Darum gehts
«Alles wird teurer!» In den Onlinekommentarspalten häufen sich solche Äusserungen. Es sind keine Einzelmeinungen, auch in der regelmässigen Umfrage des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigt sich die Tendenz: Die Menschen in der Schweiz fühlen sich mit steigenden Preisen konfrontiert.
Demgegenüber steht die hierzulande historisch tiefe Inflation. Wenn das Bundesamt für Statistik (BFS) am Donnerstag die August-Zahlen bekannt gibt, erwarten Fachleute, dass die jährliche Teuerung bescheidene 0,5 Prozent betrug. Im Vergleich zum Vormonat sollen sich die Preise sogar überhaupt nicht verändert haben. Die aktuellen Zahlen sind keine Ausreisser nach unten: Es ist fast zwei Jahre her, dass die Inflation in der Schweiz über einem Prozent lag.
Woher kommt diese Differenz zwischen offiziell gemessener und gefühlter Teuerung?
Krankenkasse hat keinen Einfluss auf die Inflation
Die Krankenkassenprämien werden Jahr für Jahr teurer. Diesen Herbst erwartet der Vergleichsdienst Comparis einen Anstieg um fast vier Prozent; letztes Jahr waren es noch mehr. Das spüren die Versicherten im Portemonnaie. Trotzdem berücksichtigen die Behörden wie das BFS die Prämien nicht, wenn sie die Inflation berechnen.
Warum nicht? Der ungebremste Prämienanstieg hat zwei Ursachen: Gesundheitsprodukte und -dienstleistungen werden teurer, und die Leute beziehen immer mehr davon. Aber nur Ersteres beeinflusst die Inflation. Wenn die Ärztin für eine Untersuchung mehr verlangt, ist das für die Teuerung relevant. Gehen aber einfach mehr Patienten zum Arzt, steigen zwar die Prämien, nicht aber die Teuerung. Ein Ökonom erklärt gegenüber Blick: «Wenn das Auto teurer wird, zeigt sich das in der Inflationsstatistik. Kaufen Sie aber zwei Autos statt einem, bleibt die Teuerung unverändert.»
Häufig gekaufte Produkte fallen stärker auf
Wenn Lebensmittel, Benzin und andere Güter des täglichen Bedarfs teurer werden, fällt einem das sofort auf. Dagegen haben Preisveränderungen bei Produkten und Dienstleistungen, die nur unregelmässig gekauft werden, kaum Einfluss auf die gefühlte Inflation. Wer hat schon festgestellt, dass zum Beispiel Fernsehgeräte heute fast ein Viertel günstiger sind als vor einem Jahr?
Kommt dazu, dass die Medien gerne über krasse Preissteigerungen berichten. Wenn der Benzinpreis die Zwei-Franken-Marke knackt oder in Zürich-Witikon eine 4,5-Zimmer-Wohnung plötzlich 5300 Franken kostet, macht dies Schlagzeilen. Die günstigeren Fernseher tun es dagegen nicht. Auch das beeinflusst die Wahrnehmung.
Verluste wiegen schwerer als Gewinne
Die menschliche Psyche gewichtet Verluste höher als Gewinne. In der Fachsprache heisst das Verlustaversion. Und Preissteigerungen sind nichts anderes als der Verlust von Kaufkraft. Sie schmerzen deshalb mehr, als uns gleich grosse Preisnachlässe freuen.
Angenommen, die eine Hälfte der Produkte im Warenkorb, mit dem die Teuerung berechnet wird, wird teurer, während die andere Hälfte im gleichen Mass günstiger wird: Es herrscht faktisch Null-Inflation. Trotzdem fühlt es sich wegen der Verlustaversion so an, als stünde man Ende Jahr schlechter da.
Inflation ist nicht gleich Inflation
Alles nur psychologische Effekte und verzerrte Wahrnehmung also? Ist «Alles wird teurer» am Ende nur eine Illusion? Keineswegs. Erstens wird tatsächlich (meistens) alles teurer. Jahre mit negativer Teuerung sind rar. In den letzten zehn Jahren sanken die Preise nur zweimal: 2016 und 2020.
Zweitens gilt die statistische Inflation für einen durchschnittlichen Haushalt. Die erlebte Teuerung aber kann von Haushalt zu Haushalt anders aussehen. Kostet beispielsweise Fleisch mehr, ändert sich für den Vegetarier nichts. Die Grillliebhaberin aber muss plötzlich tiefer in die Tasche greifen.
Ausgerechnet Rentnerpaare ohne Kinder und Haushalte mit tiefen Einkommen bekommen aktuell die Teuerung stark zu spüren, wie Comparis berechnet hat.