Darum gehts
Die Glaubwürdigkeit der militärischen Supermacht USA gerät arg ins Wanken. Insider warnen davor, dass im Iran-Krieg fast alle Präzisionsraketen sowie die Hälfte der Patriot-Bestände verschossen worden seien. Der US-Armee würde es somit an wichtigen Waffen fehlen.
Das führt nicht nur intern zum Streit zwischen Präsident Donald Trump (80) und seinem Verteidigungsminister Pete Hegseth (46). Das Loch in der Munitionskiste hat weltweit drastische Auswirkungen auf Krisenherde. Die Gegner der USA und des Westens könnten nun plötzlich Oberhand gewinnen.
Als Erstes hatte die US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) Alarm geschlagen. Ende Juli schrieb sie, dass seit Beginn des Iran-Kriegs der Bestand der Abwehrraketen Patriot von 2330 auf 830 und der Bestand der weiter reichenden THAAD-Abwehrraketen von 452 auf 278 geschrumpft sei.
Anfang Woche doppelten CNN und die Nachrichtenagentur Reuters nach. Laut Insidern sei der Vorrat an offensiven ATACMS und «Precision Strike Missiles» grösstenteils aufgebraucht. Auch die Tomahawk-Raketen, die von Schiffen und U-Booten abgefeuert werden, seien zur Hälfte verschossen. Gegenüber CNN warnten hochrangige US-Kommandeure: Der Vorrat an Munition sei «gefährlich niedrig».
Hat Hegseth Angst vor Trump?
Gegen aussen wiegeln Trump und Hegseth den Munitionsmangel gemeinsam ab: alles Fake! Trump droht jenen, die solche Nachrichten verbreiten, mit «langjährigen Haftstrafen». Die USA würden über «gewaltige Mengen an Munition, insbesondere bestimmter Arten», verfügen.
Doch intern fliegen laut «Washington Post» die Fetzen. Trump beschuldige Hegseth, die Munitionsfrage als «gelöst» erklärt und ihn nicht über die tatsächlichen Probleme informiert zu haben.
Hat Hegseth darauf gehofft, das Problem innerhalb des Pentagons selber lösen zu können? Möglich. Dass Hegseth Informationen zurückgehalten hat, könnte auch einen anderen Hintergrund haben. Philipp Adorf, USA-Experte an der Universität Bonn (D), sagt gegenüber Blick: «In Trumps Regierung besteht ein Anreiz, schlechte Nachrichten zu filtern. Denn wer die Grenzen der amerikanischen Macht aufzeigt, widerspricht dem Präsidentenbild einer unbegrenzten Handlungsfähigkeit.»
Sollte sich herausstellen, dass Hegseth Trump absichtlich getäuscht und seinen Laden nicht im Griff hat, dürften die Tage des «Kriegsministers» gezählt sein. Denn die Ebbe in der Munitionsabteilung ist für die Supermacht und den Westen verheerend. Sie könnte aktuelle Krisenherde massiv beeinflussen.
Kehrtwende im Iran-Krieg
Erst noch hatte Trump den «grössten Schlag seit dem Zweiten Weltkrieg» angekündigt. Nun krebst er zurück und spricht wieder von Verhandlungen, angeblich, weil er «keine Menschen töten will». Die Mullahs haben die Schwäche erkannt: Sie haben sich mit dem Oman auf eine Schifffahrtsroute durch die Strasse von Hormus verständigt – ohne Einbezug der USA.
Teheran dürfte spekulieren: Es könnte nur noch wenige Wochen gehen, bis die USA ihre Angriffe deutlich reduzieren oder sogar ganz einstellen müssen.
Kiews Schutzschild brennt
Während der Bodenkrieg in der Ukraine stockt, eskaliert die Luftschlacht. Nach erfolgreichen Schlägen der Ukrainer im russischen Hinterland haben die Russen die Lufthoheit zurückerobert. In den vergangenen Tagen haben sie Hunderte von Raketen abgefeuert, die viele Tote gefordert haben. Die ukrainische Luftabwehr ist am Boden: Von den russischen Raketen, die in der Nacht auf Mittwoch auf Kiew abgefeuert wurden, konnten die Ukrainer keine einzige abfangen.
Dass die Ukrainer in naher Zukunft wohl kaum mit US-Unterstützung rechnen können, gibt Moskau Auftrieb. Adorf: «Besonders der kommende Winter könnte für die Ukraine verheerend werden.»
Pekings historische Chance
Peking beobachtet die Schwäche der Amerikaner genau. Das Risiko militärischer Provokationen um Taiwan oder im Südchinesischen Meer steigt. Das strategische Zeitfenster für Militärschläge ist eine historische Gelegenheit: Mit ersten Nadelstichen könnte Peking testen, wie weit die USA noch bereit sind, ihre Verbündeten zu verteidigen.
Bitteres Erwachen in Europa
Europa ist bei seiner Verteidigung von der Nato und somit vom grössten Nato-Mitglied, den USA, abhängig. Adorf: «Sollte Washington seine Bestände primär für den Indopazifik und den eigenen Schutz reservieren, kann Europa die entstandene Lücke kurzfristig kaum schliessen.»
Entzauberte Supermacht
Der masslose/planlose Angriff auf den Iran hat die amerikanische Supermacht entzaubert. Die USA können die fehlenden hochkomplexen und teuren Waffen nicht kurzfristig herstellen. Die Wiederaufstockung der Bestände dürfte zwischen zwei und drei Jahren dauern. Adorf: «Seit 1949 war es die Grundannahme der Nato, dass die US-Kapazität praktisch unbegrenzt verfügbar ist. Diese Annahme ist zurzeit gerade am Kollabieren.»