Lindsey Graham war der wichtigste Fürsprecher in Washington
Der Tod des Trump-Flüsterers wird zu Europas Albtraum

Was man viel zu wenig wusste: US-Senator Lindsey Graham war bei Trump der wichtigste Drahtzieher für Europa. Sein plötzlicher Tod könnte die transatlantischen Beziehungen weiter gefährden.
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Verstanden sich gut: Am Freitag sagte Lindsey Graham Wolodimir Selenski noch Unterstützung zu.
Foto: keystone-sda.ch

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Guido FelderAusland-Redaktor

Am Freitag stand er noch an der Seite von Präsident Wolodimir Selenski (48) in Kiew. Er versprach der Ukraine neue Unterstützung, informierte sich über schlagkräftige Drohnen und kündigte neue Russland-Sanktionen an. Nur 36 Stunden später brach Lindsey Graham (†71) in seinem Haus in Washington tot zusammen. Die Ursache: ein Riss der Hauptschlagader.

Der plötzliche Tod des US-Top-Senators aus South Carolina löst ein politisches Beben aus. Für Selenski ist es ein GAU. Der ukrainische Präsident verliert seinen mit Abstand wichtigsten Fürsprecher im innersten Zirkel der amerikanischen Macht. Aber auch Europa muss sich nun auf etwas gefasst machen.

Graham legte in seiner Karriere eine der erstaunlichsten Wandlungen der US-Geschichte hin. 2015 beschimpfte er Donald Trump (80) im Präsidentschaftswahlkampf noch öffentlich als «Jackass» (Idiot) und warnte vor einer Zerstörung der Demokratie. Doch nach Trumps Wahlsieg änderte er radikal die Strategie: Statt auf Konfrontation setzte er auf maximalen Einfluss von innen heraus. Er wurde Trumps loyaler Berater und Golfpartner. Trump beklagte seinen Tod als «schrecklichen Verlust».

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Lindsey Graham galt als wichtiger Einflüsterer von Donald Trump.
Foto: AP Photo/Mike McCarn

Nachteile für die Ukraine

Genau dieser exklusive Zugang machte Graham praktisch unersetzbar. Er war das einzige funktionierende Scharnier zwischen dem traditionellen, internationalen Flügel der Republikaner und Trumps radikalem «America First»-Kurs. Er besass das seltene Talent, Geopolitik in die Sprache von Trumps geliebten Geschäftsdeals zu übersetzen.

«Für die Ukraine ist Grahams Tod ein erheblicher Verlust», sagt Philipp Adorf, USA-Experte an der Universität Bonn, gegenüber Blick. Adorf warnt: «Ohne seinen persönlichen Druck könnten Unterstützungsvorhaben in Washington künftig leichter verzögert oder abgeschwächt werden.»

Vance gewinnt an Einfluss

Doch nicht nur für Kiew brechen eisige Zeiten an, sondern auch für ganz Europa. Graham verkaufte Trump die Nato stets als hervorragendes Geschäft für die amerikanische Rüstungsindustrie und hielt so die transatlantische Achse stabil. Ohne Grahams psychologische Beruhigungspille fallen in Washington nun die Dämme. Der Einfluss von isolationistischen Hardlinern wie Vizepräsident J. D. Vance (41), die das transatlantische Bündnis als reine finanzielle Last sehen, wird durch Grahams Tod massiv steigen.

Das verheisst nichts Gutes für die europäische Sicherheit: Erst kürzlich drohte Trump auf dem Nato-Gipfel in Ankara erneut damit, säumige Verbündete im Regen stehenzulassen. Seine Forderungen – wie die Übernahme Grönlands oder die militärische Unterstützung im Iran-Krieg – könnten mangels Grahams mässigender Stimme im Weissen Haus Auftrieb erhalten.

Politik noch unberechenbarer

Mit Lindsey Grahams Tod verliert die transatlantische Allianz ihren wichtigsten pragmatischen Vermittler im US-Kongress. Die Ära, in der sich die europäischen Partner darauf verlassen konnten, dass ein vertrauter Trump-Flüsterer aussenpolitische Alleingänge des US-Präsidenten durch kluge Deals abfedert, ist vorbei. Für Europa und die Ukraine bedeutet das: Die amerikanische Unterstützung wird wohl noch unberechenbarer. Man muss sich nun noch schneller darauf einstellen, sicherheitspolitisch stärker auf eigenen Beinen zu stehen.

Wie gross Grahams Einfluss und sein Pensum waren, zeigten auch seine letzten Worte. Er sagte: «Ich kann jetzt nicht sterben. Ich muss noch die Russland-Sanktionen durchsetzen, die Iran-Frage klären und die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien vorantreiben.» Ohne die mässigende Hand seines Beraters hängt der weltpolitische Kurs der USA nun mehr denn je von den Launen von Donald Trump ab.

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