Darum gehts
- Russland bombardiert die Ukraine mit 90 Raketen, darunter atomwaffenfähige Oreschnik-Rakete
- Ukraine zerstört russische Ziele tief im Hinterland mit neuer Drohnentechnologie
- Ukrainische Raketen erreichen 1750 km, Kreml überdenkt Kriegsziele und Strategie
600 Drohnen, 90 Raketen und Marschflugkörper sowie eine atomwaffenfähige Mittelstreckenrakete des Typs Oreschnik: Die Russen haben die Ukraine in den letzten Tagen mit dem in diesem Jahr grössten Bombenteppich überzogen. Ein Grossteil der Geschosse traf Ziele in der Hauptstadt Kiew.
Es ist das dritte Mal seit der Invasion, dass Russland eine Oreschnik abfeuert. Dass der russische Präsident Wladimir Putin (73) zu dieser Hightechwaffe greift, offenbart die wachsende Verzweiflung des Kremls. Die Ukrainer haben in den vergangenen Wochen ihre Strategie geändert. Sie trifft den russischen Militärapparat empfindlich und dürfte den weiteren Kriegsverlauf entscheidend beeinflussen.
Bisher versuchte Kiew, verlorene Gebiete mit aller Kraft zurückzuerobern. Das führte zu einem enormen Verschleiss an Personal und Material, blieb aber oft ohne den erhofften Erfolg. Nun setzt die Ukraine auf eine sogenannte «strategische Neutralisierung» russischer Stellungen im Hinterland, wie foreignpolicy.com schreibt.
Ukrainer kämpfen asymmetrisch
Das bedeutet: Kiew hat sich auf eine asymmetrische Kriegsführung mit grosser Reichweite verlagert. Statt sich in zermürbenden Bodenkämpfen um kleine Gebiete zu verbeissen, attackieren die Ukrainer gezielt logistische Knotenpunkte tief in Russland. Es gelang ihnen bereits, wichtige Energie- und Waffenlager sowie Technologie- und Rüstungszentren zu zerstören oder zumindest zu beschädigen.
Die Folge: Der Kreml muss Luftabwehr und Logistik von der Front abziehen, um das eigene Hinterland zu schützen.
Solche Schläge gelingen den Ukrainern mittlerweile ohne westliche Hilfe. Seit Kriegsausbruch haben sie ihre eigenen Drohnen und Raketen rasant weiterentwickelt. Ukrainische Geschosse erreichen das rund 1200 Kilometer entfernte Moskau heute fast mühelos. Sie treffen sogar Ziele in bis zu 1750 Kilometer Entfernung.
Zudem nutzt die Ukraine laut der Londoner «Times» eine neue Technologie, die wie aus dem Computerspiel «Call of Duty» wirkt: Ein einzelner Operator kann in Echtzeit einen ganzen Schwarm KI-gesteuerter Drohnen dirigieren. Das System liefert sofortige Zieldaten und koordiniert Angriffe mit der Präzision eines Scharfschützen.
Was früher stundenlange Planung und viel Personal erforderte, geschieht jetzt in Sekundenschnelle. Der ukrainische Kriegsveteran Mykhailo Rohoza schreibt auf X: «Das neue System wird die Regeln des modernen Krieges radikal verändern.» Russische Truppen nennen die Innovation die «ukrainische digitale Hölle».
Nur wenige Oreschnik
Diese technologischen Fortschritte der Ukraine dürften auch der Grund gewesen sein, warum Putin rund um den geschichtsträchtigen «Tag des Sieges» am 9. Mai um eine temporäre Waffenruhe gebeten hat. Die Angst vor einer Demütigung war riesig: Ein ukrainischer Einschlag in Moskau während der traditionellen Militärparade wäre ein Desaster für den Kreml gewesen.
Durch die präzisen ukrainischen Nadelstiche wird der Krieg auch für die russische Bevölkerung im Alltag spürbar. Vor allem entlarven die Angriffe Putins gebrochenes Versprechen, das Vaterland lückenlos schützen zu können. Beim Einsatz der Oreschnik-Monsterrakete geht es dem Kremlchef daher nicht nur um militärischen Schaden in Kiew, sondern um eine Machtdemonstration für das eigene Volk. Am Montag hat der Kreml weitere Schläge gegen Kiew angekündigt.
Wie viele Oreschnik-Raketen Russland noch besitzt, ist geheim. Viele dürften es nicht sein. Ukrainische Geheimdienste schätzten den Bestand Anfang des Jahres auf lediglich «drei bis vier» Stück, andere Experten tippen auf maximal zehn. Der Preis pro Rakete: astronomische 30 Millionen Dollar.
Kommts bald zu neuen Verhandlungen?
Laut dem Institute for the Study of War (ISW) ist Russlands Vormarsch in der Ukraine praktisch zum Erliegen gekommen. Von der geplanten Frühlingsoffensive der Russen hat man auch nicht viel gemerkt.
Mit ihrer Strategie der Asymmetrie wird die Ukraine die russischen Besatzer zwar kaum im Alleingang aus dem Land treiben können. Aber sie beweist, dass sie den Aggressor auch ohne US-Unterstützung empfindlich verletzen kann. Kiew erkämpft sich damit eine völlig neue Verhandlungsposition.
Diplomatische Gespräche könnten denn auch bald wieder Realität werden. Wie das unabhängige Medium «Moscow Times» berichtet, überdenkt der Kreml intern bereits seine maximalistischen Kriegsziele: Statt der vollständigen Unterwerfung der Ukraine könnte sich Moskau auf die Sicherung der bereits besetzten Gebiete konzentrieren, um diese in einem künftigen Friedensabkommen zu Hause als «Sieg» zu verkaufen.
Für den Kreml wird der Preis für diesen Krieg mit jedem Tag höher – wirtschaftlich, militärisch und vor allem innenpolitisch. Am Ende könnte genau diese asymmetrische Erschöpfung den Weg an den Verhandlungstisch ebnen, den Putin eigentlich so lange wie möglich meiden wollte.