Darum gehts
Xi Jinping (72) hat allen Grund zu triumphieren: Kaum ist Donald Trump (79) vergangene Woche abgeflogen, reiste am Dienstag bereits Wladimir Putin (73) an. Beide Gäste eint das gleiche Schicksal – sie sind im globalen Machtpoker auf Peking angewiesen.
Die diplomatische Prozession in der Grossen Halle des Volkes zeigt eindrücklich, dass an China kein Vorbeikommen mehr ist. Das ist allerdings nicht nur Xis Verdienst. Trump und Putin haben mit ihrer unberechenbaren Politik kräftig als Steigbügelhalter mitgeholfen. Xi nutzt das kaltblütig aus.
Während die USA unter Donald Trump durch erratische Zolldrohungen Allianzen zertrümmern und Russland sich durch den Ukraine-Krieg in die Isolation manövriert hat, nutzt Xi die Fehler der anderen Supermächte strategisch aus.
Er führt sie nicht vor – er lässt sie auflaufen. China diktiert heute die Preise für russisches Öl, kontrolliert die kritischen Lieferketten des Westens und inszeniert sich im jüngsten Iran-Konflikt ganz nebenbei als der einzig verlässliche Garant für globale Stabilität. Wer in dieser neuen Weltordnung überleben will, muss in Peking vorsprechen.
China gibt sich als verlässlicher Partner
Simona A. Grano, China-Expertin an der Universität Zürich, erklärt: «Peking hat in den vergangenen Jahren sehr gezielt daran gearbeitet, sich als zentrale globale Macht zu präsentieren.» Die Werkzeuge dafür sind engmaschige wirtschaftliche Verflechtungen, strategische Infrastrukturprojekte wie die «Belt and Road Initiative» (Neue Seidenstrasse) sowie eine hochprofessionelle internationale Kommunikation.
Gleichzeitig wird Chinas globaler Aufstieg von der Kommunistischen Partei rhetorisch perfekt inszeniert. «Peking erzählt bewusst die Geschichte eines Chinas, das Stabilität, Verlässlichkeit und langfristige Partnerschaften verkörpert – insbesondere im Kontrast zu einem Westen, der zunehmend polarisiert erscheint», sagt Grano.
Gerade im globalen Süden greift diese PR-Maschinerie. Während die USA oft belehrend von oben herab agieren, bietet China langfristige Investitionen an und inszeniert sich als Partner auf Augenhöhe. Doch selbst im Westen zieht die Masche – getrieben vom tiefen Vertrauensverlust in Washington und Moskau.
Andrang bei Xi
In den vergangenen 365 Tagen hat sich in Peking eine Rekordzahl von hochkarätigen Staatsvertretern die Klinke gereicht. Nachfolgend ein Auszug aus Xis Gästeliste und was die Staatsspitzen wollten:
Wladimir Putin, Russland: wirtschaftliche Überlebenshilfe durch Öl- und Gasexporte
Donald Trump, USA: die Öffnung der Strasse von Hormus für den Ölhandel
Friedrich Merz (70), Deutschland: faire Marktbedingungen für die Industrie und Ukraine-Vermittlung
Emmanuel Macron (48), Frankreich: Schutz europäischer Exporte vor der US-Zollpolitik
Keir Starmer (63), Grossbritannien: Wiederaufnahme des blockierten Wirtschaftsdialogs
Mark Carney (61), Kanada: Diversifizierung der Rohstoffexporte abseits der USA
Pedro Sánchez (54), Spanien: Wirtschaftsbeziehungen stabilisieren, neue Investitionen
Ursula von der Leyen (67), EU: Marktzugang, Unterstützung im Ukraine-Krieg
Petteri Orpo (56), Finnland: Handelsbeziehungen, grüne Technologien, Absprache wegen Bedrohung durch Russland
China bricht Wort
Doch Vorsicht: China will nicht nur Handelspartner sein, sondern verfolgt auch klar eigene geopolitische Interessen. Das zeigt sich im zunehmend aggressiven Auftreten gegenüber Taiwan, Japan oder den Philippinen. Grano warnt: «China hat mehrfach bewiesen, dass politische oder strategische Interessen gegenüber früheren Abmachungen Vorrang haben.» Bestes Beispiel sei Hongkong: Die «Basic Law»-Regelung sollte der Metropole eigentlich 50 Jahre weitgehende Autonomie garantieren – sie wurde von Peking bereits nach 23 Jahren massiv beschnitten.
Auch die Megaprojekte der Neuen Seidenstrasse stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Durch intransparente Kreditverträge treibt Peking vor allem ärmere Länder in eine gefährliche Schuldenfalle. «Wer mit China zusammenarbeitet, muss daher sehr genau zwischen wirtschaftlichen Chancen und strategischen Abhängigkeiten unterscheiden», bilanziert Grano.
Der Westen muss aufholen
Chinas Problem: Der Riese hat selbst mit massiven Problemen im Innern zu kämpfen. Die Überalterung, Schuldenberge, die Immobilienkrise und ein schwaches Konsumentenvertrauen bremsen den Motor.
Grano glaubt daher nicht, dass China die USA als alleinige Superweltmacht ablösen wird. Sie sieht die Welt vielmehr auf dem Weg in eine multipolare Ordnung. Das Fazit der Expertin: «Der entscheidende Punkt ist nicht nur, wie stark China wird, sondern auch, wie sehr der Westen seine eigene Geschlossenheit und Attraktivität bewahren kann.»