Darum gehts
Zürich-Witikon wurde in den letzten Jahren von einer regelrechten Leerkündigungswelle erfasst. Das einst ruhige Wohnquartier am Hang des Adlisbergs traf das Sanierungs- und Verdichtungsregime der Stadt mit voller Wucht. In kaum einem anderen Stadtquartier wurden mehr Leerkündigungen ausgesprochen.
Immer wieder wurden grosse Wohnblöcke komplett geräumt – etwa am Kienastenwiesweg, am Oeschbrig und an der Witikonerstrasse. Erst kürzlich kam es wieder zu einer Massenkündigung an der Buchholzstrasse sowie an der Carl-Spitteler-Strasse.
Die Altbauten wurden zum grossen Teil abgerissen und durch luxuriöse Neubauten ersetzt. Einige davon sind inzwischen bezugsbereit und bewohnt. Doch längst nicht überall, wo die Baugerüste längst abtransportiert worden waren, ging auch das Licht an.
Zwei der drei Blöcke fast leer
Blick weiss: In den riesigen neuen Wohnblöcken am Oeschbrig 8 bis 14 stehen von den insgesamt 69 Wohnungen noch mehr als die Hälfte leer. Die Bilder vor Ort muten gespenstisch an. Wie eine Geistersiedlung stehen die Liegenschaften am äussersten Rande der Stadt. Nur in einem der drei Wohnblöcke scheint etwas Leben eingezogen zu sein. Die anderen zwei stehen grösstenteils leer.
Und das nicht etwa, weil sie noch nicht fertiggestellt sind. Der Erstbezug war am 1. Juni 2026, also vor über zwei Monaten. Auch verwundert: Nur ein Bruchteil der Wohnungen der Luxusüberbauung mit dem Projektnamen Halo Homes ist auf den gängigen Immobilienportalen wie Homegate und Immoscout ausgeschrieben.
Teuer und abgelegen
Das sei ein bewusster Entscheid, sagt der Vermarkter Yuna Real Estate auf Anfrage von Blick. Man trage damit auch der spezifischen Positionierung der Überbauung Rechnung. «Es ist ein sehr hochwertig realisiertes Projekt mit einem Ausbaustandard auf Eigentumswohnungsniveau und entsprechend positionierten Mietzinsen», so der Vermarkter. Das mache die Erstvermietung eines Projekts dieser Grösse naturgemäss anspruchsvoller.
Klar – je höher der Mietzins, desto kleiner wird das Zielpublikum. Eine 2,5-Zimmer-Wohnung in der neuen Überbauung kostet 3300 Franken. Eine 4,5-Zimmer-Wohnung gibts für 5300 Franken. Diese Mietpreise sind inklusive Nebenkosten – aber ohne Parkplatz. Preise, die für den Mittelstand schwer zu stemmen sind.
Astronomische Preise für diese Randlage! Witikon gehört zwar noch zu Zürich, doch das Quartier ist abgelegen und wird zuweilen auch als «Altersheim von Zürich» bezeichnet. «Witikon bietet viel Ruhe, Grün und eine sehr hohe Wohnqualität, ist aber nicht mit zentraleren Stadtlagen gleichzusetzen», sagt Yuna Real Estate. Auch deshalb spreche man eine etwas spezifischere Zielgruppe an.
Xania hat Finger mit im Spiel
Den Eigentümer der Liegenschaft will der Vermarkter Blick gegenüber nicht nennen. Eine kurze Recherche ergibt jedoch: Die Liegenschaften gehören der Dabraux Holding mit Sitz in Zug. Dabraux ist eng mit Xania verknüpft. Letztere hat sich in Zürich einen Namen als Mieterschreck gemacht. Bekannt dafür, sanierungsbedürftige Liegenschaften zu kaufen und in Luxusbauten umzuwandeln.
Dabraux und Xania verbinden Beteiligungen und mehrere Immobilienprojekte. Interessant: Im Verwaltungsrat der Dabraux Holding sitzen mehrere Personen mit demselben Nachnamen wie der Xania-Gründer.
«Alles viel zu teuer!»
Luxus-Neubauten wie Halo Homes sind in Witikon kein Einzelfall. Sie verdrängten seit 2019 Hunderte Witikerinnen und Witiker, die sich die neuen Mieten nicht mehr leisten können – viele davon Seniorinnen und Senioren. So auch Christina Petermann (83), die wegen einer Aufstockung aus einem Witiker Wohnblock mit Baujahr 1971 rausmusste. Sie hatte das grosse Glück, dank einer Stiftung wieder eine bezahlbare Wohnung im Quartier zu finden, wie Blick damals berichtete.
Petermann beobachtet seit Jahren, was in Witikon passiert. «Ich weiss, dass immer noch viele Wohnungen in mehreren Neubauten leer stehen», sagt sie zu Blick. «Das ist auch nicht weiter verwunderlich, es ist alles viel zu teuer!»
Die neue Realität ihres geliebten Stadtquartiers beelendet die Rentnerin: «Es ist einfach deprimierend. Ich denke an die Leute, Familien, die verzweifelt suchen und hoffen.»
Die Spirale dreht weiter
Genau das ist die Realität vieler Stadtzürcher. Der Wohnungsmarkt ist mit einer Leerstandsquote von rund 0,1 Prozent extrem angespannt. Während bezahlbarer Wohnraum verschwindet, werden mehr Luxuswohnungen gebaut, als der Markt absorbieren kann.
Und während der eine Neubau in Witikon noch zur Hälfte leer steht, steht ein paar Strassen weiter bereits der nächste Erstbezug an. An der Carl-Spitteler-Strasse in Witikon können ab dem 1. September 21 exklusive Mietwohnungen bezogen werden – zwölf davon sind noch zu haben.