Darum gehts
Auf der Krim gilt der Ausnahmezustand. Ausgerechnet auf jener Halbinsel also, die Wladimir Putin (73) einst zum grössten Symbol seiner politischen Macht machte. Nach wochenlangen ukrainischen Angriffen auf Brücken, Öllager, Bahnstrecken und die Stromversorgung rief der von Moskau eingesetzte Gouverneur Sergej Aksjonow (53) am Freitag den Ausnahmezustand aus. Die Versorgung bricht zunehmend zusammen, Einwohner flüchten, selbst Putins Prestigeprojekt, die Krim-Brücke, wurde schwer getroffen.
Fast zeitgleich signalisiert der Kreml wieder Gesprächsbereitschaft gegenüber der Ukraine, erste Gespräche fanden mit Unterhändlern in den USA statt. Offiziell hält Moskau an seinen Maximalforderungen fest. Dass Putin ausgerechnet jetzt wieder auf Diplomatie setzt, dürfte kein Zufall sein. Denn für Putin geht es um sein politisches Überleben.
Auf der Krim zerbricht Putins Macht
Die Ausrufung des Ausnahmezustands zeigt, wie ernst die Lage inzwischen ist. Wochenlang hat die Ukraine Treibstofflager, Bahnstrecken, Häfen und Energieversorgung angegriffen. Die Halbinsel kämpft mit Stromausfällen, Benzinmangel und unterbrochenen Versorgungswegen. Militärisch erschwert das Russlands Logistik. Politisch trifft die Situation Putins empfindlichste Stelle.
Genau deshalb verteidigt der Kreml die Halbinsel mit allem, was er hat. Und genau deshalb versucht die Ukraine, sie unhaltbar zu machen. Stromausfälle, Benzinmangel, zerstörte Nachschublinien und Angriffe auf Treibstoffdepots sollen nicht nur die russische Logistik lahmlegen. Sie sollen zeigen, dass selbst Putins grösster Triumph verwundbar geworden ist.
Selbst der treueste Verbündete wird vorsichtig
Auch Putins Verbündete gehen auf Distanz. Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko (71) verdankt seine politische Zukunft seit Jahren auch Putin. Umso bemerkenswerter ist sein neuer Ton. Nach scharfer Kritik an Ukraine-Präsident Wolodimir Selenski (48) ruderte Lukaschenko zuletzt überraschend zurück. «Vielleicht hätte ich mich nicht so schroff äussern sollen», sagte er. Und weiter: «Falls sich Wolodimir gekränkt gefühlt hat, entschuldige ich mich bei ihm.»
Seit Selenski offen mit Angriffen auf belarussische Infrastruktur gedroht hatte, wurden Relaisstationen für russische Drohnen offenbar abgeschaltet. Lukaschenko betonte erneut, Belarus wolle keinen Krieg gegen die Ukraine führen. Der Machthaber versucht damit einen schwierigen Spagat: Er kann sich nicht von Moskau lösen, will sein Land aber auch nicht tiefer in einen Krieg hineinziehen lassen, dessen Ausgang immer ungewisser wird.
Offiziell steht Minsk weiterhin fest an Moskaus Seite. Gleichzeitig zeigt Lukaschenkos Handeln, dass für ihn inzwischen das eigene politische Überleben wichtiger wird als Putins Kriegsziele. Selbst Putins engster Verbündeter wägt inzwischen ab, wo russische Interessen enden und die eigenen beginnen.
Putins grösster Gegner sitzt im eigenen Land
Darin liegt das eigentliche Problem des Kremlchefs. Autoritäre Systeme zerbrechen selten an einer verlorenen Schlacht. Sie geraten ins Rutschen, wenn der Mythos der Unbesiegbarkeit bröckelt. Genau das passiert gerade. Ukrainische Drohnen treffen Raffinerien tief im russischen Hinterland. Benzin wird knapp, die Inflation steigt, immer mehr Regionen spüren die wirtschaftlichen Folgen des Krieges.
Gleichzeitig berichten Oppositionelle von zunehmenden Desertationen und wachsender Ernüchterung unter den Kriegsbefürwortern. Michail Chodorkowsky (63) geht in seiner Analyse besonders weit. Der Kremlgegner behauptet, Putin verliere bereits die Kontrolle und die Geheimdienste hätten faktisch die Macht übernommen. Dafür gibt es jedoch keine belastbaren Belege.
Bemerkenswert ist aber, dass Kritik am Kriegsverlauf inzwischen nicht mehr nur aus dem Exil kommt. Russische Militärblogger sprechen offen über Versorgungsprobleme auf der Krim, wirtschaftliche Schwierigkeiten und den stockenden Vormarsch. Was lange als Tabu galt, wird inzwischen selbst in kremlnahen Kreisen zunehmend offen diskutiert. Je länger der Krieg dauert, desto schwieriger wird es für Putin, das Bild des unfehlbaren starken Mannes aufrechtzuerhalten.
Krim weg – Macht weg
Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Je länger der Krieg dauert, desto nervöser dürften auch jene Eliten werden, auf die Putin seine Macht stützt. Gouverneure, Sicherheitsapparate und Oligarchen profitieren von einem stabilen System. Gerät dieses System ins Wanken, wächst zwangsläufig auch die Frage, wie lange der Kremlchef noch Garant ihrer eigenen Zukunft ist.
Verhandlungen könnten Putin genau das verschaffen, was er derzeit am dringendsten braucht: Zeit. Zeit, um den Druck auf die Wirtschaft zu mindern, die Front zu stabilisieren und vor allem den Eindruck wiederherzustellen, dass im Kreml weiterhin ein Mann sitzt, der die Lage im Griff hat.