Darum gehts
- USA und Verbündete kämpfen mit knappen Raketenbeständen im Iran-Konflikt
- Ukraine ist auf Patriot-Systeme angewiesen, während weltweite Nachfrage steigt
- Ziel: Erhöhung der US-Patriot-Produktion auf 2000 Raketen jährlich bis 2031
Die US-Streitkräfte und ihre Verbündeten fangen iranische Raketen mit modernen Luftverteidigungssystemen ab, darunter Patriot-Abfangraketen. Diese Bestände, ähnlich wie bei Tomahawk-Marschflugkörpern, sind bereits stark geschrumpft und inzwischen äusserst begehrt. Auch die Ukraine ist auf dieses Arsenal angewiesen, um Russlands grossangelegte Angriffe weiterhin abzuwehren. Die Schweiz muss deswegen jetzt länger auf Patriot-Abwehrsysteme warten.
Raketenkrieg zehrt an westlichen Beständen
Nachdem Israel die Operation «Roaring Lion» gestartet und die USA am vergangenen Samstag mit der Operation «Epic Fury» Ziele auf iranischem Gebiet angegriffen hatten, reagierte Teheran mit Raketenangriffen auf Länder, die US-Streitkräfte unterstützen. Die amerikanische Luftverteidigung setzte MIM-104-Patriot-Batterien, THAAD-Systeme (Terminal High Altitude Area Defense) sowie seegestützte Standard-Missile-Abfangraketen ein, um anfliegende iranische Bedrohungen – darunter Raketen und Drohnen – zu neutralisieren. Dabei griffen die USA stark auf ihre Bestände an Patriot-Advanced-Capability-3-(PAC-3)-Raketen sowie auf weitere Munition zurück.
Wer zuerst die Raketen aufbraucht, verliert
US-Verbündete im Nahen Osten wie etwa Katar, Bahrain, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate betreiben verschiedene Patriot-Systeme und beteiligen sich aktiv an der Luftverteidigung gegen iranische Angriffe. Die Menge der in den vergangenen Tagen abgefeuerten iranischen Waffen ist erheblich. Kuwait meldete bis Sonntag das Abfangen von 97 ballistischen Raketen und 283 Drohnen, ein Hinweis darauf, wie umfangreich die Luftverteidigungsarsenale sein müssen, um die Einsatzfähigkeit aufrechtzuerhalten.
Der Ausgang des Konflikts mit dem Iran, der mehrere Wochen dauern könnte, dürfte davon abhängen, welche Seite zuerst ihre Raketenbestände aufbraucht.
Rüstungsindustrie kommt kaum hinterher
Seth Jones, Leiter des Bereichs Verteidigung und Sicherheit am Center für strategische und internationale Studien (CSIS) in Washington, sagte gegenüber National Public Radio (NPR): «Die Realität ist, dass weder Israel noch die Vereinigten Staaten genug Munition, weder offensiv noch defensiv, für einen Krieg haben, der Wochen dauert, geschweige denn Monate.»
Produktion kann Jahre dauern
Die Nachfrage nach Patriot-Abfangraketen und anderen Luftabwehrraketen in diesem Konflikt, bei denen oft mehrere Abfangraketen pro Angriff benötigt werden, setzt die ohnehin begrenzten Raketenbestände zusätzlich unter Druck.
Gleichzeitig hat die Rüstungsindustrie Schwierigkeiten, mit der Nachfrage Schritt zu halten. US-Beamte und Militärexperten berichten von einem starken Anstieg der Nachfrage nach Patriot- und anderen Abfangraketen. Hersteller wie Lockheed Martin fahren ihre Produktion zwar hoch, doch der Prozess kann Jahre dauern, was die Deckung des kurzfristigen Bedarfs erschwert.
Pentagon weist Warnungen vor Engpässen zurück
Einige Medienberichte deuteten darauf hin, dass die Patriot-Bestände knapp werden. Das Pentagon widersprach diesen Behauptungen im vergangenen Jahr und erklärte, das US-Militär habe «alles, was es braucht, um jede Mission überall und jederzeit zu kämpfen und zu gewinnen». Gleichzeitig arbeitet das US-Verteidigungsministerium daran, die Produktion deutlich zu erhöhen.
Die Ukraine treibt die steigende Nachfrage nach Patriot-Systemen wesentlich voran, da sie diese benötigt, um häufige russische Raketenangriffe abzuwehren. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte gegenüber Reportern, es sei «zu früh, Schlussfolgerungen zu ziehen», welche Auswirkungen der Iran-Konflikt auf die Verfügbarkeit von Patriot-Systemen haben werde. Er warnte jedoch: «Wenn die Kämpfe im Nahen Osten weitergehen, wird das die Lieferungen sicherlich beeinflussen. Davon bin ich überzeugt.»
«Wir brauchen sie auch!»
Im vergangenen Jahr hatte US-Präsident Donald Trump (79) bereits auf die Schwierigkeiten hingewiesen, Patriots an die Ukraine zu liefern, und betont: «Wir brauchen sie auch.» Im aktuellen Iran-Konflikt deutete er nur wenige Tage nach Beginn an, dass das US-Militär möglicherweise auf globale Munitionsreserven zurückgreifen müsse, um die Operationen aufrechtzuerhalten.
Lockheed Martins PAC-3-Produktion steigt seit dem Erreichen von 500 Einheiten im Jahr 2024 kontinuierlich, während andere Rüstungsunternehmen ebenfalls ihre Produktion ausweiten. Eine neue Vereinbarung sieht vor, Lockheeds jährliche Produktion von Patriot-Raketen innerhalb von sieben Jahren von 600 auf 2000 Stück zu erhöhen. Die US-Armee begann bereits im vergangenen Jahr, ihre Käufe von Abfangraketen zu erweitern und plant, über eine Milliarde Dollar in Patriot-Raketen zu investieren. Ziel ist ein Gesamtbestand von 13'733 Abfangraketen.
Eine Milliarde Dollar pro Jahr für Patriot-Raketen
Jede PAC-3-Abfangrakete kostet etwa 3,7 Millionen US-Dollar (2,8 Millionen Franken). Beschaffungsdaten, die vom CSIS analysiert wurden, zeigen, dass das Pentagon in den Haushaltsjahren 2015 bis 2024 durchschnittlich fast 270 PAC-3-Raketen pro Jahr kaufte.
Laut CSIS senden steigende Patriot-Bestellungen ein stabiles und verlässliches Nachfragesignal an die Industrie. Gleichzeitig erschweren Konflikte weltweit den Aufbau grosser strategischer Reserven, denn sowohl die USA als auch ihre Partner benötigen diese Raketen.
US-Raketenbestände als strategisches Risiko
Ohne ausreichende Reserven riskieren die USA, in einen hochintensiven Konflikt mit einem gleichwertigen Gegner, etwa China, hineingezogen zu werden, ohne über ausreichende Luftverteidigung zu verfügen. Das könnte sie in einem Raketenkrieg in eine schwierige Lage bringen. Der pensionierte australische General Mick Ryan, ein Stratege für zukünftige Kriegsführung, erklärte: «China wird daran interessiert sein, dass der Iran gegen Amerika kämpft. Je mehr Munition die USA im Iran verbrauchen und je mehr strategische Aufmerksamkeit sie dem Nahen Osten widmen, desto zufriedener wird die Kommunistische Partei Chinas sein.»
Ende 2024 räumte US-Navy-Admiral Samuel Paparo, Kommandeur des US-Indopazifikkommandos, ein, dass die laufenden Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten die Patriot-Raketenbestände in seinem Verantwortungsbereich «belastet» hätten. «Etwas anderes zu behaupten, wäre unehrlich», sagte er. Ein Konflikt ähnlicher oder sogar grösserer Intensität, der sich voraussichtlich weiter zuspitzen könnte, würde diese Herausforderung noch verschärfen.
Dieser Artikel erschien zuerst auf bussinesinsiderpolska.ch. Die Newsplattform gehört wie Blick zu Ringier.