Darum gehts
- Podcast-Folge mit AfD-Politiker Ulrich Siegmund erreicht 3,9 Millionen Aufrufe auf Youtube
- Verfassungsschutz stufte seinen Landesverband in Sachsen-Anhalt 2023 als rechtsextrem ein
- Siegmunds Tiktok-Account hat 768'000 Follower, auf Instagram sind es 535'000 Fans
Ulrich Siegmund (35) sitzt im Podcast von Benjamin «Ben» Berndt (41) und redet stundenlang über Sachsen-Anhalt und Deutschland. Kein Rednerpult, keine Parteifahnen, kein aggressiver Wahlkampfauftritt. Das Format erlaubt ihm eine Rolle, die enorm zu seinem Erfolg beigetragen hat: nicht wie ein radikaler rechter Politiker auszusehen.
Die Folge mit dem AfD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erschien am 15. August. Seither sammelte sie allein auf Youtube 3,9 Millionen Aufrufe. In Umfragen steht die Partei bei Werten um 40 Prozent.
Der «Spiegel» bezeichnete den früheren CDU-Politiker in einer Titelstory kürzlich als «gefährlichsten Mann Deutschlands». Der AfD-Politiker nannte das Cover «sehr gute Werbung» – er signiert es nun oft bei Wahlkampfauftritten.
Siegmund wirkt gepflegt und dynamisch. Er ist einer der grössten Social-Media-Stars der Rechtspopulisten, sein Tiktok-Account @mutzurwahrheit90 hat 768'000 Follower, auf Instagram sind es 535'000. Anders als der Thüringer AfD-Rechtsaussen Björn Höcke (54) setzt Siegmund weniger auf Pathos und Provokation. Er gibt sich als Pragmatiker, der Probleme anpacken will.
Alltag statt Theorie
Siegmund wurde 1990 in Havelberg in Sachsen-Anhalt geboren. Nach seiner Ausbildung arbeitete er unter anderem im Vertrieb. Auch seine politische Kommunikation folgt diesem Muster: einfache Botschaften, direkte Ansprache, Alltag statt abstrakte Theorie.
Siegmund präsentiert sich dabei gern als Gegenfigur zum etablierten Politikbetrieb. Tatsächlich sitzt er mittlerweile seit zehn Jahren im sachsen-anhaltinischen Landtag.
Siegmund hat seine Karriere dabei nicht in irgendeinem AfD-Landesverband gemacht, sondern in einem Verband, der seit Jahren besonders weit rechts steht. Der Verfassungsschutz stufte den Landesverband im November 2023 als gesichert rechtsextrem ein.
«Vorne freundlich, hinten völkisch»
Das Recherchezentrum Correctiv beschreibt die Strategie als «vorne freundlich, hinten völkisch». Eine Recherche der Investigativjournalisten war es auch, die Siegmunds Image in der Vergangenheit beschädigte. Am 25. November 2023 sollen sich im Landhaus Adlon bei Potsdam rund zwei Dutzend Personen aus AfD, rechter Szene und Bürgertum getroffen haben.
Dort soll der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner (37) sein Konzept der «Remigration» vorgestellt haben. Auch Siegmund trat nach eigenen Angaben dort auf, präsentierte seine «Vision 2026» für Sachsen-Anhalt. Laut Correctiv erklärte er unter anderem, das Bundesland müsse für bestimmte Menschen möglichst unattraktiv werden. Siegmund spielt die Bedeutung des Treffens bis heute herunter, spricht immer wieder von einem «Kaffeekränzchen».
Das macht Ulrich Siegmund so gefährlich
Gleichzeitig erreicht der 35-Jährige über soziale Medien Hunderttausende. Dort kann er selbst bestimmen, welches Bild von ihm entsteht – und wird zu einer im ganzen Land wahrgenommenen Figur. Er verbindet die Politik seines rechtsextremen Landesverbands mit einem Auftreten, das bewusst nahbar und optimistisch wirkt – und erreicht damit ein Publikum weit über den klassischen AfD-Kosmos hinaus.
Vielleicht liegt das Gefährliche aus Sicht seiner Kritiker gerade in diesem Widerspruch: Siegmund wirkt weniger radikal, dabei ist seine Politik nicht gemässigter.
Sollte er Ministerpräsident werden, wäre das mehr als nur ein persönlicher Triumph: Es wäre der Beweis, dass die AfD womöglich keinen gemässigteren Kurs braucht, um für mehr Menschen wählbar zu werden – sondern einen Politiker, der ihren bisherigen Kurs anders verkauft. Auch bundesweit.