Darum gehts
Die SBB fahren eigentlich auf Kurs. 1,45 Millionen Fahrgäste hat die Staatsbahn im ersten Halbjahr 2026 täglich transportiert – 4 Prozent mehr als im Vorjahr und ein neuer Rekord. Auch die Pünktlichkeit ist mit 94 Prozent weiterhin europaweit Spitze. Doch Zahlen interessierten am Mittwochvormittag niemanden wirklich. Im Fokus am Medienanlass in Zürich stand André Wyss (59). Seit rund 100 Tagen ist der neue Verwaltungsratspräsident der SBB im Amt. Er stellte sich ein erstes Mal der Öffentlichkeit.
Für seinen ersten Auftritt hat sich Wyss die passende Bühne gesucht. Nah bei den Leuten und bei den SBB-Angestellten möchte er sich zeigen. Deshalb lädt er ins SBB-Reparaturcenter in Zürich-Altstetten. Mit oranger Warnweste über dem Jackett und flankiert von SBB-CEO Vincent Ducrot (63) und SBB-Finanzchef Franz Steiger (54) begleiten laute Warntöne und kreischende Sägen der laufenden Reparaturarbeiten seinen Auftritt.
SBB mit vielen Baustellen
«Nach meinen ersten 100 Tagen als Verwaltungsratspräsident der SBB ist klar: Die SBB ist stark, pünktlich, stabil und sicher», erklärt Wyss zu Beginn im Hinblick auf die guten Zahlen seines Konzerns. Um gleich zu mahnen: «Die grosse Aufgabe ist sicherzustellen, dass die SBB auch in zwanzig Jahren handlungsfähig ist.» Auch wenn die Halbjahreszahlen gut aussehen, auf den Aargauer Topmanager warten grosse Herausforderungen.
Denn neben dem erfolgreichen Passagiergeschäft plagen die SBB grosse finanzielle Sorgen. Das Staatsunternehmen hat Schulden in der Höhe von 11,5 Milliarden Franken. Gleichzeitig erzielt es zu niedrige Gewinne, um den teuren Unterhalt des Bahnnetzes bezahlen zu können. Bis zum Amtsantritt von Wyss haben sich bereits Unterhaltsarbeiten für 9,5 Milliarden Franken angestaut. Bedeutet: Die SBB kommen nicht hinterher, das eigene Netz instand zu halten.
Hier möchte Wyss ansetzen: «Substanzerhalt und Unterhalt haben höchste Priorität.» Dieser solle dort stattfinden, wo er den grössten Nutzen hat. Konkrete Massnahmen, wie er dies angehen möchte, präsentierte Wyss aber nicht. Vor allem aufgrund seiner Vergangenheit wird Wyss aber zugetraut, bei den Bauprojekten Impulse zu setzen. Von 2018 bis 2024 war er Geschäftsführer von Implenia. In dieser Rolle hat er den Schweizer Bauriesen stabilisiert und in ruhigere Gewässer geführt. Diese Erfahrung soll den SBB jetzt bei ihren eigenen Grossbaustellen wie dem Spurausbau zwischen Winterthur und Zürich, dem Ausbau des Bahnhofs Bern oder dem Bau des Ligerztunnels bei Biel BE helfen.
Effizienzsteigerungen als Schlüssel
Doch was für seine Vorgängerin, Monika Ribar (66), galt, gilt auch für André Wyss: Sein Spielraum ist begrenzt. Beim Bahnausbau gibt die Politik den Takt vor, die Ticketpreise bestimmt die Branche als Ganzes. Auch aus diesem Grund richtet Wyss seinen Blick nach innen. 500 Millionen Franken Gewinn müssten die SBB jährlich erzielen, um das Netz instand zu halten. Dafür setzt Wyss auf Kosteneinsparungen durch Innovation und Effizienzsteigerungen. Massnahmen wie die Digitalisierung der Stellwerke und eine automatisierte Betriebsführung sollen die erhofften Kosteneinsparungen bringen. Das Wort Stellenabbau wollte er nicht in den Mund nehmen.
Und auch für die Kundinnen und Kunden soll das Angebot weiter verbessert werden. Potenzial sieht Wyss dabei im internationalen Personenverkehr. Neben einer vertieften Zusammenarbeit mit den Bahnunternehmen der Nachbarländer setzen die SBB auch auf die Entwicklung neuer Verbindungen. Neben der geplanten Linie nach London sollen auch Amsterdam, Barcelona und Rom in einigen Jahren direkt mit der Schweiz verbunden sein. Zusätzlich soll mit Myride ein einfacheres und transparenteres Tarifsystem schweizweit eingeführt werden. Erste Pilotversuche laufen bereits.
Keine grossen Sprünge
Wer den grossen Wurf erwartet hatte, wurde beim ersten Auftritt von Wyss enttäuscht. Die Probleme waren bereits bekannt. Und neue Lösungen hat der neue Präsident auch nicht im Köcher. Seine erste grössere Entscheidung steht an, wenn CEO Vincent Ducrot nach sieben Jahren im Amt im Herbst 2027 in Pension geht.
Abhängigkeit von der Politik, angeschlagene Infrastruktur, komplizierter Bahnbetrieb: Wyss muss bald einen Nachfolgerin oder Nachfolger für Ducrot präsentieren, der bei diesem Balanceakt im Takt bleibt.