Darum gehts
- Der Iran-Krieg destabilisiert die Region, die USA und Israel intensivieren Angriffe
- Irans Marine fast vollständig zerstört, Regime zeigt Schwächen in Kommandostruktur
- Hisbollah hat bis zu 80 Prozent ihrer Kampfkraft eingebüsst
Herr Votel, Sie waren bis 2019 Oberbefehlshaber der US-Armee im Nahen Osten. Wie beurteilen Sie den Verlauf des Irankriegs?
Joseph Votel: Die Operation verläuft extrem effektiv, geradezu spektakulär. Innerhalb weniger Tage hat der Iran nahezu seine gesamte Kriegsflotte verloren. Auch die Kommandostrukturen des Regimes geraten zunehmend ins Wanken. Die USA und Israel konzentrieren sich nun darauf, die militärischen Vergeltungsmittel des Gegners weiter zu dezimieren, also vor allem Raketen- und Drohnenbestände.
Wie geht das US-Militär dabei vor?
Den Grossteil der Angriffe führen die Luftwaffe und die Marine durch. Aber in diesem Krieg kommen alle Fähigkeiten der US-Streitkräfte zum Einsatz. Am Boden schützen Patriot-Batterien die Stützpunkte, aus dem Weltraum wird das Geschehen überwacht und der Feind aufgeklärt, gleichzeitig laufen im Hintergrund Cyberattacken. Irans Führung bekommt die volle Härte der US-Armee zu spüren.
Zu Beginn des Krieges erklärte US-Präsident Donald Trump, das Ziel sei ein Regimewechsel in Teheran. Wie realistisch ist das?
Aus militärischer Sicht ist das ein unrealistisches Ziel. Die U.S. Army kann einen Regimewechsel begünstigen, indem sie das Regime so weit schwächt, dass es die Kontrolle über die Lage verliert. Doch das genügt nicht.
Warum nicht?
Ein tatsächlicher Regimewechsel erfordert politische Macht, eine Oppositionskraft, die wiederum eine Nachfolgeregierung aufstellen kann. Dafür ist das US-Militär nicht ausgebildet. Und wir haben keine besonders gute Bilanz, was Regimewechsel anbelangt. Es ist daher eine sehr schwierige Aufgabe, die das Militär sicher nicht alleine bewältigen kann.
Berichten zufolge könnten die USA iranische Kurden bewaffnen, damit sie das Regime stürzen. Was halten Sie davon?
Wir haben die Fähigkeiten dazu, aber der Aufbau von Oppositionskräften dauert Monate oder Jahre. Wenn wir erst jetzt damit beginnen, kommt das für die aktuelle Operation vermutlich zu spät. Zudem sind viele Fragen offen: Sind wir bereit, Berater vor Ort einzusetzen? Geben wir Geheimdienstinformationen weiter? Leisten wir Feuerunterstützung? Das wäre alles mit Risiken verbunden.
Eine andere Möglichkeit wäre der Einsatz von US-Bodentruppen. Trump hat dies ausdrücklich nicht ausgeschlossen.
Es kommt darauf an, worüber wir genau sprechen. Wenn es um Spezialeinheiten geht, die kurzfristige Einsätze durchführen – sogenannte Hit-and-run-Missionen – dann ist das durchaus denkbar. Gross angelegte Bodenoperationen halte ich hingegen für sehr, sehr unwahrscheinlich. Das erfordert eine gewaltige Logistik. Wir müssten die Truppen verlegen, beschützen und versorgen. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Der Iran ist so gross wie ganz Westeuropa (rund 40-mal so gross wie die Schweiz, Anm. d. Red.).
Die Kämpfe greifen auf die gesamte Region über: Die Golfstaaten stehen unter Beschuss, Israel operiert mit Bodentruppen im Südlibanon, auf Zypern gab es Angriffe, die Türkei schoss eine Rakete ab. Weshalb weitet sich der Krieg immer weiter aus?
In erster Linie wegen des Irans. Das Regime versucht, den Krieg auszuweiten und so viele Länder wie möglich hineinzuziehen. Ziel ist es, den Druck auf die USA und Israel zu erhöhen, damit sie sich zurückziehen.
Die wahllosen Angriffe auf zivile Ziele wirken verzweifelt.
Wir dürfen nicht vergessen: Für das Regime ist dieser Konflikt existenziell. Es könnte danach schlicht nicht mehr existieren. In einer solchen Lage ist man zu allem bereit.
Wie beurteilen Sie die militärische Stärke des Regimes?
Der Iran war schon vor Kriegsbeginn stark geschwächt. Im vergangenen Sommer, beim sogenannten Zwölf-Tage-Krieg, haben die USA und Israel dem iranischen Militär schwere Verluste zugefügt. Auch die Stellvertretermilizen sind inzwischen stark aufgerieben. Die Hisbollah hat etwa 60 bis 80 Prozent ihrer Kampfkraft verloren.
Dennoch hat Trump den Krieg als «notwendig» bezeichnet – der Iran sei eine unmittelbare Bedrohung für die Region und die Vereinigten Staaten.
Ich gebe zu, ich war überrascht, dass wir diesen Angriff letzte Woche initiiert haben. Ich glaube nicht, dass der Iran eine direkte Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellt.
Das heisst: Trump hat den Krieg unter einem falschen Vorwand begonnen.
Ich sehe nicht alles, was der Präsident sieht. Vielleicht liegen ihm relevante Geheimdiensterkenntnisse vor. Es ist sicherlich so, dass der Iran unsere Streitkräfte und unsere Interessen im Nahen Osten bedroht. Viele Amerikaner sind durch die Hände der Ayatollahs ums Leben gekommen. Das begann schon mit dem Bombenanschlag auf die US-Botschaft in Beirut Anfang der 80er-Jahre, bei dem Hunderte Marinesoldaten starben. Und das hat sich fortgesetzt. Im Irak haben sie Milizen bewaffnet, die Tausende unserer Soldaten auf dem Gewissen haben. Auch haben sie Amerikaner entführt. Ich denke, Trump hatte einfach genug. Er hat versucht, in gutem Glauben zu verhandeln, aber der Iran hat die übliche Hinhaltetaktik verfolgt – und jetzt ist Schluss.
Trump sprach von einer möglichen Kriegsdauer von vier bis fünf Wochen. Wie lange kann die US-Armee ihre Offensive aufrechterhalten?
Die grösste Herausforderung ist die Munition. Derzeit verbrauchen wir sehr viel davon. Aber ich habe noch nie eine Militäroperation erlebt, bei der es keine Bedenken hinsichtlich Logistik oder Munition gab. Das ist sozusagen Standard.
Also alles kein Problem?
Kurzfristig mache ich mir keine Sorgen. Langfristig allerdings stehen wir vor strategischen Herausforderungen. Wenn wir unsere Munitionsbestände im Nahen Osten verschiessen, fehlen sie an anderen Orten der Welt, etwa zur Abschreckung im Pazifik.
Wenn nicht die Munition – was sonst könnte diesen Krieg entscheiden?
Geduld wird entscheidend sein. Das iranische Regime existiert schon lange. In vielerlei Hinsicht sind sie Überlebenskünstler. Sie haben schon viel durchgemacht. Sie könnten am Ende gewinnen, indem sie einfach nicht verlieren. Indem sie die Kontrolle behalten und an der Macht bleiben. Das Regime könnte das bereits als Sieg verbuchen.
Die Zeit spielt also für den Iran?
Ja. Wenn der Krieg zu lange dauert, könnten wir die Unterstützung der amerikanischen Bevölkerung verlieren. Das ist ein zentraler Faktor. Denn militärisch gesehen kann uns der Iran nicht zum Rückzug zwingen.
Trump und sein Umfeld betonen, das sei kein «ewiger» Krieg. Gleichzeitig fehlt ein klarer Plan, eine Exitstrategie. Beunruhigt Sie das?
Ich denke, wir müssen unsere Ziele klar definieren. In den vergangenen Tagen haben sich der Verteidigungsminister und der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs bemüht, deutliche Absichten zu formulieren.
Und das wären …?
Wir versuchen, in möglichst kurzer Zeit maximalen Schaden anzurichten, um den Iran zum Handeln zu zwingen. Wir zerstören die Marine, vernichten das Raketenprogramm und stellen sicher, dass sie keine Kapazitäten für Nuklearwaffen besitzen. Das sind klare, messbare Ziele. Es geht darum, die iranische Führung derart unter Druck zu setzen, dass sie gezwungen ist, ihr Verhalten zu ändern oder um Frieden zu bitten.
Das aber ist noch kein zu Ende gedachter Plan. Riskieren die USA nicht denselben Fehler wie etwa im Irakkrieg, als sie ohne konkrete Vorstellung einer Nachfolgelösung in den Krieg zogen?
Das ist immer möglich. Ich kann nur darauf vertrauen, dass unsere militärische und politische Führung uns nicht erneut auf diesen Weg führt.
Wie könnte denn eine Exitstrategie aus diesem Krieg aussehen?
Wir müssen den Iran so weit schwächen, dass er seine Macht nicht mehr über seine Grenzen hinaus projizieren kann. Sobald dieser Punkt erreicht ist, wäre der militärische Teil der Mission im Wesentlichen erfüllt.
Doch wenn die Mullahs an der Macht bleiben, bleibt der Nahe Osten instabil.
Es ist derzeit sehr ungewiss, wer das Land langfristig führen wird. Das könnte dereinst durchaus zu einem Bürgerkrieg, zu weiteren Konflikten oder zu Instabilität führen, die sich vom Iran aus ausbreitet. Auf diese langfristigen Folgen muss sich die Region vorbereiten.