Darum gehts
- Public Viewings in der Schweiz trotz später Anspielzeiten gut besucht
- Maag-Halle in Zürich musste tausend Leute abweisen – um 5 Uhr morgens
- Bierverkauf auch frühmorgens stärker als Kaffee und Gipfeli
Das Wort «Public Viewing» wurde im Mai 2004 zum ersten Mal in einem Schweizer Medium erwähnt – in Zusammenhang mit einem Event in Zug, bei dem die Spiele der Europameisterschaft auf Grossleinwand gezeigt wurden. An der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, im Jahr des «Sommermärchens», gab es dann zum ersten Mal Public Viewings in grossem Stil, ein Jahr danach wurde das Wort in den Duden aufgenommen.
Dass Public Viewing ein Scheinanglizismus ist, der im englischen Sprachraum «öffentliche Aufbahrung» bedeutet, ist ein Funfact, den sich Besucher von Public Viewings gern erzählen.
Viele glaubten nicht an ein gutes Geschäft
Etwas mehr als 20 Jahre alt sind das Wort und das Phänomen also mittlerweile – und wie die Umfrage bei Schweizer Public-Viewing-Betreibern zeigt, sind sie noch längst nicht tot. Dabei hatten viele in der Branche befürchtet, das Geschäft werde dieses Jahr nicht besonders gut laufen.
Die Voraussetzungen waren nicht optimal: Viele Matches an den Spielorten in den USA, Mexiko und Kanada wurden erst zu Zeiten angepfiffen, zu denen der anständige Schweizer sich bereits zur Nachtruhe begeben hat. Patrik Hasler-Olbrych (52), stellvertretender Direktor des Wirteverbandes Gastrosuisse, zu Blick: «Die späten Anspielzeiten waren für die Betriebe anspruchsvoll, insbesondere wegen Personalplanung, Bewilligungen, Sicherheit und Lärmschutz.»
«Mitten in der Nacht Lust auf Fussball»
Doch die Sorgen erwiesen sich als unbegründet. In der Maag Halle etwa, mit 1700 Plätzen eines der grössten Public Viewings der Stadt Zürich, war der Andrang riesig. Cyril Schneider (45), Verantwortlicher Public Viewing beim Veranstalter Maag Moments, bilanziert: «Wir sind sehr zufrieden mit dieser WM. Es hat sich gezeigt, dass die Leute auch mitten in der Nacht Lust haben, gemeinsam Fussball zu schauen.» Den Run führt Schneider hauptsächlich auf den Erfolg der Schweizer Nationalmannschaft zurück. «Wäre es der Nati nicht gut gelaufen, hätte es wohl anders ausgesehen.»
So aber standen in der Nacht auf letzten Sonntag vor dem Viertelfinal gegen Argentinien 2500 Personen vor der Maag Halle an – fast tausend mussten abgewiesen werden. «Die Euphorie war riesig – und wir stellten fest, dass sich auch um 5 Uhr morgens Bier besser verkauft als Kaffee und Gipfeli», sagt Schneider. Noch kann man beim Schweizer Brauereiverband nicht beziffern, wie stark der Bierkonsum während der WM zugenommen hat, wie es auf Anfrage heisst. Man gehe aber davon aus, dass sich das Weiterkommen der Schweiz positiv auf die Nachfrage ausgewirkt habe.
«Mulmiges Gefühl» war unbegründet
Die Maag Halle in Zürich füllte sich nicht nur mit Nati-Fans, wie Schneider sagt. Full House herrschte auch beim Achtelfinal zwischen den USA und Bosnien, der um 2 Uhr morgens begann: Die hiesige bosnische Gemeinschaft versammelte sich vor dem Grossbildschirm.
Das Public Viewing «Zum glatten Köbi» – benannt nach Jakob Kuhn (1943–2019), FCZ-Legende und später Nati-Trainer – existiert in Zürich seit 2004. Gründer Michael Vonplon (53), der den «glatten Köbi» gemeinsam mit seinem Partner Mijndert Hoogendoorn betreibt und jeweils mit einer Fussball-Ausstellung begleitet, sagt ebenfalls: «Bei uns ist diese WM überraschend gut gelaufen.» Angesichts der Spielzeiten habe er zuerst ein «mulmiges Gefühl» gehabt. Gezeigt wurde ausnahmslos jeder Match – und jeder fand seine Zuschauer. Vonplon: «Zum Beispiel Norwegen – Irak, angepfiffen um Mitternacht: Dieses Spiel verfolgten bei uns Angehörige beider Nationen gemeinsam.»
Es blieb friedlich – bis auf eine Ausnahme
Auf der Kasernenwiese in Basel versammelten sich regelmässig mehrere Tausend Personen vor der grossen LED-Wand. Public-Viewing-Mitinitiant Piero Vecchioli (47) sagt zu Blick: «Wir hatten unglaubliches Wetterglück.» Auch auf der Kasernenwiese wurde vor allem mit der Nati mitgefiebert – aber nicht nur: «Auch Deutsche, Franzosen, Spanier, Portugiesen, Anhänger der nordafrikanischen Teams sowie von Brasilien und Argentinien kamen zu uns – hier zeigte sich die kulturelle Vielfalt von Kleinbasel.»
Nur beim Viertelfinal der Schweiz gegen Argentinien gab es dann unschöne Szenen: Nach der Gelb-Roten Karte gegen Embolo und dem 2:1 von Argentinien kam es zu Becher- und Dosenwürfen frustrierter Schweizer in Richtung der gegnerischen Fans. Vecchioli, der für diesen Match das Sicherheitspersonal aufgestockt hatte, sagt: «Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert. Sonst blieb es immer friedlich. Bei uns waren alle Nationen und alle Schichten durch Fussball vereint – vom Obdachlosen bis zum Millionär.»
«Publikum ist jünger geworden»
Wie haben die späten Anspielzeiten den Charakter der Public Viewings verändert? Befürchtungen, dass man mehr Probleme mit Alkoholisierten habe, haben sich laut Cyril Schneider von der Maag Halle nicht bewahrheitet. «Wegweisungen mussten wir nur gelegentlich vornehmen – gegen Personen, die eigenen Alkohol reinschmuggelten.» Festgestellt habe er aber, dass das Publikum jünger geworden sei. «Ältere verfolgten die Spiele wohl eher in einer ruhigen Bar oder zu Hause.»
Auch beim nächsten grossen Turnier soll in der Maag Halle wieder ein Public Viewing stattfinden. Allerdings unter einer Bedingung. Schneider: «Die Schweiz muss sich qualifizieren. Ist die Nati nicht dabei, rechnet es sich für uns nicht.»
Hoffen auf Italien
Und auch auf die Qualifikation einer weiteren Nation hofft der Public-Viewing-Betreiber: «Es wäre schön, wenn Italien das nächste Mal wieder dabei wäre. Das brächte viele Leute.»
Viel Publikum wird Schneider noch einmal am Sonntagabend empfangen: Die argentinische Community wird den WM-Final in der Maag Halle verfolgen, während sich die Spanien-Fans traditionsgemäss im Zürcher Langstrassenquartier versammeln.







