Darum gehts
- Hohe Temperaturen beeinträchtigen die Arbeitsleistung und erhöhen das Unfallrisiko
- Hitze lässt die Gesundheitskosten steigen – Folgen werden aktuell unterschätzt
- Jede ausgestossene Tonne CO₂ kostet die Weltwirtschaft rund 120 Franken
Blick: Frau Barrage, in der Sommerhitze hatte ich den Eindruck, dass ich manchmal Mühe hatte, mich auf die Arbeit zu konzentrieren, und weniger produktiv war. Geht das nur mir so?
Lint Barrage: Das geht vielen so. Bei hohen Temperaturen sinkt die Arbeitsleistung. Gleichzeitig steigt das Unfallrisiko: Untersuchungen belegen zum Beispiel, dass LKW-Fahrer bei Hitze weniger konzentriert fahren und mehr Unfälle verursachen.
An vielen Orten in der Schweiz gab es dieses Jahr so viele Hitzetage wie nie zuvor. Der Klimawandel ist also keine gute Nachricht für unsere Wirtschaftsleistung?
Tatsächlich drohen uns erhebliche wirtschaftliche Verluste, wenn wir so weitermachen. Die sinkende Produktivität ist dabei nur eine von mehreren negativen Folgen.
Welche weiteren Folgen sehen Sie?
Aktuell sehen wir neben der Arbeitsproduktivität die Gesundheit und die Landwirtschaft global als die grössten Risiken.
Lint Barrage (41) ist Professorin für Energie- und Klimaökonomie an der ETH Zürich. Sie erforscht, wie sich Klimawandel und Energiewende auf Wirtschaft, Finanzmärkte und Staatshaushalt auswirken. Sie studierte in Chicago und an der Elite-Universität Yale, wo sie auch ihren Doktortitel erlangte. Bevor sie 2022 nach Zürich wechselte, lehrte die US-Ökonomin an mehreren renommierten amerikanischen Universitäten.
Lint Barrage (41) ist Professorin für Energie- und Klimaökonomie an der ETH Zürich. Sie erforscht, wie sich Klimawandel und Energiewende auf Wirtschaft, Finanzmärkte und Staatshaushalt auswirken. Sie studierte in Chicago und an der Elite-Universität Yale, wo sie auch ihren Doktortitel erlangte. Bevor sie 2022 nach Zürich wechselte, lehrte die US-Ökonomin an mehreren renommierten amerikanischen Universitäten.
Bei der Landwirtschaft leuchtet mir der Zusammenhang ein: mehr Hitze, weniger Ernte. Aber weshalb ist die Gesundheit ein wirtschaftliches Risiko?
Erstens führt Hitze zu mehr Toten. Damit fallen Arbeit und Konsum weg. Aber die Gesellschaft gibt auch dem Leben per se einen hohen Wert. Hitze ist also wertvernichtend. Zweitens macht Hitze krank und führt zu Arbeitsausfällen. Und drittens steigen die Gesundheitskosten. Das wird in den meisten Untersuchungen massiv unterschätzt. Für die Schweiz halte ich es für besonders wichtig, weil die Gesundheitskosten hier ohnehin hoch sind.
Droht der Klima-Prämienschock?
Die Gesundheitskosten explodieren nicht, sondern steigen langsam. Deshalb würde ich, wenn schon, von einem klimabedingten Prämienanstieg und nicht von einem Schock sprechen. Das ist grundsätzlich so beim Klimawandel. Die Veränderungen kommen schleichend, können die Weltwirtschaft auf Dauer aber mehrere Billionen Dollar kosten.
Könnte die Schweiz mit ihrem gemässigten Klima nicht wirtschaftlich sogar vom Klimawandel profitieren?
Es gibt tatsächlich Schätzungen, dass die Schweiz eine Klimawandel-Gewinnerin sein könnte. Ich wäre damit aber sehr vorsichtig. Viele Kosten sind in den aktuellen Schätzungen noch gar nicht enthalten. Zum Beispiel Waldbrände, die erhebliche Zerstörung und Gesundheitsschäden anrichten können.
Sie warnen auch vor einem klimabedingten Loch in der Staatskasse. Was kommt da auf uns zu?
Auch das wird aktuell komplett unterschätzt. Der Staatshaushalt leidet nämlich gleich doppelt. Ausgaben für Naturkatastrophen, Infrastruktur und Gesundheit steigen. Und wegen der höheren Naturgefahren müssen die Staaten höhere Schuldzinsen zahlen. Sinkende Gewinne und Löhne und zerstörte Liegenschaften können zudem die Steuereinnahmen drücken. Es gibt gerade erste Hochrechnungen für die USA: Sie schätzen den Schaden, den der Klimawandel heute schon im Staatshaushalt hinterlässt, auf 50 Milliarden Dollar pro Jahr.
Klimaschutz ist auch nicht gratis.
Viele Klimaschutzmassnahmen kosten weniger als die Klimafolgen, die sie vermeiden. Manche können sogar Gewinn abwerfen, etwa durch innovative Technologien. Grob gesagt kostet jede Tonne CO2, die wir ausstossen, die Weltwirtschaft mindestens 120 Franken. Wenn wir also mit 120 Franken eine Tonne vermeiden, lohnt sich das. Zudem gilt: Je mehr sich das Klima erwärmt, desto schneller steigen die wirtschaftlichen Kosten.
Gibt es noch günstige Massnahmen, die wir nicht umgesetzt haben?
Ja, viele.
Welche?
Sehr bewährt hat sich der Emissionshandel, den man in der Schweiz noch ausweiten könnte. Er gibt Unternehmen einen Anreiz, CO2 dort einzusparen, wo es für sie am effizientesten ist. Gleichzeitig fördert er Innovation: Patente für CO2-arme Technologien sind in China und Europa seit der Einführung des Emissionshandels gestiegen. Die Schweiz sollte solche Innovationen vermehrt fördern. Allein CO2-freier Zement, an dem auch in der Schweiz geforscht wird, könnte global mehr CO2 einsparen, als das gesamte Land ausstösst.
Dann muss die Schweiz ihren eigenen CO2-Ausstoss gar nicht reduzieren?
Doch. Wie gesagt: Jede gesparte Tonne CO2 hat einen positiven Effekt – egal, wo sie eingespart wird.
Sie beschäftigen sich intensiv mit den negativen Folgen des Klimawandels. Wie vermeiden Sie Klimapanik?
Das Thema kann schon deprimierend sein. Ich versuche aber, mich auf die Fortschritte zu konzentrieren: Vor 15 Jahren gingen viele Modelle noch von einem Temperaturanstieg von mehr als vier Grad bis Ende des Jahrhunderts aus. Heute liegen die meisten Prognosen bei 2,5 bis 3,5 Grad. Das ist ein bedeutender Unterschied. Wir müssen zwar noch viel mehr tun und sind noch nicht auf dem richtigen Absenkpfad. Aber die grundsätzliche Richtung stimmt.