Darum gehts
Der Terroranschlag in Winterthur schockiert die Schweiz. Doch das Attentat ist kein Einzelfall. Der deutsche Psychologe und Radikalisierungsexperte Ahmad Mansour (49) warnt vor der Radikalisierungswelle, die den Westen voll erfasst habe und kaum zu stoppen sei. Mansour kritisiert auch die Arbeit in den Kliniken, die potenzielle Täter oft nur einseitig beurteilten.
Mansour fordert ein Umdenken in den Köpfen der Politiker, eine Präventionsoffensive und ein hartes Vorgehen bei Verdachtsfällen. Für die Schweiz hält er zwar ein grosses Lob bereit. Aber er warnt davor, dass auch hier bald Zustände wie in Deutschland herrschen könnten.
Blick: Herr Mansour, wie konnte es zu diesem Attentat in Winterthur kommen?
Ahmad Mansour: Das hat nicht nur mit Winterthur zu tun. Wir erleben zurzeit im ganzen Westen eine Radikalisierungswelle. Es gab Attentate auch in anderen Ländern, etwa in Belgien, Deutschland, England und den Niederlanden. Dazu kommen viele Anschlagspläne, die verhindert werden konnten. Ich erinnere auch an den Attentatsversuch auf ein Konzert von Taylor Swift in Wien.
Wer hat hier versagt?
Wir sind gut darin, psychische Krankheiten zu diagnostizieren, aber zu wenig gut darin, Radikalisierungstendenzen zu erkennen. Psychische Labilität und Ideologie sind keine Gegensätze, sondern finden gleichzeitig statt und verstärken sich. Genau hier versagte die Klinik: Ich glaube, dass sie die Diagnose beurteilte, aber nicht das ideologische Risiko. Wer nur eine Seite sieht, scheitert. So wie das Personal, das den Täter entliess.
Wie kann man solche Fehlbeurteilungen in Zukunft verhindern?
Es ist eine Frage der Ausbildung und der Fortbildung. Man braucht professionelle Begleiter, die sich mit Ideologien auskennen und erkennen, wenn ein Mensch Ideologien in sich trägt. Zudem existieren standardisierte Instrumente zur Einschätzung extremistischer Gewaltbereitschaft, sie werden aber nur selten angewendet.
Warum tritt diese Radikalisierungswelle gerade jetzt auf?
Auslöser sind der Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 auf Israel und der anschliessende Gaza-Krieg. Seither erleben wir eine massive, emotionale Propaganda in den sozialen Medien. Verstärkt wird die Tendenz durch die Zeit der Multikrisen. Forschungen zeigen, dass kritische Lebensereignisse, das Gefühl, nicht dazuzugehören, und autoritäre Erziehungsmethoden die Radikalisierung fördern. Mit einer Radikalisierung bekommt man klare Antworten, klare Identität, Halt, Orientierung und das Gefühl, zu einer Elite zu gehören.
Wer vor allem ist für solche Propaganda empfänglich?
Es gibt eine dramatische Verjüngung der Täterprofile. Bei den mutmasslichen islamistischen Gefährdern dominieren inzwischen Jugendliche und sehr junge Männer, teils Minderjährige.
Mit welchen Methoden wird heute radikalisiert?
Wir haben einerseits die klassische Radikalisierung, die vor allem in der muslimischen Gemeinschaft stattfindet und die wohl auch der Täter von Winterthur erfahren hat. Inzwischen aber gibt es auch eine unglaubliche Propaganda in den sozialen Medien, vor allem auf Tiktok. Islamisten sind da sehr aktiv und beantworten Fragen der verunsicherten Jugendlichen. Wir sprechen da vom sogenannten Tiktok-Imam-Phänomen.
Wie kann man die Radikalisierung stoppen?
Sie wird nicht so einfach zu stoppen sein, weil wir die zweieinhalb Jahre seit dem Hamas-Überfall komplett verschlafen haben. Ich merke, wie dramatisch die Lage vor allem an den Schulen ist, und wie viele junge Menschen durch die starke Propaganda beeinflusst werden. Auch, wie Lehrer massiv überfordert sind und Islamisten immer selbstbewusster werden und Freiräume für sich beanspruchen. Was es jetzt braucht, ist Präventionsarbeit.
Wie soll die aussehen?
Zuerst muss man sich auf politischer Ebene endlich eingestehen, dass es ein Problem gibt. Dann brauchen wir klare Regeln und die Fähigkeit, Radikalisierungstendenzen zu erkennen – vor allem an Schulen. Zurzeit ist da die Präventionsarbeit, jedenfalls in Deutschland, oft unprofessionell und chaotisch.
Und wie wollen Sie Radikalisierung in den sozialen Medien unterbinden? Mit Überwachung und Verboten?
Nein. Auch hier steht Prävention an oberster Stelle. Da diese Medien mit Algorithmen funktionieren und die Themen, die man sucht, verstärken, muss man dem entgegenwirken. Etwa mit Beiträgen, mit denen man junge suchende Menschen auf positive Art gewinnen und deren Fragen beantworten kann. Freiheit, Selbstbestimmung und kritisches Denken sind die besten Heilmittel gegen Extremismus. Das sollten wir offensiver vermitteln.
Helfen Verbote von Burka und Kopftüchern im Kampf gegen den Islamismus?
Dieses Thema ist im Zusammenhang mit Islamismus sehr wichtig. Eine multireligiöse Gesellschaft feiert nicht nur ihre Unterschiede und sagt, dass alle willkommen sind. Sie kann nur funktionieren, wenn es Regeln gibt, die für alle gelten. Ich bin daher für ein Burka-Verbot sowie ein Verbot von Kopftüchern für Lehrerinnen und Schülerinnen an Grundschulen. Eine Burka hat sowieso nichts mit dem Islam zu tun, sondern mit Islamismus.
Glauben Sie, dass es zwischen der Radikalisierung in der Schweiz und Deutschland einen Unterschied gibt?
Ja. Die Schweiz steht viel besser da, sowohl qualitativ als auch quantitativ. Das hat unter anderem mit der direkten Demokratie zu tun, die eine klare Sprache spricht und viele Dinge verändert hat. Aber: In der Schweiz darf man sich nicht zurücklehnen. Es gibt kleine islamistische Strukturen, die anwachsen werden. Dann wird die Schweiz in zehn oder fünfzehn Jahren so weit sein wie Deutschland heute. Diese Zustände muss man verhindern. Und wenn ein Land in Europa so etwas hinkriegen kann, dann ist das die Schweiz.
Das Attentat von Winterthur beflügelt die Befürworter der Initiative zu einer 10-Millionen-Schweiz. Wie würden Sie abstimmen?
Ich kenne die Vorlage nicht genau. Aber generell gilt: Es braucht eine Begrenzung von Migration. Sonst kann es eine Gesellschaft überfordern.
Der Psychologe Ahmad Mansour (49) beschäftigt sich mit Projekten gegen Radikalisierung, Unterdrückung und Antisemitismus in der islamischen Gemeinschaft. Er ist arabisch-palästinensischer Herkunft und israelisch-deutscher Doppelbürger.