Darum gehts
- Slavko Vincic leitet WM-Final Spanien gegen Argentinien am Sonntag in New York
- 2020 wegen Verbindung zu Kriminalfall verhaftet, später aber freigelassen
- Argentinien gewann 13 WM-Spiele in Folge seit Vincic-Spiel 2022
«Der Schiri wird Slavko sein.» Diese Worte von Fifa-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina (66) sorgen bei Slavko Vincic (46) für einen Gefühlsausbruch, wie man ihn an Weltmeisterschaften eigentlich nur von Spielern, Fans oder Trainern kennt. Dem Star-Referee kommen die Tränen, er vergräbt das Gesicht in seinen Händen, während ihm seine Kollegen Beifall klatschen.
Der WM-Final zwischen Spanien und Argentinien am Sonntag wird zum persönlichen Highlight seiner Karriere. Der Höhepunkt eines kontinuierlichen Aufstiegs. 2016 das erste Champions-League-Spiel, 2021 die ersten Einsätze in der K.o.-Runde der Königsklasse, 2022 der Europa-League-Final zwischen Eintracht Frankfurt und den Glasgow Rangers und die ersten WM-Einsätze in Katar, 2024 der bisherige Höhepunkt mit dem Champions-League-Final zwischen Dortmund und Real Madrid.
Ein Aufstieg, der auch durch eine Verhaftung im Mai 2020 nicht aufgehalten wurde. Damals wurde er bei einer Razzia gegen einen Waffen-, Drogen- und Prostitutionsring im bosnischen Bijeljina festgenommen. Lokale Medien berichteten von einer Sex-Party mit viel Alkohol und Kokain. Vincic sprach von einer Einladung nach einem Geschäftsmeeting – er ist Inhaber einer Metallfirma –, auf die er dummerweise eingegangen sei und die sich als sein «grösster Fehler» herausgestellt habe. Da Vincic geglaubt wurde, dass er mit den gesuchten Personen, von denen einige im Anschluss verurteilt wurden, nichts zu tun habe, durfte er die Polizeiwache schnell wieder verlassen.
«Cleverer Schachzug von Infantino»
Vincics Nominierung für den Final ruft nicht nur alte Räubergeschichten in Erinnerung, sondern sorgt in einer von Politik aufgeladenen WM auch sofort für Diskussionen im Internet. Für Ex-DFB-Schiri Manuel Gräfe (52), der auf seinen Social-Media-Kanälen das WM-Geschehen aktiv kommentiert, ist beispielsweise klar: «Das ist von der Fifa ein Friedenszeichen an die Uefa. Cleverer Schachzug von Infantino (Fifa-Präsident, Anm. d. Red.) und Collina, denn den Slowenen Vincic im Finale zu nominieren, ist ein Geschenk an den slowenischen Uefa-Präsidenten Ceferin. So versucht man, die Wogen zu glätten, und hofft auf weniger Widerstand aus Europa zur Wiederwahl.»
Eine Meinung, die Blick-Schiedsrichterexperte Urs Meier (67) nicht teilt. «Ich würde da kein politisches Feld aufmachen. Die Meinungen sind bei der Uefa längst gemacht, ob Vincic jetzt aus Slowenien kommt oder nicht», erklärt er.
Für Meier ist die Nominierung nachvollziehbar. «Er hat in der Vergangenheit gezeigt, was für ein guter Schiedsrichter er ist. Von seiner Qualität und seinem Auftreten her ist er ein würdiger Final-Schiedsrichter.» Er hält aber auch fest, dass Vincic im Champions-League-Viertelfinal des FC Bayern gegen Real Madrid (4:3) den einen oder anderen Wackler drin gehabt habe.
Damals schickte er Reals Eduardo Camavinga (23) wegen Ballwegschlagens mit Gelb-Rot vom Platz. Viele vermuteten, dass ihm dabei zunächst nicht bewusst gewesen sei, dass der Franzose bereits verwarnt war. Die spanischen Medien tobten nach dem Ausscheiden der Königlichen und gaben dem Unparteiischen die Schuld. «Welch eine Ungerechtigkeit!», meinte die madrilenische «Marca».
Euphorie statt Angst in Spanien
Von diesem Groll ist heute nichts mehr zu spüren. Die «Marca» erwähnt das Bayern-Spiel gar nicht und schreibt vom «Schiedsrichter der letzten WM-Niederlage Argentiniens». Vincic war es nämlich, der an der WM in Katar Argentiniens Auftaktpartie gegen Saudi-Arabien (1:2) leitete. Seither reihten die Gauchos 13 WM-Siege aneinander. Ebenfalls herausgehoben wird in den spanischen Medien, dass Spanien von den fünf von Vincic geleiteten Partien, unter anderem im EM-Halbfinal 2024 gegen Frankreich, noch nie verloren hat. Und dass Vincic im Sechzehntelfinal zwischen Mexiko und Ecuador auf Basis der «Vinicius-Regel» (Verdecken des Mundes) Rot gegen Piero Hincapie (24) zeigte. Die Regel wurde eingeführt, nachdem der Argentinier Gianluca Prestianni (20) Reals Vinicius hinter vorgehaltener Hand beleidigt hatte.
Der Titel des baskischen «El Correo» bringt die Stimmung in Spanien gut zum Ausdruck: «Spanien erzielt mit dem Schiedsrichter das erste Tor des Finales.» Die Angst vor einem weiteren Schiedsrichter mit Argentinien-Bonus, von dem an der WM oft die Rede ist, ist der Euphorie gewichen.