Frieden im Nahen Osten nur noch mit US-Bodentruppen durchsetzbar?
Chamenei droht mit Angriffen an «neuen Fronten» – Sicherheitsexperte ordnet ein

Die Strasse von Hormus ist blockiert, die globale Wirtschaft gerät ins Wanken, und der Iran droht mit Angriffen auf neue Ziele. Der Sicherheitsexperte Jean-Marc Rickli ordnet die Situation ein und warnt vor langfristiger Destabilisierung.
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Der Iran ist noch lange nicht am Ende. Er könnte bald wie angekündigt an «neuen Fronten» aktiv werden.
Foto: keystone-sda.ch

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Angela RosserJournalistin News

Das iranische Regime droht mit Angriffen an «neuen Fronten» und Vergeltungsschlägen. Die Strasse von Hormus, eine der wichtigsten Meeresengen der Welt, ist gesperrt, was die globale Wirtschaft beeinflusst. Was das bedeutet und wie es weitergehen könnte, erklärt Jean-Marc Rickli (51).

Der Sicherheitsexperte arbeitet als Head of Global and Emerging Risks beim Geneva Centre for Security Policy – eine vor 31 Jahren gegründete, internationale Non-Profit-Stiftung, die Frieden und globale Sicherheit fördert. 

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Blick: Trump erklärt, er werde das Regime komplett zerstören. Wie realistisch ist das?
Jean-Marc Rickli: Seit der Revolution und der Machtübernahme durch das Regime 1979 steht der Iran unter Sanktionen. Das heisst, sie konnten kaum moderne Waffen oder Kampfjets beschaffen, zumindest im Westen nicht, was die militärischen Fähigkeiten des Iran geschwächt hat. Die Jets, über die der Iran verfügt, beispielsweise die F-14, wie sie im ersten «Top Gun»-Film zu sehen sind, sind veraltet. Sie stammen aus einer Zeit, als das Land noch ein Verbündeter der USA war. Dennoch hat das Regime gezeigt, dass es widerstandsfähig ist und nach wie vor über ausreichende Ressourcen verfügt, um Konflikte zu eskalieren und sich selbst zu schützen.

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Aufgrund der Eskalation im Nahen Osten ist die Strasse von Hormus, die wichtigste Meerenge für Erdöl- und Flüssigerdgas-Exporte, dicht.
Foto: Imago

Welche Mittel sind das?
Der Iran hat sich auf strategische Nischen spezialisiert. Zum Beispiel ein Netzwerk regionaler Stellvertretergruppen, die sogenannte «Achse des Widerstands», zu der unter anderem die Hamas gehört, die Hisbollah, die schiitischen Milizen im Irak und die Huthis. Weiter zählen dazu Programme für Raketen- und Drohnentechnologie und Urananreicherung. Seit dem Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 sind viele dieser Stellvertreter geschwächt worden. Verschwunden sind sie nicht. Vor allem die Huthis haben gezeigt, dass sie weiterhin Einfluss nehmen können, etwa durch Angriffe auf die Schifffahrt im Roten Meer. Ebenso hat die Hisbollah in den vergangenen Tagen mehrere Angriffe gegen Israel verübt, was Israel dazu veranlasst hat, eine neue Front im Libanon zu eröffnen.

Wie sieht es mit Raketen und Drohnen aus?
Das lässt sich nur schwer beurteilen. Verschiedene Quellen schätzen, dass der Iran zu Beginn des Kriegs über rund 2000 Mittel- und Langstreckenraketen verfügte, die Israel erreichen können, sowie über etwa 4000 bis 8000 Kurzstreckenraketen, die die Golfstaaten treffen können – je nachdem, auf welche Quelle man sich stützt. Israel und die USA haben zudem Raketenabschussrampen getroffen. Der Rückgang der Raketenangriffe ist wahrscheinlich eine direkte Folge dieser Angriffe. Auch die Drohnentechnologie bleibt eine bedeutende Bedrohung. Im Gegensatz zu Raketen lassen sich Drohnen viel leichter verstecken und starten. Das bedeutet, dass der Iran weiterhin über die Fähigkeit verfügt, insbesondere seine Nachbarn am Golf anzugreifen. Eine Eskalation durch die Blockade der Strasse von Hormus durch Seeminen könnte langfristige Konsequenzen haben. Diese wieder zu entfernen, würde sehr lange dauern.

Wie sieht es mit dem Druck auf wirtschaftlicher Seite aus?
Angriffe auf die iranische Öl- und Gas-Infrastruktur können zwar wirtschaftlichen Druck auf das Regime ausüben, gleichzeitig aber auch die Bevölkerung massiv treffen. Das Gleiche gilt für Angriffe auf die Infrastruktur zur Meerwasserentsalzung. Es wäre mit Störungen der Wasser- und Energieversorgung zu rechnen. Das könnte langfristig verheerende Schäden verursachen und die Stabilität eines neuen Regimes beeinträchtigen, sollte es den USA und Israel gelingen, das derzeitige Regime zu stürzen.

Das Regime droht mit Angriffen an «neuen Fronten». Welche sind damit gemeint?
Italienische und französische Truppen sind am Donnerstag im Irak ins Visier schiitischer Milizen geraten. Der Iran könnte die Liste der Ziele auf neue Länder und weitere zivile oder kritische Infrastrukturen ausweiten. Entsalzungsanlagen zum Beispiel. Eine wurde bereits in Bahrain getroffen. Die Verminung der Strasse von Hormus oder die Blockade der Meerenge von Bab el Mandeb durch die Huthis wäre ebenfalls eine Eskalation. Darüber hinaus könnten die Iraner ihre Cyberangriffe verstärken. Und Schläferzellen zur Durchführung von Terroranschlägen in der Region und darüber hinaus aktivieren.

Wie lange könnte dieser Konflikt noch andauern?
Das lässt sich unmöglich vorhersagen, aber je länger es dauert, desto siegreicher wird der Iran wirken und desto grösser wird der Druck auf die USA, diesen Krieg zu beenden. Man könnte sagen, dass die Zeit in der gegenwärtigen Situation zugunsten des Iran arbeitet. Zwar verfügt der Iran nicht mehr über die Kapazitäten, massive Angriffe gegen Israel zu starten, doch reicht sein Potenzial noch immer aus, die Region langfristig zu destabilisieren. Das zu verhindern, ohne Bodentruppen einzusetzen, scheint derzeit unmöglich. Ich glaube jedoch nicht, dass die USA dieses Risiko eingehen werden, da das eine erhebliche Eskalation bedeuten würde, die das Leben amerikanischer Soldaten gefährden würde. Sollte diese Situation länger andauern, ohne dass strategische Erfolge erzielt werden, wird die Trump-Regierung in die Enge getrieben werden.

Kann sich der Konflikt zu einem sogenannten Flächenbrand ausweiten?
Meiner Einschätzung nach hat sich die Lage, zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht, bereits verschärft. Die Blockade der Strasse von Hormus hat globale Auswirkungen. In einem globalen Krieg befinden wir uns aber nicht. Die angesprochenen Auswirkungen beschränken sich keineswegs auf die Öl- und Gasmärkte, sondern betreffen beispielsweise auch die Landwirtschaft. Rund ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels auf dem Seeweg verläuft durch die Meerenge, und eine Blockade des Transits könnte zu Hungersnöten führen. Eine weitere Eskalation durch Seeminen könnte die Lieferketten wochenlang lahmlegen. Die Iraner verfügen zudem über Küstenbatterien, mit denen sie Schiffe in der Meerenge treffen könnten.

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Wie sehen sie als Experte die globale Entwicklung?
Die globale Sicherheitslage wird immer komplexer. Was sich jedoch von der Vergangenheit unterscheidet, ist die Häufung von Krisen. Seit Beginn des Jahres haben wir den Krieg in der Ukraine, den Krieg im Nahen Osten, im Sudan und Spannungen in Regionen wie Venezuela und Grönland. Dazu kommen die wachsenden Verbindungen zwischen diesen Konfliktgebieten. Während Russland höchstwahrscheinlich Drohnen an den Iran liefert, verkauft die Ukraine kostengünstige Anti-Drohnen-Systeme an die Golfstaaten. Die Tatsache, dass die Hauptakteure die Uno-Regeln zunehmend völlig missachten und massiv gegen das Völkerrecht verstossen, stellt auch eine enorme Herausforderung für die Zukunft der Weltordnung dar.

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