Generalsekretär Mark Rutte – zwischen Kniefall vor Trump und europäischer Eigenständigkeit
Wie sich die Nato neu aufstellen will

Die Nato kommt langsam in Fahrt. Generalsekretär Mark Rutte zeigte am Gipfel in Ankara, an welchen Fronten sich das Bündnis wie entwickelt hat. Doch die Zeit drängt: Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski sagte, wo Europa jetzt besonders schnell Gas geben muss.
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Macht den Spagat zwischen der Nato und Donald Trump: Nato-Generalsekretär Mark Rutte am Gipfel in Ankara.
Foto: keystone-sda.ch

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Guido FelderAusland-Redaktor

Der Nato-Gipfel in Ankara ist für Generalsekretär Mark Rutte (59) ein Ritt auf der Rasierklinge. Das vor kurzem noch totgesagte westliche Militärbündnis steht zwar unter Volldampf, ist im Inneren aber tief zerrissen. Seit Donald Trump (80) wieder im Weissen Haus sitzt, ist auf die atomare Schutzmacht USA kein Verlass mehr. Washington ist zum unberechenbaren Störenfried mutiert, der regelmässig mit dem Nato-Austritt droht.

In seiner Grundsatzrede am Dienstag musste Rutte die geostrategische Quadratur des Kreises lösen: Der Niederländer trat als diplomatischer Schadensabwickler auf, der die Allianz anpeitschte und gleichzeitig Trump Honig ums Maul schmierte. Wir zeigen in fünf Punkten, wie sich die Nato jetzt entwickeln will.

Finanzen – der Trump-Effekt wirkt

Ein Jahr nach den Beschlüssen des Gipfels in Den Haag zog Rutte in Ankara eine erste Bilanz der europäischen Aufrüstung – und verteilte dabei ein strategisches Lob an den US-Präsidenten. Die europäischen Partner und Kanada investierten in den Jahren 2025 und 2026 zusammen zusätzliche 258 Milliarden Dollar in ihre Verteidigung. Mittlerweile geben sie im Schnitt rund 4 Prozent ihres BIP für Sicherheit aus – mit dem klaren Ziel, bis 2035 die 5-Prozent-Hürde zu knacken.

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Der Nato-Gipfel findet in Erdogans Präsidentenpalast statt.
Foto: Getty Images

Rutte betonte diplomatisch: Donald Trump sei der erste US-Präsident seit Eisenhower, der es geschafft habe, dass die Europäer finanziell mit den Amerikanern gleichziehen. Rutte verlangt von den Regierungen nun glaubwürdige Pläne, wie sie das 5-Prozent-Ziel erreichen wollen: «Das Geld ist da, und es wird noch viel mehr kommen. Aber diese Mittel müssen sinnvoll eingesetzt werden.»

Rüstung – das Dröhnen gegen Moskau

Russland pumpt mittlerweile fast die Hälfte seines gesamten Staatshaushalts in seine Militärmaschinerie – die Rüstungsfabriken laufen rund um die Uhr. Ruttes Antwort darauf war unmissverständlich: Er fordert eine «transatlantische industrielle Revolution». Er sagte: «Das Summen der Rüstungsmaschinen muss zu einem Dröhnen werden.»

Konkret bedeutet das: sichere Lieferketten, Fachleute, Innovation und weniger Bürokratie bei grenzüberschreitenden Vorschriften. Bis zum nächsten Jahr will die Allianz jährlich rund vier Millionen Artilleriegeschosse produzieren – fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Neue Verträge im Wert von mehreren zehn Milliarden Dollar wurden direkt am Nato-Gipfel unterzeichnet.

Geopolitik – die Achse der Gegner

Der Gipfel wurde am Vorabend von schweren russischen Raketenangriffen auf ukrainische Städte überschattet. Rutte bezeichnete dies als Akt der Verzweiflung Putins, da die Ukraine die russische Energie- und Rüstungsinfrastruktur tief im Kern treffe und die Fronten militärisch in einem Patt erstarrt seien. Und Trump? Er sagte am Dienstag zum Krieg einmal mehr: «Ich denke, wir werden den Krieg beilegen, hoffentlich bald.»

Sorgen bereitet der Nato zudem die zunehmende Kooperation ihrer Gegner. China modernisiere seine Atomstreitkräfte ohne jede Transparenz, Nordkorea liefere Munition, und trotz der jüngsten US-Schläge gegen das iranische Raketenprogramm bleibe Teheran hochgefährlich. Rutte warnte: «Diese Staaten arbeiten zunehmend zusammen, was uns alle beunruhigen sollte. Denn es geht ihnen nicht um unser Wohl.»

Um dieser Bedrohung entgegenzuwirken, baut die Nato die Partnerschaften mit der kriegserprobten Ukraine sowie den pazifischen Staaten Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland massiv aus.

Nahost – die subtile Hilfe für die USA

Seit die europäischen Staaten eine aktive Unterstützung der USA im Nahost-Krieg abgelehnt haben, bockt Trump. Auf die Frage nach weiteren Truppenabzügen aus Europa antwortete er nur: «Wir werden sehen.» Erneut brachte er ein Thema auf den Tisch, das in den vergangenen Monaten vergessen ging: Grönland. Trump bekräftigte, dass die USA die Kontrolle über die strategisch wichtige Insel anstreben.

Rutte versuchte ihn in seiner Rede zu besänftigen: Es habe fast 5000 Flugeinsätze von europäischen Stützpunkten aus gegeben, um die US-Operationen zu unterstützen. Zudem würden die europäischen Staaten aktiv bei der Sicherung der Strasse von Hormus helfen. Rutte betonte: «Erst am vergangenen Freitag sicherten französische und britische Schiffe gemeinsam mit dem Oman das Prinzip der Freiheit der Schifffahrt in der Strasse von Hormus.»

Abwehr – die Wunschliste für Europa

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (48) machte der Nato-Versammlung unmissverständlich klar, wie sich Europa gegen Russland verteidigen muss: «Europa braucht dringend Raketenabwehrsysteme. Ballistische Raketen sind der letzte Vorteil, den die Russen noch haben.» Der Ausbau dieser Abwehrsysteme müsse oberste Priorität haben. «Besser heute als erst in ein paar Jahren», warnte Selenski.

Weiter auf der Einkaufsliste haben die europäischen Staaten auch mehr Satellitenkommunikation, mehr Munition, mehr Drohnen und mehr Systeme zur Drohnenabwehr. Hier sei man auf gutem Weg, meinte der Nato-Generalsekretär optimistisch: «Wir bewegen uns in die richtige Richtung.»

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