rechnet. Und ein Zeichen der neuen Einigkeit innerhalb der EU, die seit der Abwahl von Viktor Orban (63) möglich ist. 

Putins Hoffnungen schwinden

Für den Kreml sind das schlechte Nachrichten. Putin hatte über Jahre darauf gesetzt, dass die Zeit für Russland arbeitet. Dass der Ukraine irgendwann die Kräfte ausgehen. Dass Europa kriegsmüde wird. Und dass Trump Kiew stärker unter Druck setzen würde als Moskau. Bislang ist wenig davon eingetroffen.

Paradoxerweise könnte ausgerechnet eine Entspannung im Nahen Osten ebenfalls zum Problem für Putin werden. Während Trump monatelang vom Iran absorbiert war, geriet die Ukraine in Washington zunehmend in den Hintergrund. Nun deutet sich an, dass sich die Aufmerksamkeit des US-Präsidenten wieder stärker nach Europa verlagern könnte.

Die Falle des Kremlchefs

Unter normalen Umständen wären das Argumente für Verhandlungen. Doch Putin regiert kein normales politisches System. Seit einem Vierteljahrhundert basiert seine Herrschaft auf einem einfachen Versprechen: Die Russen erhalten Stabilität, geben dafür die politische Freiheit auf. Die Bevölkerung soll sich aus der Politik heraushalten – dafür würde Putin Russland stärker, sicherer und einflussreicher machen. Der Krieg in der Ukraine ist zum ultimativen Test dieses Versprechens geworden.

Gerade deshalb kann der Kremlchef heute kaum eingestehen, dass die ursprünglichen Ziele ausser Reichweite geraten sind. Autoritäre Herrscher leben nicht nur von militärischer Stärke, sondern von der Wahrnehmung von Stärke. Jeder Kompromiss birgt deshalb die Gefahr, als Schwäche interpretiert zu werden – von der Bevölkerung, den Eliten und den Hardlinern im eigenen Lager.

Wie könnte eine Eskalation überhaupt aussehen?

Die Möglichkeiten des Kremls sind begrenzter, als es die russische Rhetorik oft vermuten lässt. Ein direkter Angriff auf Nato-Staaten wäre ein enormes Risiko, solange die russische Armee in der Ukraine gebunden ist. Auch ein Einsatz taktischer Atomwaffen gilt unter Experten als unwahrscheinlich.

Wahrscheinlicher ist deshalb eine Eskalation innerhalb des bestehenden Krieges. Russland könnte die Angriffe auf ukrainische Städte und Energieinfrastruktur weiter intensivieren, zusätzliche Drohnen- und Raketenwellen starten oder die Mobilisierung schrittweise ausweiten. Für Putin wäre das die einfachste Möglichkeit, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

Warum Putin jetzt eskalieren könnte

Die militärische und politische Realität spricht zunehmend für Verhandlungen. Die Logik des Systems Putin spricht dagegen. Je sichtbarer die Kosten des Krieges werden, je mehr die Front stagniert und je lauter die Zweifel selbst innerhalb Russlands werden, desto grösser wird für den Kreml der Druck, das Gegenteil zu beweisen.

Genau deshalb könnte Putin versucht sein, militärisch weiter zu eskalieren. Nicht trotz, sondern wegen seiner Probleme.

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