Darum gehts
- USA und Israel greifen Iran an, Bevölkerung feiert, Regime wirkt verwundbar
- Über 1000 zivile Opfer, Internet gekappt, Proteste brutal unterdrückt
- 200'000 Revolutionswächter sichern Mullahregime, Trump hält Demokratiewandel für nicht nötig
Iraner feiern die Angriffe Israels und der USA: In den Strassen von Teheran sind immer wieder Jubelrufe, Feuerwerk, Hupkonzerte zu vernehmen. Kein Zweifel: Der Tod von Ayatollah Ali Chamenei und das Blutbad in seiner Entourage treffen die verhasste Diktatur ins Herz. Ein Unrechtsregime, verantwortlich für Tausende Tote, Folter und den täglichen Terror der Islamisten, wirkt plötzlich verwundbar. Nach 47 Jahren Tyrannei keimt plötzlich Hoffnung.
Doch bringt dieser Krieg die Bevölkerung wirklich der Freiheit näher – oder sind die einfachen Leute am Ende doch bloss wieder die grossen Verlierer?
Zur Situation der Menschen im Iran dringen kaum verlässliche Nachrichten durch. Das bereits in Friedenszeiten stark zensierte Internet ist nach Beginn der Luftangriffe weitgehend abgeschaltet. Damit schränken die Mullahs die Organisation von Widerstand gezielt ein.
Auf Starlink-Terminals steht die Todesstrafe
In den sozialen Medien posten kann nur, wer dem Regime nahesteht – oder eines der unter Todesstrafe verbotenen Starlink-Terminals besitzt. Entsprechend rar und widersprüchlich sind die Berichte: Propaganda mischt sich mit der Schilderung von Explosionen, deren Druckwellen die Fenster bersten lassen. Stabile Telefonverbindungen sind ebenfalls kaum zu haben.
Auch Hamidreza Mohammadi hat Mühe, mit seiner Familie im Iran Kontakt zu halten. Der 47-Jährige lebt seit 2014 in Oslo, nachdem ihn das Mullahregime zum «ausländischen Spion» erklärte – ein Vorwurf, auf den die Todesstrafe steht. Politisch verfolgt wurde Mohammadi, weil er sich mit seiner Schwester Narges für Menschenrechte einsetzte.
Narges Mohammadi (53) erhielt 2023 für ihr Engagement den Friedensnobelpreis. Die Aktivistin verbrachte einen Grossteil der letzten zehn Jahre im Gefängnis, erlebte Isolationshaft und Folter. Vor kurzem verurteilte sie das Regime erneut zu 7,5 Jahren Haft – wegen angeblicher Verschwörung und Propaganda.
Hamidreza Mohammadi sorgt sich nicht nur um seine Schwester – sondern um Zehntausende politischer Häftlinge: «Sollte das Regime überleben, wird es unzählige Gefangene töten und alle verfolgen, die nur das Geringste gegen die Machthaber gesagt haben.» Er weiss: «Sie werden sich rächen.»
Trotz Bombardement geht die Unterdrückung weiter
Mit welcher Brutalität die Islamische Republik den Widerstand kleinzuhalten versucht, bewies sie im Januar: Tausende Demonstrierende wurden erschossen, die Rede ist von mehr als 30’000 Toten. Zehntausende verschwanden in den Gefängnissen.
Wie Narges Mohammadi sitzen viele führende Köpfe der Opposition in Haft: «Sie könnten einen Umsturz beschleunigen – und das weiss das Regime», sagt Mohammadi.
Menschenrechtsorganisationen berichten, dass Angehörige der Revolutionsgarden verstärkt in den Strassen präsent sind, um Proteste im Keim zu ersticken – obwohl gleichzeitig Bomben fallen. Ein bekanntes Muster autoritärer Systeme: Gefährlich wird es für sie erst, wenn die Angst der Bevölkerung vor ihren Unterdrückern schwindet.
Die iranische Bevölkerung leidet deshalb doppelt – unter Bombenangriffen und Repression. Anders als in Israel gibt es im Iran kaum private oder öffentliche Schutzräume. Viele fliehen deshalb aus den grossen Städten aufs Land. Schon in der ersten Kriegswoche wurden Hunderte Zivilisten getötet. Die Organisation Human Rights Activists in Iran spricht von mehr als tausend Opfern.
Der Iran meldete am ersten Kriegstag einen verheerenden Treffer auf eine Mädchenschule. Unweit von Gebäuden der Revolutionsgarden sollen dabei mehr als 100 Kinder getötet worden sein – bestätigen lassen sich diese Angaben nicht. Die WHO berichtet von getroffenen Gesundheitseinrichtungen.
Regimewechsel ohne Bodentruppen?
Die USA und Israel wiederum erklären, Tausende militärischer Ziele zerstört zu haben. Zugleich wies Irans Präsident Massud Peseschkian die Forderung von Donald Trump nach «bedingungsloser Kapitulation» am Samstag in einer improvisiert wirkenden TV-Ansprache als «absurd» zurück.
Unterdessen machte der US-Präsident in Washington deutlich, es gehe ihm zwar um Druck auf das Mullahregime, aber nicht um dessen Sturz. Zuvor jedoch hatte er die iranische Bevölkerung aufgefordert, «die Regierung zu übernehmen, wenn wir fertig sind». Wie er sich das genau vorstellt, liess Trump offen.
Klar ist: Die Befreiung der iranischen Bevölkerung steht in diesem Krieg nicht im Vordergrund. Die Angriffe zielen auf Führungsstrukturen, Raketen- und Atomprogramme, Drohnenfabriken und Kriegsschiffe. Das strategische Ziel: Der Iran soll für andere Nationen keine Bedrohung mehr darstellen können.
Militärexperten sind sich weitgehend einig, dass Bodentruppen nötig wären, um das System der Mullahs tatsächlich zu stürzen. Denn noch immer stehen rund 200’000 schwer bewaffnete Revolutionswächter sowie bis zu einer Million regimetreuer Milizionäre bereit. Und die haben nur ein Ziel: das Überleben der Islamischen Republik sichern.
Trump schliesst den Einsatz von Bodentruppen zwar nicht aus, hält ihn aber für «Zeitverschwendung». Vielmehr glaubt er offenbar, den Iran mit Angriffen aus der Luft und auf See politisch formen zu können. Einen neuen Führer zu finden, sei kein Problem, sagte er dem Sender CNN: «Es wird funktionieren wie in Venezuela.»
Das Beispiel Venezuela macht Iranern Angst
Für viele Iraner klingt das wie eine Drohung. Nach der Entführung des venezolanischen Diktators Nicolàs Maduro (63) unterstützt Trump dessen einstige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez (56). Die aber sichert durch ihre Kooperationsbereitschaft das Überleben der Autokratie. Rodriguez sei eine «wunderbare Führerin», lobte Trump, sie leiste «fantastische Arbeit».
Hoffnungen der venezolanischen Opposition auf eine demokratische Regierung unter Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado (58) hat der US-Präsident weggewischt – so könnte er auch im Nahen Osten vorgehen.
Am Freitag erklärte Trump, er sei offen für einen religiösen Führer im Iran, demokratischer Wandel sei nicht unbedingt nötig. «Es muss einen Führer geben, der fair und gerecht ist. Der die USA und Israel gut behandelt und auch die anderen Länder im Nahen Osten – sie sind alle unsere Partner.» Von Iranerinnen und Iranern, die sich ihr Land zurückholen sollen, war keine Rede mehr.
Sieg für die Opposition – oder die Revolutionsgarden?
Während die Führung in Teheran unter zahllosen Bombenangriffen wankt, bleibt die entscheidende Frage vieler Iraner unbeantwortet: Wer wird die Zukunft ihres Landes bestimmen? Die Generäle der Revolutionsgarden – oder Oppositionelle, die seit Jahrzehnten für Freiheit kämpfen?
Solange dies offenbleibt, könnte der Krieg am Ende ausgerechnet jene Menschen enttäuschen, die am meisten auf Veränderung hoffen.
Denn das Mullahregime kämpft in diesen Tagen nicht nur mit Amerika und Israel. Es will vor allem den Krieg gegen die eigene Bevölkerung gewinnen.