Darum gehts
Russlands «Siegesparaden» kennt sie noch aus ihrer Schulzeit in der russischen Provinz. Bis 2006 hat Gulnaz Partschefeld (44) als Sprecherin für das russische Staatsfernsehen gearbeitet. Heute lehrt sie russische Kulturgeschichte an der Universität St. Gallen und sagt, die Parade in Moskau zeige vor allem eines: Wladimir Putins (73) wachsende Angst. Am Freitagabend, kurz nachdem dieses Interview geführt wurde, verkündigte US-Präsident Donald Trump (79) eine dreitätige Waffenruhe, die von der Ukraine und von Russland bestätigt wurde. Doch die Spannung bleibt hoch.
Blick: Keine Panzer, kaum Gäste, dafür massenhaft Flugabwehrsysteme – Wladimir Putin streicht die «Siegesparade» zusammen. Was sagt uns das?
Gulnaz Partschefeld: Putin hat Angst. Selbst wenn keine einzige ukrainische Drohne über dem Roten Platz auftaucht: Die Welt hat gesehen, wie er vergeblich versuchte, eine Waffenruhe für den Tag der Parade zu erzwingen. Aus Angst vor den Bildern, die seine abgespeckte Parade hervorbringen wird, hat er jetzt auch die internationale Presse wieder ausgeladen. Die Parade sollte ein Zeichen der Stärke werden. 2026 ist sie aber ein Zeichen dafür, wie verwundbar das System Putin ist.
Warum erspart sich Putin die Schmach nicht und sagt die Parade einfach ab?
Putin braucht die Parade, um seinen Status gegenüber der Elite, der Armee und der Bevölkerung zu zementieren. Eine Absage wäre die grösste Niederlage seit Kriegsbeginn. Als ich als Schulmädchen selbst an diesen Paraden teilnahm, prägten die schmerzvollen Erzählungen der Veteranen die Atmosphäre. Der Konsens war unmissverständlich: Krieg dürfe sich nie wiederholen. Putin hat diese Erinnerungskultur unter dem Slogan «Wir können es wiederholen» umgedeutet – mit explizitem Verweis auf den militärischen Vormarsch bis nach Berlin.
Was passiert mit Putin, wenn die Ukraine seine Parade trotz aller Sicherheitsmassnahmen angreift?
Dann müsste er den Roten Platz schleunigst verlassen. Es wäre das ultimative Zeichen der Schwäche, das Putin nicht zeigen darf. Als Präsident hat er sich als starker Mann inszeniert, oberkörperfrei, auf Pferden reitend, grosse Fische fangend, beim Eishockey. Er kultivierte bewusst das Bild eines Staatschefs, der sich von niemandem einschüchtern lässt. Und jetzt muss er vor ukrainischen Drohnen fliehen? Er wäre plötzlich extrem verwundbar.
Wie steht es aktuell um seine Strahlkraft in Russland?
Putins Image bröckelt, auch weil er zum Schutz seiner Parade Luftabwehrsysteme aus halb Russland nach Moskau beordert hat und damit grossen Teilen des Landes den Schutz entzieht. Russland kannibalisiert seine eigene Verteidigungsarchitektur, um eine einstündige Zeremonie zu schützen. Putin hat damit viele Russen wütend gemacht.
Ist sich Putin bewusst, wie geschwächt er ist? Oder glaubt er seiner eigenen Propaganda?
Bei Putin zeigt sich dieser Realitätsverlust, wie er für Diktatoren in ihrer Spätphase typisch ist. Einerseits weiss er, wie brenzlig die Lage ist. Sonst würde er sich nicht in seine Bunker zurückziehen und sogar seine Köche und Wächter per Video überwachen. Andererseits weiss er aus seiner eigenen Geschichte, dass er es immer wieder aus schwierigen Lagen rausgeschafft hat. Vielleicht klappts ja diesmal auch.
Die Kritik an Putin wird lauter. Wird ihm das gefährlich?
Viele russische Kritiker richten sich nicht gegen Putin, sondern gegen das System. Dieses Muster kennen wir bereits aus der Stalin-Zeit, als Sowjetbürger dem vermeintlich wohlwollenden «guten Zaren» Briefe schrieben, um ihn auf Missstände hinzuweisen, von denen er – angeblich – nichts wusste. Im September sind in Russland Parlamentswahlen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Putin bis dahin bei Auftritten sagen wird, dank der Kritik aus der Bevölkerung habe er jetzt erkannt, was alles falsch laufe. Dann entlässt er ein paar Minister und profitiert politisch sogar noch von der Kritik.
Trotzdem lebt er gefährlich. Europäische Geheimdienste gehen von einem anstehenden Putschversuch aus.
Das kann auch eine Desinformationskampagne des Westens sein, um in Moskau Unsicherheit zu säen. Dass jemand einen Putsch zumindest versuchen würde, halte ich aber durchaus für sehr wahrscheinlich. Die russischen Eliten machen nicht alles mit. Wenn sie sehen, dass Putin schwächelt und ihnen keine Vorteile mehr verschaffen kann, wird er unbrauchbar für sie. Dass Putin sich jetzt aber abschottet, ist nicht erstaunlich. Operative Vorsicht war schon immer sein Credo. Das hat er von Lenin gelernt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Was ist derzeit die grösste Sorge der Menschen in Russland?
Vor allem die wirtschaftliche Lage. Russische Haushalte müssen im Schnitt bereits 40 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. So kritisch war es zuletzt in der Krise 2008. Zudem sorgt die Abschaltung des Internets nicht nur für Ärger bei vor allem jungen Leuten, sondern schadet auch all den Firmen, die vom Onlinehandel abhängig sind und jetzt zugrunde gehen.
Die Ukraine sagt, Putin habe das Internet abgeschaltet, um Proteste gegen eine anstehende Massenmobilisierung zu unterdrücken.
Vor den Parlamentswahlen im September wird er keine Massenmobilisierung ausrufen.
Kann er so lange warten? Er verliert in der Ukraine täglich mehr als 1000 Soldaten!
Die Zahlen sind extrem. Aber die russische Gesellschaft scheint sie weiterhin noch zu verkraften. Die Verluste für die Hinterbliebenen werden gut abgefedert. Es gibt grosse Entschädigungen für die Familien von Getöteten. Zudem rekrutiert das Regime weiterhin fast ausschliesslich aus abgelegenen Regionen im Hinterland. Die Menschen in den Grossstädten, die am ehesten noch für politische Proteste geeignet wären, sind bislang verschont geblieben.
Die Ukraine greift mit Drohnen und Marschflugkörpern immer erfolgreicher auch Ziele im russischen Hinterland an. Davon bleibt in Russland niemand verschont.
Das stimmt. Das Bild der «Spezialoperation» weit weg in der Ukraine, die im eigenen Land niemanden zu kümmern hat, bröckelt. Der Kreml tut so, als hätte er weiter alles im Griff, und vermittelt gleichzeitig, man befinde sich im existenziellen Kampf gegen die «Terroristen», die jetzt Russland angreifen. Viele Militärblogger in Russland fragen sich laut, ob sich das wirklich lohnt, alles aufzuopfern für ein paar neue ukrainische Gebiete, wenn gleichzeitig weite Teile des russischen Hinterlandes zerstört werden. Sie sehen das als schlechten Landtausch.
Putins Umfragewerte sind auf für ihn historisch tiefe 73 Prozent gesunken. Wie gefährlich wird das für ihn?
Solange mindestens 60 Prozent der Bevölkerung offiziell hinter ihm stehen, bleibt es ungefährlich. Ab diesem Moment wird sich Russlands Elite fragen, ob dieser Mann noch die Stabilität garantieren kann, die sie für ihre Geschäfte braucht. Ich glaube aber nicht, dass es so weit kommen wird.
Also für ihn weiter kein Grund zur wirklichen Sorge?
Doch. Er hätte sich gewünscht, dass die Menschen seinem Projekt eines neuen, grossen Russischen Reiches freiwillig, also aus ideologischen Gründen, folgen. Stattdessen muss er sich eingestehen, dass er seine Ziele, wenn überhaupt, dann nur mit massivem Druck auf die Bevölkerung erreichen kann – oder indem er die Menschen kauft. Es wäre spannend, zu sehen, wie viele junge Männer an die Front gehen würden, wenn sie dafür nicht so fürstlich bezahlt würden oder auf die Art ihren Kindern Vorteile bei der Suche nach einem Studienplatz verschaffen könnten. Ich denke, es wären nicht sehr viele.
Nehmen wir das alles zusammen: wirtschaftliche Misere, Drohnenbedrohung, bröckelndes Image. Ist Putin bald gezwungen, ernsthaft mit der Ukraine über ein Kriegsende zu verhandeln?
Dazu bräuchte es drei verschiedene Dinge – alle zur gleichen Zeit. Druck von US-Präsident Donald Trump, eine Wirtschaftskrise, die die Bevölkerung hart trifft, und eine Elite, die ihn aus Verlustängsten zu einem Kurswechsel drängt. Wenn die drei Dinge zusammenkommen, und nur dann, muss Putin einen Ausweg aus dem Krieg finden.