Darum gehts
Der Erdölpreis stieg am Freitag auf über 108 US-Dollar. Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten spüren die Auswirkungen bereits an den Zapfsäulen oder wenn sie daheim ihren Heizöltank auffüllen möchten. Aktuell hoffen alle auf den von der US-Regierung angekündigten kurzen Krieg, der in wenigen Wochen vorbei sein soll.
Ein baldiges Kriegsende ist jedoch nicht in Sicht. Hält sich der Ölpreis längere Zeit bei über 105 US-Dollar, drohen den Erwerbstätigen in der Schweiz gemäss der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich Einkommensverluste zwischen knapp 500 und 750 Franken. Gemäss KOF-CO-Direktor Hans Gersbach (66) wären die wirtschaftlichen Auswirkungen bei einem derart hohen Ölpreis hierzulande stärker spürbar als die kurzzeitigen US-Zölle von 39 Prozent im letzten August.
Die Schweizer Wirtschaft würde in diesem Szenario nur noch geringfügig wachsen. Der Ölpreisschock würde die verschiedenen Wirtschaftssektoren jedoch sehr unterschiedlich treffen.
Luxusprodukte und Maschinenbau unter Druck
Als Exportnation verdient die Schweiz 70 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung mit dem Verkauf von Dienstleistungen und Gütern im Ausland. Ein anhaltend hoher Ölpreis bremst das globale Wachstum deutlich aus. Das führt zu einer sinkenden Nachfrage bei den Schweizer Exportfirmen. Ausländische Unternehmen verschieben den Kauf von Investitionsgütern nach hinten. Das trifft zum einen die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie.
Ein globaler Wirtschaftsdämpfer senkt aber auch die Nachfrage in der ausländischen Automobilindustrie und belastet die Investitionen im Bausektor. Das sind beides wichtige Kunden der Schweizer Chemie-Industrie, deren Umsätze deshalb ebenfalls unter Druck geraten.
Auch der private Konsum erhält einen Dämpfer: Wachsen die Firmenumsätze weniger stark, bedeutet das für die Angestellten geringere Lohnerhöhungen. Ein langfristig hoher Ölpreis lässt zudem die Preise vieler Produkte steigen. Die Privathaushalte haben also weniger in der Tasche. Die Konsumstimmung sinkt. Das hat Folgen für die Verkaufszahlen der Luxusgüterhersteller wie den Schweizer Uhrenproduzenten. Vor allem die Nachfrage nach Einstiegsprodukten im Luxussegment nimmt in diesem Fall ab. Das sehr hochpreisige Segment hingegen ist deutlich krisenresistenter, da sehr reiche Haushalte bei einem tieferen Wachstum nicht plötzlich sparen müssen.
Tourismussektor gleich mehrfach betroffen
Der Schweizer Tourismussektor ist bei einem anhaltend hohen Ölpreis gleich in mehrerer Hinsicht betroffen. Einerseits steigen die Flugkosten wegen höherer Kerosinpreise. Andererseits gibt die Mittelschicht weniger Geld für Ferien aus. Solange der Betrieb wichtiger ÖV-Hubs wie dem Flughafen in Dubai massiv eingeschränkt ist, droht zudem ein teilweiser Wegfall der Gäste aus Asien und dem Nahen Osten.
Die Transport- und Logistikbranchen sind über höhere Spritpreise am direktesten betroffen. Das gilt ebenso für energieintensive Produktionen wie der Herstellungen von Baustoffen oder Kunststoffen.
In unsicheren Zeiten neigt zudem der Schweizer Franken zur Stärke, was bei den exportorientierten Firmen zusätzlich auf die Margen schlägt.
Die Schweizer Wirtschaft hat sich in der Vergangenheit aber jeweils als sehr krisenresistent erwiesen. Das liegt unter anderem an der Pharmaindustrie, deren Absätze sich auch in turbulenten Zeiten als sehr robust zeigen.