Darum gehts
- Wohnungsnot in der Schweiz – aber nur für Mittelstand und Geringverdiener
- Anzahl von günstigen Wohnungen sank in den letzten sechs Jahren um 60 Prozent
- Das Angebot an Luxuswohnungen nimmt stetig zu
In der Schweiz herrscht nun offiziell Wohnungsnot – aber gleichzeitig stehen Neubauten in Zürich zur Hälfte leer. Was läuft hier schief? Das Problem: Bauen allein reicht nicht, wenn dadurch nur teure Luxuswohnungen entstehen.
Die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen: In der Schweiz stehen noch 0,93 Prozent aller Wohnungen leer. Sinkt der Leerstand unter die Marke von 1 Prozent, wird von akuter Wohnungsnot gesprochen. Die Leerwohnungsziffer gibt an, wie hoch der Anteil leer stehender Miet- und Eigentumswohnungen gemessen am Bestand ist. Was sie nicht zeigt: Wie viele dieser verfügbaren Wohnungen für die Bevölkerung noch bezahlbar sind.
Mehr bauen reicht nicht
Und genau da liegt das Problem: Wohnungen für Menschen mit tiefen und mittleren Einkommen verschwinden zunehmend, während das Angebot an teuren Wohnungen stetig zunimmt. Das zeigen aktuelle Zahlen von Wüest Partner, die Blick exklusiv vorliegen: In den letzten sechs Jahren ist das Angebot an günstigen Wohnungen in der Schweiz um 60 Prozent zurückgegangen, während immer mehr teure Wohnungen auf den Markt kommen!
Als teuer gelten in diesem Fall Wohnungen ab mindestens 320 Franken pro Quadratmeter und Jahr. Das heisst: mindestens 2670 Franken monatlich für eine 100-Quadratmeter-Wohnung. Das sind nicht zwingend Luxusbauten. «Neubauten müssen vor allem hohe Bodenpreise decken», sagt Robert Weinert (47), Immobilienexperte von Wüest Partner. «Auch gestiegene Bau- und Finanzierungskosten treiben die Preise in die Höhe.» Deshalb kommen Neubauten meist zu höheren Marktmieten auf die Immobilienplattformen.
«Neubauten sind teuer», sagt auch Fredy Hasenmaile (59), Chefökonom von Raiffeisen Schweiz. Das sei ein hausgemachtes Problem. «Eine überbordende Regulierung sorgt dafür, dass Bauen immer mehr kostet.»
Luxussiedlungen stehen halb leer
In Zürich sorgen solche Neubauten inzwischen für ausgestorbene Wohnquartiere: Etwa in Witikon, wo in den vergangenen Jahren Tausende Mieterinnen und Mieter durch Leerkündigungen verdrängt wurden. Altbauten wurden abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Bloss: Diese Neubauten stehen heute zur Hälfte leer. Der Grund: Die Preise der neuen Wohnungen sind für den grössten Teil der Bevölkerung schlicht nicht bezahlbar. Eine 4,5-Zimmer-Wohnung gibts in Witikon für 5300 Franken.
Oder in Regensdorf, wo die Neubautätigkeit in den letzten Jahren ebenfalls aussergewöhnlich hoch war. Zwei grosse Wohntürme sollen dort neue Anwohner anlocken. Das 75 Meter hohe Holzhochhaus, das höchste der Schweiz, ist seit einem Jahr bezugsbereit. Der zweite Wohnturm seit Anfang Monat. Von den total 320 Wohnungen ist knapp jede fünfte nicht vermietet – und das in Zeiten der Wohnungsnot!
Grosse Wohnungen unbewohnt
Am häufigsten stehen grosse Appartements leer. Das zeigen die Leerstandszahlen des Kantons Zürich. Wohnungen mit sechs oder mehr Zimmern haben mit 0,6 Prozent die höchste Leerwohnungsziffer. Fünfzimmerwohnungen die zweithöchste. Das ist aussergewöhnlich. Denn bisher hatten gerade grosse Wohnungen die tiefste Leerwohnungsziffer.
Zu den grossen Objekten, die leer stehen, zählen auch viele Einfamilienhäuser. Sie finden keine Abnehmer mehr. Rund 700 Einfamilienhäuser stehen im Kanton Zürich derzeit leer. Das entspricht einer Leerwohnungsziffer von 0,58 Prozent. Das liegt über dem Zehnjahresdurchschnitt!
Ursina Kubli (45), Leiterin Immobilien-Research der ZKB, erklärt das so: «Einerseits kommen aufgrund des ansteigenden Lebensalters der Eigenheimbesitzer etwas mehr Objekte in den Verkauf», sagt sie. Andererseits dauere die Vermarktung im heutigen Preis- und Zinsumfeld länger. Auch hier gilt also: «Die hohen Preise sind ein Dämpfer.»