Angriffe führen zum Ausnahmezustand – was es jetzt noch braucht
Kiews Plan zur Rückeroberung der Krim

Die Ukraine trifft die russischen Besatzer auf der Krim an empfindlichen Stellen. Die Bewohner fliehen, der Tourismus bricht zusammen. Ist die Halbinsel bald wieder in den Händen der Ukrainer? Wir sagen, wie weit entfernt Kiew von der Rückeroberung jetzt noch ist.
Kommentieren
Volltreffer gegen einen Militärlastwagen: In den vergangenen Wochen gelangen den Ukrainern viele erfolgreiche Schläge gegen russische Stellungen auf der Krim.
Foto: x

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
RMS_Portrait_AUTOR_242.JPG
Guido FelderAusland-Redaktor

Der so siegessichere Wladimir Putin (73) hat einen schmerzhaften Rückschlag hinnehmen müssen. Ukrainische Angriffe haben die Krim derart intensiv getroffen, dass auf der 2014 von Russland annektierten Halbinsel der Ausnahmezustand ausgerufen wurde. Strom- und Treibstoffengpässe prägen den Alltag, Tausende Menschen haben die Region fluchtartig verlassen, und selbst Ferienlager für Kinder mussten kurzfristig abgesagt werden.

Damit rückt ein Szenario wieder in den Fokus, das lange als unrealistisch galt: die Rückeroberung der Krim. Schon seit Ausbruch des Kriegs sagt der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (48) immer wieder: «Wir werden die Krim zurückholen, denn sie ist unser Gebiet.» Nie standen die ukrainischen Streitkräfte seither diesem Ziel näher als heute, auch wenn Experten vor überhöhten Erwartungen warnen. Denn eine Rückeroberung hängt von drei entscheidenden Faktoren ab.

1

Durchbruch der Verteidigungslinien

Die Ukrainer schaden den Russen zwar mit Raketen und Drohnen massiv. Doch für eine Rückeroberung der Krim müssen die ukrainischen Soldaten auch am Boden vorwärtskommen, um die Halbinsel halten zu können. Das heisst: Die stark befestigten russischen Linien müssen durchbrochen werden. Doch dazu fehlt es den Ukrainern zurzeit an gepanzerten Fahrzeugen und Minenräumgeräten.

1/10
Eine ukrainische Drohne setzte auf der Krim das Museum zur Verteidigung von Sewastopol in Brand.
Foto: Imago
2

Zerstörung der Krim-Brücke

Die von Russland in kurzer Zeit errichtete und 2018 eingeweihte Krim-Brücke – auch Kertsch-Brücke genannt – ist die wichtigste Lebensader der Krim. Sie verbindet die Halbinsel mit dem russischen Festland und ist zentral für Nachschub, Truppenbewegungen und Versorgung. Zwar gelang es der Ukraine bereits mehrfach, die Brücke zu beschädigen, doch für eine echte Rückeroberung müsste diese dauerhaft ausser Betrieb gesetzt werden.

3

Luftüberlegenheit und Schutz der Offensive

Ebenso entscheidend ist die Kontrolle über den Luftraum. Die Ukraine benötigt zusätzliche moderne Kampfflugzeuge sowie leistungsfähige Luftabwehrsysteme. Nur so lassen sich Bodentruppen schützen, russische Gegenangriffe abwehren und eine spätere Stabilisierung der Krim überhaupt sichern.

Gegner wird geschwächt

Zu einer Rückeroberung gehört, dass man den Gegner zuerst schwächt. Das passiert zurzeit mit den massiven Beschüssen auf Stellungen und Infrastruktur. Major Robert Browdi (50), Kommandant der ukrainischen Drohnentruppen, erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: «Wir werden die Krim in naher Zukunft isolieren.» Angriffe auf Strassen, Brücken und Nachschublinien sollen die Versorgung zunehmend erschweren.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.

Zwar ist den Ukrainern die Zerstörung der Krim-Brücke zwischen der Krim und dem russischen Festland bisher nicht gelungen. Dafür konnten sie die Tschonhar-Brücke zerstören, eine Verbindung zwischen der Krim und dem von den Russen besetzten ukrainischen Gebiet. Durch diesen Schlag müssen Transporte nun über die Brücke bei Armjansk umgeleitet werden. Diese Brücke liegt westlicher und somit näher an den gefährlichen ukrainischen Raketenstellungen.

Nun freie Bahn

Dass Browdis Abteilung zurzeit mit grossem Erfolg russische Infrastruktur trifft, hängt mit gründlicher Vorarbeit zusammen. Zuvor hatten die Ukrainer über Monate russische Abwehrsysteme ins Visier genommen und ausgeschaltet, was ihnen nun freie Bahn auf weitere Ziele gibt. Durch die Angriffe bricht auf der Krim mit dem Tourismus aus Russland auch eine wichtige Einnahmequelle zusammen.

Browdis Abteilung ist mit einigen Tausend Soldaten im Verhältnis zur ganzen ukrainischen Armee zwar sehr klein, in den vergangenen zwölf Monaten aber für ein Drittel der russischen Verluste verantwortlich. In diesem Jahr will die Ukraine sieben Millionen Militärdrohnen produzieren – doppelt so viele wie vor zwei Jahren. Täglich könnten die Ukrainer 10’000 Drohnen einsetzen.

David Petraeus (73), ehemaliger CIA-Chef und US-Kommandant im Irak-Krieg, glaubt an den Erfolg der Ukraine. In einem Interview mit der dänischen Zeitung «Børsen» sagte er, dass die Ukraine die Krim schon bis 2027 isolieren und somit eine Rückeroberung einleiten könne.

Der Druck steigt

Die Krim ist weit mehr als nur ein besetztes Gebiet. Sie ist Russlands wichtigste Militärbasis im Schwarzen Meer, logistisches Zentrum für den Krieg im Süden und zugleich ein politisches Prestigeobjekt Putins. 

So eindrücklich die ukrainischen Fortschritte auf der Krim auch sind, bleibt eine Rückeroberung ein äusserst anspruchsvolles und unsicheres Ziel. Wahrscheinlicher als ein rascher Durchmarsch ist daher eine Phase anhaltenden Drucks: Die Krim wird für Russland teurer, schwieriger zu halten und zunehmend verwundbar. Entscheidend wird letztlich sein, ob dieser Druck in den kommenden Monaten ausreicht, um eine strategische Wende zu erzwingen.

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen