Darum gehts
- Putin und Xi treffen sich in Peking, Mega-Pipeline-Deal scheitert erneut
- China kauft lieber günstiges Gas aus den USA als von Russland
- Russisches Wirtschaftswachstum auf –1,8 % gesunken, Ukraine tötet 2026 86'000 Russen
Viele haben ihn, den einen «Freund», mit dem man über alles reden kann, mit dem man Spass und gute Zeiten hat – und der einen im alles entscheidenden Moment dann doch im Stich lässt. Auch Wladimir Putin (73) hat so einen: Xi Jinping (72).
Mehr als 40 Mal haben sich die beiden Männer schon getroffen, zuletzt Mitte Woche in Peking. Doch allem Gerede über «enge strategische Partnerschaften» und «Zusammenarbeit für den Wohlstand» zum Trotz: Das, was Putin wirklich von seinem «Freund» wollte, hat er nicht bekommen.
41 Deals haben die beiden in der chinesischen Hauptstadt abgeschlossen: über Landwirtschaftsgüter, Atomenergie und Ausbildungsprogramme. Von der Megagaspipeline «Power of Siberia 2» aber wollen die Chinesen nach wie vor nichts wissen.
Für Putin ist das monströse Rohr, das jährlich bis zu 50 Milliarden Kubikmeter Gas von Russland durch die Mongolei nach China hätte befördern sollen, mehr als nur ein Herzensprojekt. Es ist zu Beginn des fünften Kriegsjahrs seine vielleicht letzte Chance, das Riesenreich vor dem wirtschaftlichen Worst Case zu bewahren. Heute schon steht Russland nah am ökonomischen Abgrund. Das Wirtschaftswachstum ist von 4,9 Prozent 2024 auf zuletzt –1,8 Prozent im Frühjahr 2026 ins Negative gedreht. Selbst die gut geschmierte Propagandamaschinerie des Kreml kann das nicht lange vergessen machen.
Xi kauft lieber bei Trump als bei Putin
Die westlichen Kunden sind (trotz der temporär aufgehobenen Handelssanktionen durch die USA) weitestgehend weggebrochen. 24 der 33 grossen Ölraffinerien im Land sind mittelschwer bis schwer beschädigt durch ukrainischen Drohnen- und Marschflugkörperbeschuss. Ohne Öl- und Gasexporte aber kann Moskau seine sündhaft teure Kriegsmaschinerie nicht lange am Laufen halten.
China hätte in Putins Plänen die Rolle der Lebensretterin spielen sollen. Xi aber hat den Deal über die zweite Gaspipeline – die erste «Power of Siberia»-Röhre wurde 2019 in Betrieb genommen – nicht unterzeichnet. Elina Ribakova, Geopolitik-Expertin an der Kyiv School of Economics, mutmasst in «The Wire», dass unterschiedliche Preisvorstellungen für das flüssige Gut den Deal hätten platzen lassen.
Das Gas, das durch die erste Röhre fliesst, bezieht China zu einem Discountpreis, an dem die Russen fast nichts mehr verdienen. Putin muss Peking also stärker zur Kasse bitten. Doch Xi denkt nicht daran, zu fairen Preisen einzukaufen.
China hat sein Energie-Portfolio in den vergangenen Jahren massiv diversifiziert: Windenergie aus dem eigenen Hinterland, Öl aus dem Iran (das dank eines Sonderdeals mit den Mullahs sogar jetzt noch durch die Strasse von Hormus gelangt), massive Investitionen in neue Atomkraftwerke und – als Ergebnis von Donald Trumps (79) Staatsbesuch Mitte Mai – neu auch wieder amerikanisches Flüssiggas (die ersten vier US-Schiffe sind unterwegs zu den chinesischen Häfen). Russisches Gas? Warum nicht? Aber nur, wenns billig bleibt.
Moskau hat gegen seinen mit Abstand wichtigsten Handelspartner wenig in der Hand. Die Abhängigkeit der Russen von China ist seit Kriegsbeginn noch einmal stark angewachsen. Ein Beispiel: China liefert laut ukrainischen Geheimdienstquellen neun von zehn aus dem Ausland stammenden Teilchen, die Russland für den Bau seiner Kampfdrohnen benötigt.
Wäre Xi – wie er es in seinen blumigen Botschaften an Putin andeutet – tatsächlich interessiert am «universellen Frieden»: Er könnte ihn mindestens in der Ukraine wohl erzwingen, wenn er seinen «Freund» in den wirtschaftlichen Schwitzkasten nähme. Mit der vorläufigen Absage an das neue Pipelineprojekt tut Xi Kiew heute schon einen grossen Dienst, auch wenn das alles kaum beabsichtigt und wohl nur ein Nebeneffekt der chinesischen Energiepreisdrückerei ist.
Russland verliert seine zwei wichtigsten Vorteile
Die blockierte Röhre ist aktuell bei weitem nicht Putins einziges Problem. Seine Soldaten sterben ihm im Rekordtempo weg – zumindest, wenn man den Angaben aus Kiew glaubt. Alleine dieses Jahr sollen die Ukrainer 86'000 Russen getötet und 59'000 schwer verwundet haben.
Monat für Monat stellen ukrainische Waffenschmieden neue Gerätschaften und Technologien vor, mit denen sie auf dem Schlachtfeld die Initiative zurückerlangen wollen. Zuletzt waren das eine komplett in der Ukraine produzierte Gleitbombe und eine neue Drohnentaktik, mit der die unbemannten Kampfflieger von einem Ballon über Feindgebiet getragen und in acht Kilometer Höhe von der Leine gelassen werden.
Michael Carpenter (48), einstiger US-Botschafter bei der OSZE, sagt der Zeitung «Kyiv Independent», Russland habe durch solche Neuerungen seine beiden strategischen Vorteile – grössere Bevölkerung und grösseres Land – inzwischen verloren.
Die Ukraine fliegt erstmals seit Kriegsbeginn mehr Angriffe auf Russland als umgekehrt. Die zurückeroberten Gebiete sind grösser als die an die Russen verlorenen Landstriche. Die Sorge in Russland über all die Drohnenangriffe auf Moskau und andere Grossstädte steigt, wie ein Blick in die Moskauer Zeitungen verrät.
In Anlehnung an das New Yorker Stadtmotto versprach der Chef der ukrainischen Drohneneinheiten vergangene Woche, Moskau werde zur Stadt, die niemals schläft. Xi hat diese Woche indirekt einen grossen Beitrag dazu geleistet, dass mindestens dem mächtigsten Moskauer das friedliche Schlummern endgültig vergangen sein dürfte.